München

Erinnern als Waffe

Mit einer gemeinsamen Schabbatfeier begannen die Tage der Erinnerung, die die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG) gemeinsam mit dem FC Bayern München anlässlich des Internationalen Holocaustgedenktags am vergangenen Wochenende veranstaltete. Verschiedene Termine standen auf dem Programm: eine Synagogenführung, ein Gottesdienst und ein Fan-Dialog am Freitag.

Es hatten sich so viele Mitglieder angemeldet, dass 50 Teilnehmer ausgelost werden mussten, um den Rahmen nicht zu sprengen. Am Samstag wurde in der Allianz Arena vor dem Fußballspiel ein Imagefilm über den Einsatz gegen Diskriminierung gezeigt. Am Sonntag gab es ein gemeinsames Bällekicken in der Fred-Brauner-Turnhalle mit der Profifußballerin Jovana Damnjanovic und eine zweite Synagogenführung. Unter dem Motto »Gemeinsam erinnern – gemeinsam die Zukunft gestalten« sollte ein Zeichen gegen Antisemitismus und jegliche Art der Diskriminierung gesetzt werden.

tragik »Es ist die Tragik unserer Zeit, dass solche Zeichen wieder nötig sind«, sagte Charlotte Knobloch in ihrer Begrüßung. Das »Nie wieder«, das ewige Gültigkeit haben sollte, sei heute wieder in Gefahr, so die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. »Die stärkste Waffe ist das Erinnern.« Um diesem Gedanken Nachdruck zu verleihen, versammelten sich Mitglieder der Gemeinde und des Sportvereins sowie geladene Gäste aus Bildung, Kultur und Politik am Sonntag zu einer Diskussion im Gemeindezentrum.

Ehrengast Edmund Stoiber war anwesend, der in seiner Zeit als bayerischer Ministerpräsident das Jüdische Gemeindezentrum im Herzen der Stadt mit erbaut und eingeweiht hatte. Vor der Gesprächsrunde stellte er den Veranstaltern dieselbe Frage, die Schriftstellern, Filmemachern und Designern gestellt wird, wenn ihre Werke von Erfolg gekrönt sind. Wie und wo entstand die Idee zu diesem Erinnerungsprojekt?

Die Kooperation des FC Bayern München und der Israelitischen Kultusgemeinde ist ein großer Erfolg, darin waren sich die Veranstalter einig.

Die Kooperation des FC Bayern München und der Israelitischen Kultusgemeinde sei ein großer Erfolg, darin waren sich die Veranstalter einig. Und es sei eine Zusammenarbeit, die nicht nur zufrieden, sondern darüber hinaus auch glücklich gemacht habe, führte Charlotte Knobloch in ihrer Antwort weiter aus. Für diese Einschätzung erhielt sie gleichermaßen zustimmenden Applaus von Podium und Publikum.

gesprächsrunde Tatsächlich war es Guy Fränkel, der im Vereinsheim die Idee für ein gemeinsames Projekt von FC Bayern München und IKG mit Geschäftsführer Benny Folkmann entwickelt hatte. Neun Monate später wurde daraus Realität. Fränkel, der sein erstes Bayern-Trikot schon als Fünfjähriger trug und die Gesprächsrunde zum Thema Erinnerungskultur am Sonntag moderierte, sprach denn auch von »meiner Gemeinde und meinem Verein«. Auf dem Podium begrüßte er neben Charlotte Knobloch den Präsidenten des Fußballvereins, Herbert Hainer, und den Sportjournalisten und Fußballkommentator Marcel Reif.

Wie wichtig die Arbeit des FC Bayern München für die Erinnerungskultur sei, beschrieb Sportexperte Reif so: Der Verein habe eine Strahlkraft für die Stadt und sei ein »Big Player«. »Er hat eine Geschichte, mit der umgegangen werden muss«, so Reif. Dabei müsse nicht nur an die Opfer erinnert werden. Der Holocaust hätte Humor, Intellekt und sportliche Leistungen geraubt. Der FC Bayern München beispielsweise sei ohne die Persönlichkeit Kurt Landauers nicht denkbar.

Kurt Landauer war bereits als Jugendlicher Fan des FC Bayern, spielte selbst als Torhüter in der zweiten Mannschaft und war in vier Amtszeiten insgesamt 18 Jahre lang Präsident des Vereins. In dieser Position war er auch, als der Verein 1932 den ersten Meistertitel holte. Wenige Monate später kamen die Nationalsozialisten an die Macht. Landauer musste sein Amt niederlegen, wurde 1938 für 33 Tage im KZ Dachau interniert und konnte 1939 in die Schweiz fliehen.

überwindung Er kam nach Kriegsende nach München zurück, wurde 1947 erneut zum Präsidenten gewählt und baute den Verein wieder auf. »Ich habe ihn in meiner Jugend kennengelernt«, teilte Charlotte Knobloch ihre Erinnerungen mit dem Publikum. »Er kam zu meinem Vater, weil er einen juristischen Rat brauchte.« Nach Deutschland zu kommen oder dort zu bleiben, wäre eine Überwindung für viele Holocaust-Überlebende gewesen. Und nicht alle hätten die Überlebenden so gut aufgenommen, wie Kurt Landauer »von seinen Bayern« aufgenommen wurde.

Auch heute stünden Juden im Fadenkreuz von Hass, mahnte Charlotte Knobloch.

Auch heute stünden jüdische Menschen im Fadenkreuz von Hass, mahnte Knob­loch, »aber das Fundament, auf dem nach 1945 alles aufgebaut wurde, lautet: Nie wieder! Es steht für eine Gesellschaft alles auf dem Spiel, wenn die Vergangenheit wieder zur Gegenwart wird.« Mit den Worten »Kurt Landauer wäre sehr stolz auf seinen Verein« dankte sie dem FC Bayern München für sein Engagement.

Landauers Lebensweg und -werk sind auf einem Banner nachzulesen, das Teil der Wanderausstellung verehrt – verfolgt – vergessen. Opfer des Nationalsozialismus beim FC Bayern München ist, die im Rahmen der Veranstaltung an diesem Wochenende ebenfalls eröffnet wurde. Die Schau entstammt dem vereinseigenen Museum und wurde für diesen Anlass eigens neu gestaltet. Im Jahre 2016 hatte der FC Bayern eine unabhängige Studie beim Institut für Zeitgeschichte in Auftrag gegeben, um die eigene Geschichte während der NS-Zeit zu recherchieren. Diese Studie ergab, dass es zwischen 1933 und 1945 nicht nur Opfer, sondern auch Täter in den eigenen Reihen gab.

facetten »Mit diesem Resultat wollen wir transparent umgehen, denn es ist ein zentraler Bestandteil der Erinnerungskultur, alle Facetten der Vergangenheit authentisch abzubilden«, erklärte Vereins­präsident Herbert Hainer. Nur so ließen sich die richtigen Schlüsse für die Zukunft ziehen. Es gehe darum, Vergangenheit aufzuarbeiten – nicht, sie zu bewältigen.

»Es reicht nicht, Ausstellungen im Museum zu machen. Auch im Sport suchen Jugendliche den Dialog. Es geht um Werte wie Fairness und Teamfähigkeit«, so Hainer über das Selbstverständnis seines Vereins. Und Charlotte Knobloch ergänzte: »Es wäre schön, wenn die Ausstellung auch in Schulen zu sehen ist.«

Die Ausstellung »verehrt – verfolgt – vergessen. Opfer des Nationalsozialismus beim FC Bayern München« ist bis zum 17. Februar im Gemeindezentrum am Jakobsplatz zu sehen.

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