Potsdam

Endlich auf der Zielgeraden?

Entwurf der Synagoge Potsdam Foto: Haberland Architekten

Das Vorhaben einer Synagoge in Potsdams Innenstadt hat neuen Schwung bekommen – zumindest architektonisch. Offen geblieben war bisher die äußere Fassadengestaltung für das geplante Gemeindezentrum. Hierfür haben sich Gemeindemitglieder, interessierte Bürger, Künstler und natürlich das Berliner Architektenbüro Haberland, vom Land Brandenburg beauftragt, in letzter Zeit immer wieder in Workshops zusammengefunden.

Dutzende Ideen und Ansätze wurden diskutiert. Entstanden ist nun ein Vorentwurf, der durch Originalität besticht und das Areal um den Alten und Neuen Markt sowie um das Filmmuseum enorm beleben könnte.

Die »Mitmachworkshops« der Gemeinden hatten fast zwei Jahre lang stattgefunden, um eine größtmögliche Identifikation mit dem künftigen Gotteshaus zu erreichen, aber auch um die Stadtgesellschaft im Rahmen des Möglichen in den Planungsprozess miteinzubeziehen. In der Tat beteiligten sich viele Juden und Nichtjuden. Moderiert wurde zumeist von dem in Potsdam lebenden Israeli und Berufsmusiker Ud Joffe, Vorsitzender der Synagogengemeinde Potsdam.

Vereinbarung Zusammen mit der Jüdischen Gemeinde Potsdam hatte die Synagogengemeinde vor einem Jahr auch eine Vereinbarung mit der Landesregierung unterzeichnet, in der sich beide verpflichteten, die vom Land zu errichtende Synagoge künftig gemeinsam zu nutzen.

Ideen aus den Workshops griff Architekt Jost Haberland auf, um die besten in der Gemeinde zu diskutieren und in einen aktualisierten Entwurf einzuarbeiten.

Am Ende der Workshops ging es, so der Architekt Jost Haberland, schließlich darum, »aus einem bunten Strauß von Ideen die besten herauszufiltern und dann wiederum in gemeinsamen Diskussionen mit den jüdischen Gemeinden den aktuellen Entwurf zu erarbeiten«. Das Ergebnis liegt inzwischen dem Brandenburgischen Kulturministerium und auch der Jüdischen Allgemeinen vor.

AUßENFASSADE Anders als der ursprüngliche, eher sachlich gehaltene Haberland-Entwurf von vor zehn Jahren, der gleichwohl eine internationale Jury überzeugt hatte, imponiert die jetzige Außenfassade vor allem mit sieben spitzbögig gehaltenen weiträumigen Fenstern als Analogie zu den sieben Tagen des Schöpfungszyklus.

Auch das Erdgeschoss ist mit einer Fensterfront ausgestattet, während der Eingangsbereich wiederum der Spitzbogenform folgt und bis in die erste Etage, an den eigentlichen Synagogenraum, heranreicht. Dieser ragt, einem herausgezogenen Kubus gleich, in gefühlter Leichtigkeit zur Straße. Es entsteht zudem eine Art »Stadtbalkon«, von dem aus sich für die Besucher eine direkte Sichtverbindung mit dem Potsdamer Stadtschloss ergibt.

Der geplante Bau wirkt sakral, ästhetisch und selbstbewusst zugleich. Eine filigrane Ziegelstruktur verleiht Bodenständigkeit.

Für den neuen Haberland-Entwurf gibt es viel Zustimmung unter den Gemeindemitgliedern.

Wie kaum anders zu erwarten, gibt es für den modifizierten Haberland-Entwurf viel Zustimmung unter Gemeindemitgliedern, Architekturkennern, Nachbarn und Kommunalpolitikern. »Hier sind die besten Anregungen und Ideen aus der Arbeitsgruppe verarbeitet, und Architekt Haberland hat einen ausgezeichneten Job gemacht«, meint Evgeni Kutikow, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Potsdam, anerkennend.

»Die Gemeinde findet ihre eigenen Ideen und Gefühle wieder. Dies ist für unsere Mitglieder wichtig, gerade in Zeiten der gesellschaftlichen Angst und Verunsicherung.«

REspekt Auch Karin Weiss, ehemalige Integrationsbeauftragte des Landes Brandenburg, zollt Respekt: »Dieser Entwurf gibt den religiösen Bedürfnissen einen angemessenen Rahmen und schafft Raum für soziale und administrative Bedürfnisse. Er ist großzügig und bietet Platz für die unterschiedlichen Interessen aller Nutzer des Zentrums.«

Alexander Kogan begrüßt die Einbindung der Gemeindemitglieder.

Der Arzt Alexander Kogan, im November 1990 Mitgründer der Jüdischen Gemeinde Land Brandenburg, spricht vom »Ergebnis langer Diskussionen, Beratungen und Anregungen, das widerspiegelt, was viele unserer Mitglieder mittragen«.

Julius H. Schoeps, Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien in Potsdam, bescheinigt dem Entwurf »modernen Charme, der offensichtlich die Mehrheit der Potsdamer Juden anspricht«. Und Schoeps fragt: »Wo liegt eigentlich das Problem, nicht endlich zu bauen?«

FERTIGSTELLUNG Dies fragt sich auch die Öffentlichkeit, denn ursprünglich sollte die Synagoge im Jahr 2012 fertiggestellt sein. Die Landesregierung hatte die nötige Finanzierung des Projekts bewilligt, Haberlands erster Entwurf wäre eigentlich nur noch zu bauen gewesen.

Erstaunlich spät, doch umso vehementer, hatten einige jüdische Vertreter, insbesondere Ud Joffe, das Projekt ab Ende 2009 fundamental infrage gestellt und aus Protest eine eigene Gemeinde – die Synagogengemeinde Potsdam – wie auch einen eigenen Synagogenförderverein gegründet. Wegen der Proteste verunsichert, verhängte die Landesregierung unter dem damaligen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck (SPD) einen Baustopp.

Die Erleichterung war groß, als Synagogengemeinde und Jüdische Gemeinde an einem Strang zogen.

Umso größer war dann die Erleichterung, dass nach Jahren des Stillstands seit 2018 die Jüdische Gemeinde Potsdam und die Synagogengemeinde Potsdam an einem gemeinsamen Strang zogen, sich auf die künftige Nutzung der Synagoge konzeptionell einigten und auch eine modifizierte Version des Haberland-Entwurfs für das Zentrum ins Auge fassten.

SCHOCK Reichlich schockiert ist man nun in Potsdam, dass Ud Joffe, der eigentliche Moderator der gemeinsamen Workshops, »auf der Ziellinie« auszusteigen gedenkt, sprich: den Vorentwurf für das künftige Gemeindezentrum rundweg ablehnt. Begründung: Das Architektenbüro Haberland habe viele von den Gemeinden angeregte Elemente nicht aufgegriffen – ein Vorwurf, den unter anderem der Leiter der Fachstelle Antisemitismus in Brandenburg, Peter Schüler, entschieden zurückweist.

Ud Joffe äußerte ein weiteres Mal Vorbehalte gegen den Entwurf.

In einem Brief an das Brandenburgische Kulturministerium bringt Joffe sogar einen neuen Architektenwettbewerb ins Spiel und stellt damit alle bisherigen Bemühungen der jüdischen Gemeinschaft der Landeshauptstadt erneut prinzipiell infrage.

Spaltung Während es um Joffe einsam zu werden scheint und »seine« Synagogengemeinde nach einem Bericht der »Märkischen Allgemeinen Zeitung« vor der Spaltung steht, wundert sich Haberland über fehlende Sig­nale aus der Politik. »Allen wird man es nicht recht machen«, glaubt der Architekt.

»Ich meine, es ist nun an der Zeit, dass die jüdischen Gemeinden und die Politik den Worten auch Taten folgen lassen – und den Mut haben, jetzt auch endlich zu bauen.« Doch weiterer Streit droht, die Jüdische Gemeinde hat Ud Joffe das Mandat als gemeinsamer Beauftragter in Potsdam entzogen.

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