Unterricht

»Emotionales Wissen vermitteln«

Rabbiner Julian-Chaim Soussan Foto: Marco Limberg

Herr Rabbiner Soussan, Sie haben bei der Fortbildung in Bad Sobernheim über die Frage gesprochen, wie religiös der jüdische Religionsunterricht sein soll. Was ist Ihre Antwort?
Er soll so religiös wie möglich sein.

Kann Religionsunterricht denn überhaupt »nicht religiös« sein?
Natürlich könnte man den Religionsunterricht als objektives Schulfach werten. Ein Mathelehrer erwartet ja auch nicht, dass die Kinder Liebe zur Mathematik entwickeln. Er will, dass sie die Formeln verstehen. Das ist ein rein fachlicher Unterricht. Unser Ziel ist ein anderes: Wir wollen den Kindern auch emotionales Wissen vermitteln. Sie sollen nicht nur etwas über Religion lernen, sondern Zuneigung zum Judentum entwickeln. Ich glaube, dass sich dem kein Lehrer entziehen sollte.

Wie religiös sind denn die Kinder, die Sie bisher unterrichtet haben?
Seit vielen Jahren habe ich in Schulklassen, in denen ich unterrichte, immer wieder die Frage gestellt: Wer von euch glaubt, dass er religiöser ist oder sich besser auskennt als seine Eltern? Erstaunlich finde ich, dass die große Mehrheit der Schüler sich auf diese Fragen hin gemeldet hat. Das trifft vor allem auf die Kinder von Zuwanderern zu, aber auch auf andere Schüler. Viele Eltern sind vom Judentum so weit weg, dass wir als Lehrer in dieser Hinsicht die Verantwortung haben, die Eltern zu ersetzen. Ein talmudisches Diktum sagt sogar, dass man seinen Rabbiner mehr ehren muss als seinen Vater. Denn der Vater bringt einen in diese Welt, der Rabbiner aber in die kommende Welt.

Stimmen Sie dieser Ansicht zu?
Als Rabbiner ja, als Vater nein!

Woran liegt es, dass die Schüler von heute religiöser oder sachkundiger sind als ihre Eltern? Am Religionsunterricht?
Bei vielen Zuwanderern ist es so, dass die junge Generation im Gegensatz zu ihren Eltern überhaupt zum ersten Mal die Gelegenheit hat, einen Zugang zum Judentum zu finden – im Unterricht, aber auch in Jugendzentren oder Machanot. Wir brauchen aber noch mehr Angebote, denn wir haben einen riesigen Nachholbedarf. Deshalb ist es so wichtig, dass der Religionsunterricht hier ansetzt. Wir übernehmen in wichtigen Fragen Erziehungsfunktionen, und wir müssen Modelle und Vorbilder für die Kinder sein. Wir müssen sie ins Judentum integrieren und sie dazu bringen, dass sie sich selbst einbringen – ob im Gottesdienst, beim Kiddusch am Schabbat, im Jugendzentrum, bei Freizeiten oder an Feiertagen.

Was muss ein Religionslehrer tun, damit sein Unterricht gut ankommt?
Wir müssen den Kindern auch die Freude am Judentum vermitteln, damit nicht das »Jom-Kippur-Syndrom« entsteht. Manche Kinder denken: Das Judentum ist anstrengend und nervig, man geht einmal im Jahr in die Synagoge und muss fasten. Dabei feiern wir vier Tage danach Sukkot, das schönste Fest im Judentum. In den eineinhalb Stunden Religionsunterricht pro Woche soll es also nicht nur ums Pauken gehen, sondern die Kinder sollen ihren eigenen Zugang finden: Was hat das Judentum mit mir zu tun?

Hatten Sie schon Konflikte mit Eltern, die befürchten, dass der Religionsunterricht ihre Kinder womöglich »zu religiös« macht und die Autorität von Mutter und Vater untergräbt?

Wir haben das schon erlebt, aber das passiert selten wegen des Religionsunterrichts. Wir wollen keine häuslichen Konflikte schüren – wer das als Lehrer oder als Rabbiner tut, hat seinen Beruf verfehlt. Man sollte die Eltern lieber mit einbeziehen. Kinder werden auch nicht von heute auf morgen zu Koscher-Essern. Aber wenn sie auf ihre Nahrung achten, ist das sicherlich nicht verwerflich.

Mit dem Rabbiner der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt/Main sprach Ayala Goldmann.

Bremerhaven

Synagoge im Visier: Jahrelange Haft und Psychiatrie für Anschlagspläne

Ein perfider Plan, gefährliche Stoffe und eine Sprengstoffweste: Wie Ermittler zufällig auf brisante Chats stießen - und welche Konsequenzen die Vorbereitung eines Anschlags für die Angeklagten hat

 08.06.2026

Buchvorstellung

Gefährliche Ideologien

Der Journalist und Autor Nicholas Potter sprach im Gemeindezentrum über Antisemitismus in der Linken und die Bedrohung der Demokratie

von Luis Gruhler  08.06.2026

Interessenvertretung

Jüdische Lehrkräfte gründen eigenen Verband

Jüdische Perspektiven im Bildungswesen sichtbarer machen: Ein neuer Bundesverband vernetzt Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte und unterstützt sie im Umgang mit Antisemitismus

von Christoph Schmidt  08.06.2026

Kommentar

Der Hass trägt heute Palästinaflaggen

Wie der kulturelle Boykott Israels die Ausgrenzung von Juden normalisiert

von Sarah Maria Sander  07.06.2026

Porträt der Woche

Ein Erfolgsrezept

Esther Tscherniak leitet zwei Apotheken, ist Influencerin – und entschleunigt bewusst

von Lorenz Hartwig  07.06.2026

Maccabiah 2026

Deutsche Delegation steht fest

Das größte jüdische Sportevent findet vom 1. bis zum 14. Juli statt

 05.06.2026

POWER LIST – Germany’s Top 50

Hape Kerkeling bekommt Sonderpreis für Zivilcourage

Auch die Ärztin und Bestsellerautorin Yael Adler, Bildungsministerin Karin Prien (CDU) sowie JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel wurden ausgezeichnet

von Imanuel Marcus  04.06.2026

Bildung

Zwei Orte, ein Anliegen

Yad Vashem wird eine Dependance in München und eine Außenstelle in Leipzig eröffnen. Die Freude über diesen wichtigen Beitrag zur Erinnerungs- und Gedenkkultur ist groß

von Katrin Richter  04.06.2026

Diplomatie

Lebendiges Netzwerk

30.000 Euro für die deutsch-israelische Zusammenarbeit: Botschafter Ron Prosor zeichnet vier wegweisende Initiativen aus

 03.06.2026