München

Erhalten und sichtbar machen

Über mehrere Jahre soll ein ganzes Areal systematisch erschlossen werden. Es geht zunächst um die Sanierung von 20 Gräbern. Foto: Tom Hauzenberger

Am Neuen Israelitischen Friedhof gab es vor Kurzem – trotz wolkenbruchartigen Regens – eine Begehung an der Sektion 18. Vertreter des Landesamtes für Denkmalschutz und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz sowie Mitarbeiter der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern nahmen daran teil. Um den Termin gebeten hatte die »ErinnerungsWerkstatt München«. Die plant die Bewahrung verwaister Gräber aus den Jahren 1933 bis 1945, die – von Frost und Flechten bedroht – langsam verfallen. Im Zuge dessen verschwinden auch die Inschriften, die Hinweise auf Identität und Schicksale der Bestatteten geben könnten.

Der Friedhof in München-Freimann ist nicht nur der Ort gegenwärtiger Trauerzeremonien und Bestattungen, sondern ein stadt- und landesgeschichtliches Kleinod. 1908 eröffnet, spiegelt er auf fünf Hektar Gelände in 30 Grabsektionen den Aufstieg und Niedergang der Münchner Kehilla aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg bis zu den Schrecken des NS-Regimes, aber auch den beschwerlichen Neuanfang nach 1945, die Konsolidierung der 50er- bis 80er-Jahre, ja sogar den Zusammenbruch der Sowjet­union und der jüngsten Flüchtlingsankünfte infolge des derzeit wütenden Krieges in der Ukraine wider.

Dem Verfall preisgegeben

Doch während in den Sektionen 22 bis 24 und 39 regelmäßige Grabpflege sichtbar ist, sind in anderen Bereichen Gräber dem Verfall preisgegeben, vor allem aus der NS-Zeit, weil es kaum möglich war, solide Grabsteine zu setzen, oder Angehörige zu finden, die sich um den Erhalt hätten kümmern können.

Die ErinnerungsWerkstatt hat, wie der pensionierte Lehrer Klaus-Peter Münch seinen Zuhörern berichtete, an die 1400 Gräber von jüdischen Bürgern Münchens ausgemacht, die in den Jahren 1933 bis 1945 starben. Der 2020 gegründete Verein hat inzwischen bereits einige Grabsteine behutsam gereinigt und Inschriften wiederherstellen lassen. So erinnert ein nunmehr gepflegter Grabstein an Rosa (Zippora) Sigall, die in Karlsruhe aufwuchs und, nach Zwischenstationen in Darmstadt und Regensburg, nachweislich am 24. Februar 1941 im Antonienheim für jüdische Kinder und Jugendliche in München eintraf. Ab August 1941 wohnte und arbeitete sie im Zwangsarbeitslager Flachsröste. Mitte September diagnostizierte der Leiter des Israelitischen Krankenhauses, Julius Spanier, bei ihr Kinderlähmung. Hinzu kam eine Hirnhautentzündung, der sie am 22. September 1941 erlag.

In Sektion 6, Reihe 5, Grabplatz 9, ruht Curt Moskovitz. Anfang der 30er-Jahre lebte er eine Zeit lang bei den Eltern von Hans Lamm, dem späteren Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde. Seine Barmizwa 1933 dürfte einer der letzten unbeschwerten Momente im Leben des Jungen gewesen sein. Er erkrankte bald darauf an progressivem Muskelschwund, der die Chance der Emigration seiner Familie zunichtemachte und ihn Ende 1938 womöglich zu einem Suizidversuch veranlasste. Vom Schwabinger Krankenhaus wurde er in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar verlegt. Sein Grabstein zeigt inzwischen gut lesbar seine Lebensdaten, geboren am 20. Februar 1920, gestorben am 14. Januar 1939.

2018 als Bürgerinitiative begonnen, hat der Verein inzwischen rund 100 Biografien dokumentiert.

Für Max Freund (1897–1937) wurde 2023 ein neuer Grabstein notwendig. Außerdem gibt es in der Elisabethstraße 39 ein Erinnerungszeichen für den belobigten Unteroffizier aus dem Ersten Weltkrieg und erfolgreichen Handelskaufmann, der von einer Geschäftsreise Ende Oktober 1937 in die Niederlande im versiegelten Sarg zurückkam. All dies und noch viel mehr weiß man aus der Recherchearbeit des Vereins, dem es neben dem Erhalt der Gräber stets auch um die Erforschung der menschlichen Schicksale geht.

Die ErinnerungsWerkstatt will sich längerfristig mit diesem Themenkomplex befassen. Dazu soll über mehrere Jahre ein ganzes Areal systematisch erschlossen werden. Es geht zunächst um die Sanierung von 20 Gräbern, die bei ausreichender Finanzierung des Projekts auf weitere ausgedehnt wird.

Zentrale Orte der Erinnerungskultur

Dazu hofft man auf die Unterstützung einer so namhaften Institution wie der Deutschen Stiftung Denkmalschutz mit Sitz in Bonn. Um eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen, wurde von dem Münchner Verein dazu ein Prospekt gestaltet, in dem die Kosten für den Erhalt eines Grabsteins zwischen 500 bis 1000 Euro – je nach Aufwand – ausgewiesen sind. Teil- und Vollpatenschaften zwischen 100 und 400 Euro sind ebenfalls möglich. Darin wird auch Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, zitiert: »Friedhöfe und Grabstätten der NS-Opfer sind zentrale Orte der Erinnerungskultur. Es ist unsere Aufgabe, sie nicht allein zu bewahren, sondern auch für die kommenden Generationen sichtbar zu machen.«

2018 als Bürgerinitiative begonnen, »um mehr über die Schicksale individueller durch die Nationalsozialisten verfolgter Menschen zu erfahren«, hat der Verein inzwischen jeweils oft mehr als 100 Stunden in die Recherche zu bislang rund 100 Biografien verfolgter Menschen investiert. Befragt, was ihn besonders berühre, antwortet der Vorsitzende Stefan Dickas: »Wenn man noch Nachfahren findet, denen man die Geschichte nahebringen kann.«

Mehr Informationen unter www.erinnerungswerkstatt-muenchen.de; Spendenkonto bei der Stadtsparkasse München, IBAN: DE58 7015 0000 1006 2592 77, Stichwort: Grabsanierung

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