Felsberg

Endlich wieder Synagoge

Einweihung der Felsberger Synagoge im September Foto: Samuel Krasnov

Der Putz ist abgeklopft, sodass die sandfarbenen Steine wieder herauskommen. In ihren Originalzustand sind die Fenster versetzt worden, das Dach ist mit roten Ziegeln neu gedeckt und der Zigaretten-Automat neben der Eingangstür abmontiert: Die Felsberger Synagoge dürfte nun wieder so aussehen wie vor der Schoa.

Genutzt wird das Bethaus von der liberalen Gemeinde Emet we Schalom (Wahrheit und Frieden). Am 25. November wurde es in Anwesenheit von Staatssekretär Uwe Becker (CDU) und Regierungspräsident Mark Weinmeister (CDU) eingeweiht – auf die liturgische folgt damit eine weltliche Zeremonie.

Die drei Torarollen der Gemeinde brachten die Mitglieder im September feierlich ein. »Ich bin immer noch überwältigt«, sagt Sarah-Elisa Krasnov, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, »dass es hier wieder jüdisches Leben gibt.« Zu sehen, dass es nun eine richtige Synagoge gebe, hätte viele zu Tränen gerührt.

zweck Für ihn gehe ein Traum in Erfüllung, sagt Uwe Cornelius Lengen. Der 81-Jährige hatte die Sanierung vorangebracht und ist Mitbegründer des Vereins zur »Rettung der Synagoge«. Chanukka 1994 zog der ehemalige Gastronom nach Böddiger, eines der 16 Dörfer, die zu Felsberg gehören. Dort erfuhr er von der Synagoge, in der nun eine Pizzeria war.

Er beschloss, sie aufzusuchen, und feierte am nächsten Freitag heimlich Schabbat in der Ecke der Pizzeria – und freute sich, in einem Ort mit einer Synagoge zu leben, die noch so gut erhalten sei. Einmal Synagoge, immer Synagoge, dachte er sich. Sie werde derzeit nur falsch genutzt und zweckentfremdet. Dann reifte in ihm die Idee, das Bethaus wieder seiner traditionellen Bestimmung zuzuführen.

Ab 2008 stand das Konzept: Die Synagoge sollte wieder für Gottesdienste und das Gemeindeleben da sein und zusätzlich eine Begegnungsstätte für interkulturelle und interreligiöse Veranstaltungen werden und die 900-jährige Geschichte der Juden in Nordhessen vermitteln. 2013 gründete Lengen zusammen mit dem Ehepaar Annette und Christopher Willing den Rettungsverein.

Brauerei Die Synagoge ist eine der wenigen in Deutschland, die die Nazizeit nahezu unbeschadet überstanden haben. 1842 hatte es bereits erste Pläne für das Bauvorhaben gegeben, fünf Jahre später konnte die Synagoge eröffnet werden. 100 Plätze für Männer und 80 auf der Frauenempore hatte es gegeben. Um 1900 sei der Höhepunkt der jüdischen Gemeinde gewesen. Es gab Schulen, Mikwen und einen Friedhof.

1932 fing der Nazi-Terror an, am 8. November 1938 wurde die Synagoge verwüstet, 15 Torarollen sind verschollen. Die Nazis zerstörten das Innere des Bethauses. Das Inventar verbrannten sie zur Sonnenwendfeier auf der Burgwiese, so Krasnov. Während des Krieges und danach war das Gebäude unter anderem ein Abstellraum für den Leichenwagen und für die Feuerwehrleiter.

Anfang der 50er-Jahre erwarb eine Brauerei das Haus, das dann in Privateigentum überging. Mittlerweile war die Außenfassade verputzt, die Fenster vermauert. Das Gebäude wurde als Turnhalle genutzt, war Kneipe und schließlich eine Pizzeria. Christopher Willing kann sich noch gut daran erinnern, wie es unter den Felsbergern hieß, dass sie nun in den »Tempel« gehen, um ein Bier zu trinken oder eine Pizza zu essen.

Dank des Engagements der Vereinsmitglieder und vieler Spender sowie staatlicher Zuschüsse und viel Eigenleistung konnte das Haus in seinen ursprünglichen Zustand versetzt werden. Die Kosten betrugen 1,3 Millionen Euro.

gottesdienste Das Ehepaar Willing war beruflich bedingt 1994 nach Felsberg gekommen. Heute studiert Annette Willing am Abraham Geiger Kolleg und amtiert als Kantorin bei den Gottesdiensten. »Wir sind eine egalitäre Gemeinde«, sagt sie – die einzige zwischen Göttingen und Frankfurt. Die Jüdische Gemeinde Emet we Schalom wurde 1995 in Kassel gegründet.

Damals besuchten unter anderem jüdische Angehörige der amerikanischen Streitkräfte im Raum Kassel den liberalen Gottesdienst. Zwischen 2001 und 2010 befand sich der Gemeindesitz im nordhessischen Gudens­berg. Seit Juni 2010 hat die Gemeinde ihren Sitz in Felsberg, in den ersten sechs Jahren fanden die Gottesdienste noch in angemieteten Räumen statt.

2016 war dem Verein das Bethaus übergeben worden. Viele junge Familien engagieren sich, etliche Gemeindemitglieder kommen aus den USA, England, Israel, Ungarn, der Ukraine und Russland. »Wir sind auch offen für nicht-binäre Lebensläufe.« Menschen der LGBT-Community nehmen die Gottesdienste wahr, die mindestens einmal in der Woche gefeiert werden. Und die Gemeinde, die 30 Mitglieder zählt, legt Wert auf Inklusion.

Reaktion

Zentralrat der Juden schockiert über AfD-Ergebnis

Josef Schuster ist entsetzt über das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt. Besondere Gefahren sieht der Präsident des Zentralrats der Juden in der Bildungspolitik

 06.09.2026

München

Bayern erhöht Staatsleistungen für israelitische Kultusgemeinden

Seit 1997 gibt es in Bayern einen Staatsvertrag mit den jüdischen Gemeinden. Dieser muss immer wieder mal angepasst werden. Am Freitag war es wieder soweit. Ein Signal der Wertschätzung

 06.09.2026

Porträt der Woche

Meisterin des Spagats

Naama Freedman vereint Kunst, Musik, Film und Sprache jenseits der Genregrenzen

von Lorenz Hartwig  06.09.2026

Israel-Hasserin El Hissy

Jüdische Gemeinde Frankfurt übt scharfe Kritik am Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Die Hintergründe

 04.09.2026

Mode

»Die Kippa gehört zum Outfit«

Jonathan Hirsch über edle Stoffe zu den Feiertagen, stilistische Entgleisungen und die jüdische Kopfbedeckung als Accessoire

von Mascha Malburg  04.09.2026

Bildung

Neues ELES-Stipendium unterstützt jüdische Mediziner bei ihrer Promotion

Die Bewerbungsphase beginnt heute. Vorgesehen ist eine Förderung über zwölf Monate

 03.09.2026

Bad Sobernheim

Mit allen gemeinsam

Die Bildungsfreizeit ist für »Gesher« ein Höhepunkt des Jahres

von Leon Stork  03.09.2026

Und wenn ...

Am Sonntag wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. Es steht viel auf dem Spiel. Katrin Richter und Stephan Pramme waren unterwegs in Magdeburg, Halle und Dessau

von Katrin Richter  03.09.2026

Programm

Offene Türen am Rhein, Lehrhaus am Main und ein Kulturfest im Vogtland: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 3. September bis zum 9. September

 03.09.2026