Nürnberg

Einstehen und aufstehen

Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille an die »Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus« (KlgA) und das »Netzwerk für Demokratie und Courage e.V.« (NDC) im Nürnberger Staatstheater Foto: ©Giulia Iannicelli/epd

Bundespräsident Frank‐Walter Steinmeier hat am Sonntag in Nürnberg die »Woche der Brüderlichkeit« eröffnet. Seit mehr als 60 Jahren fördert sie den Dialog zwischen Juden und Christen und hält die Erinnerung an den Holocaust wach. In diesem Jahr steht sie unter dem Motto »Mensch, wo bist Du? Gemeinsam gegen Judenfeindschaft«. Alle Redner stimmten im Grundkonsens dahingehend überein, dass angesichts wieder wachsenden Antisemitismus in Deutschland dessen Bekämpfung wichtiger denn je ist.

Auch Steinmeier wies auf die gestiegene Zahl antisemitischer Übergriffe hin. »Als Bundespräsident dieses Landes«, sagte er, »beschämt mich jeder einzelne dieser Vorfälle zutiefst.« Hinzu komme das schmerzhafte Gefühl, dass Antisemitismus in Deutschland wieder häufiger und offen »seine Fratze« zeige.

Zentralrat An der zentralen Eröffnungsfeier im Nürnberger Staatstheater, die nach 29 Jahren erstmals wieder in der fränkischen Metropole stattfand, nahmen Vertreter des religiösen, politischen und öffentlichen Lebens teil, darunter Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly ging in einem Podiumsgespräch mit der Schriftstellerin Amelie Fried auf die besondere Verantwortung Nürnbergs im Umgang mit der Geschichte ein. Begriffe wie »Reichsparteitage« und »Nürnberger Gesetze« seien mit der Stadt verbunden und belasteten sie, stellte Maly fest.

Heute zeigt sich Nürnberg
als Stadt des Friedens
und der Menschenrechte.

In die Waagschale warf er dagegen aber auch die »Nürnberger Prozesse« als Geburtsstunde des Völkerstrafrechts. Für die Stadt mit ihrem heutigen Selbstverständnis als Stadt des Friedens und der Menschenrechte sei der »erste und schönste Satz« des Grundgesetzes das Leitmotiv: »Die Würde des Menschen ist unantastbar.« Daraus resultiere, dass Antisemitismus, Rassismus und jede Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit keine Existenzberechtigung haben, machte Maly deutlich.

Auf diesen Aspekt war zuvor auch Bundespräsident Steinmeier in seiner Rede eingegangen. »Antisemitismus ist immer ein Angriff auf unsere gesamte Gesellschaft. Er gilt immer uns allen«, analysierte er und verband dies mit einer klaren Forderung: »Wer ein freiheitliches, ein lebenswertes Land will, der muss einstehen und aufstehen gegen Antisemitismus in jeder Form. Wir wollen und dürfen das in unserem Land nicht dulden.«

Zivilcourage Das als Frage »Mensch, wo bist Du?« formulierte Motto der Woche der Brüderlichkeit 2019 ist den Worten des Bundespräsidenten zufolge angesichts zunehmender Judenfeindlichkeit auch die Frage nach der Zivilcourage jedes Einzelnen. Angesichts des wachsenden Antisemitismus sei dies nicht nur ein hochaktuelles, sondern zugleich ein drängendes Problem.

»Es erfüllt mich mit großer Sorge«, sagte Steinmeier in diesem Zusammenhang, »dass Antisemitismus in Deutschland inzwischen auch in der Mitte der Gesellschaft wieder salonfähig wird.«

Der Bundespräsident ging in seiner Rede auch auf den »neuen« Antisemitismus ein, der von Zuwanderern aus israelfeindlich geprägten Ländern importiert werde. Daraus dürfe kein Generalverdacht gegen »die Muslime« entstehen, klar müsse indessen sein, dass sich jeder, der hier leben will, zu den demokratischen Werten bekennen müsse – und auch zu den Lehren, die wir aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts gezogen hätten, sagte Steinmeier.

»Antisemitismus dulden
wir nicht, dagegen
gehen wir hart vor.«
Ministerpräsident Markus Söder

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder empfindet es angesichts der Geschichte des vergangenen Jahrhunderts als Aufgabe, sich zu Israel zu bekennen. Antisemitismus hat seinen Worten zufolge in Bayern keinen Platz. »Antisemitismus«, sagte Söder, »dulden wir nicht, dagegen gehen wir hart vor.«

Andreas Nachama, der jüdische Präsident des Deutschen Koordinierungsrates, der die Woche der Brüderlichkeit organisiert, zeigte sich in seiner Rede darüber betroffen, dass die Gesellschaft noch immer nicht frei von antisemitischen Strömungen ist, sondern dass eher das Gegenteil eingetreten ist. Dass ein Mitglied des Bundestags die Verbrechen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg einen »Vogelschiss« nenne und ein Landtagsabgeordneter eine »180‐Grad‐Wende« der Erinnerungskultur fordere, ist Nachamas Worten zufolge nicht tolerierbar.

Brüchigkeit »Diese Vorfälle zeigen«, sagte er, »wie brüchig die Eisdecke ist, die in den letzten Jahrzehnten jenen braunen See bedeckt, der ganz Europa geflutet hatte.« Als eine besondere Herausforderung bezeichnete der jüdische Präsident des Koordinierungsrates die Integration von jungen Menschen mit Migrationshintergrund. Sie würden zwar gerne die Errungenschaften der Grundrechte für sich in Anspruch nehmen, wollten aber nicht begreifen, aus welcher historischen Erfahrung heraus sie entstanden seien.

»Gibt es nicht Erkenntnisse, die auch Geflüchteten nahezubringen sind?«, fragte Nachama und lieferte gleich mögliche Antworten mit. Aus der deutschen Geschichte zwischen 1933 und 1945 könne man ja zum Beispiel ableiten, was in einem Staat passiert, in dem polizeiliches Handeln nicht von unabhängigen Gerichten beurteilt würde. Oder was geschehe, wenn nicht alle vor dem Gesetz gleich seien. »Das«, so Nachama, »könnte ja auch für junge Menschen mit Migrationshintergrund einleuchtend sein, denn unsere Gesellschaftsordnung bietet ihnen einen umfassenden Schutz ihrer Freiheiten.«

Buber‐Rosenzweig‐Medaille Für be
sonderes Engagement im Kampf gegen Antisemitismus verlieh der Deutsche Koordinierungsrat in diesem Jahr die »Buber‐Rosenzweig‐Medaille« gleich an zwei Organisationen: an die »Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus« (KIgA) und an das »Netzwerk für Demokratie und Courage e.V.« (NDC).

Für das Engagement im Kampf gegen Antisemitismus verlieh der  Koordinierungsrat die »Buber‐Rosenzweig‐Medaille« gleich an zwei Organisationen.

Die 2003 gegründete »Kreuzberger Initiative« gehört bundesweit zu den ersten zivilgesellschaftlichen Trägern, die sich der Herausforderung gestellt haben, innovative Konzepte für die kritische Auseinandersetzung mit Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft zu entwickeln. Das seit fast 20 Jahren bestehende »Netzwerk für Demokratie und Courage« ist ein in zwölf Bundesländern sowie in Frankreich agierendes Netzwerk, in dem sich junge Menschen freiwillig und gut qualifiziert für eine demokratische Kultur und gegen menschenverachtendes Denken engagieren. Die Projekttage des Netzwerks bearbeiten Themen wie Diskriminierung, Rassismus, Flucht, Asyl und Antisemitismus.

Laudatio Die Laudatio hielt die Berliner Staatssekretärin für Bürgerliches Engagement, Sawsan Chebli. Es sei für sie eine Ehre, anlässlich der Preisverleihung das Wort ergreifen zu können, sagte sie. Aber sie betonte auch: »Ich empfinde Trauer und Scham, dass wir heute im Jahr 2019 in einem Land, in dem das größte Menschheitsverbrechen an jüdischen Menschen begangen wurde, darüber sprechen müssen, wie wir den wachsenden Antisemitismus bekämpfen können.«

Wie es funktionieren kann, hätten nach Überzeugung Cheblis beide Initiativen gezeigt. »Der Kampf und der Einsatz lohnen sich. Es lohnt sich, sich Menschen zuzuwenden und trotz unterschiedlicher Meinungen mit ihnen in den Dialog zu kommen und zu bleiben, um sie für den Blick des Gemeinsamen zu gewinnen«, sagte die Staatssekretärin. Sie sei davon überzeugt, so Chebli, dass das Trennende schwächer werde, wenn das Verbindende erkannt werde.Im Anschluss an den Festakt, der von der Staatsphilharmonie Nürnberg musikalisch begleitet wurde, fand im Foyer des Staatstheaters noch ein Empfang der Stadt für die geladenen Gäste statt.

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