Erinnerungsarbeit

Einsatz für Worms

Nächstes Projekt für Warmaisa: der jüdische Friedhof von Worms Foto: epd

Von außen jedoch sieht man das der alten jüdischen Trauerhalle von Worms nicht an. Sattrote Dachziegel ruhen auf dem cremefarbenem Gemäuer. Das im Jugendstil errichtete Gebäude scheint zumindest für den Moment etwas von der Schwere, die diesen ernsten Platz umgibt, zu nehmen. Zwei Weltkriege und die Schrecken der Schoa hat das Bauwerk überstanden. Die Ignoranz der Nachkriegsjahrzehnte aber wäre der Trauerhalle fast zum Verhängnis geworden.

Noch bis vor wenigen Jahren, war sie achtlos dem Verfall preisgegeben, »Jahrelang hat sich niemand dafür interessiert«, sagt Roland Graser. Seit 2005 aber erstrahlt die Trauerhalle wieder in neuem Glanz. Von außen wie von innen saniert, wird sie mittlerweile wieder für Trauerfeiern genutzt. Ein Verdienst, auf das Graser zu Recht stolz ist. Schließlich war es sein Verein »Warmaisa«, der die Renovierung möglich gemacht hat.

SCHUM-Städte Das Wort trägt noch heute etwas Sehnsüchtiges in sich. Warmaisa, der jüdische Name des mittelalterlich Worms, in dem jüdisches Leben und jüdische Gelehrsamkeit blühten und gediehen, ehe Pogrome in Folge der ersten Kreuzzüge dieser ersten Blüte des deutschen Judentums ein jähes Ende setzten. Zusammen mit den beiden anderen jüdischen Zentren im Rheinland Speyer (Spira) und Mainz (Magenza) bildete Worms den Bund der sogenannten SCHUM-Städte, die aufgrund ihrer Bedeutung für jüdisches Leben in ganz West- und Mitteleuropa als Geburtsstädte des aschkenasischen Judentums gelten.

Viel ist von der einstigen Bedeutung nicht geblieben. Die Wormser Gemeinde verfügt zwar über die älteste Synagoge Deutschlands, zählt aber trotz der Einwanderung von Juden aus den ehemaligen Sowjetrepubliken gerade einmal 140 Mitglieder. »Ein Unbehagen«, habe sich Mitte der 90er-Jahre bei ihm und seinen Mitstreitern breitgemacht, berichtet Roland Graser. »Darüber, dass in einer so traditionsreichen Stadt zu wenig in Sachen jüdische Kultur passiert.« Der Zustand der Trauerhalle war dafür sinnfälliges Symbol und die Gründung des Vereins »Warmaisa« – Gesellschaft zur Förderung und Pflege jüdischer Kultur in Worms» 1996 die folgerichtige Reaktion.

Dokumentation Seitdem hat sich einiges verändert, nicht nur in Sachen Trauerhalle. «Das Echo war so groß, dass wir jede Menge Projekte umsetzen konnten.» Dazu zählt die Verlegung von Stolpersteinen, durch den Künstler Gunter Demnig. 65 dieser individuellen Mahnmale für Opfer der Schoa gibt es mittlerweile in Worms, 300 bis 400 sollen es eines Tages sein. Grasers Verein stellt den Kontakt zu Hinterbliebenen her und dokumentiert das Leben der Opfer. «Erinnerungsarbeit ist ein Teil unserer Aktivitäten», sagt Graser, «aber nicht der wichtigste.»

Im Mittelpunkt der Vereinsarbeit steht lebendige jüdische Kultur. Dazu zählen Klesmer- und Klassikkonzerte, Ausstellungen und Lesungen. Seit 2005 gehört Warmaisa zu den Veranstaltern der «Jüdischen Kulturtage» in Worms. Daneben legt der Verein Wert auf Bildungsangebote im religiösen Bereich. «Wir sind zwar größtenteils Gojim», erklärt Graser im Namen der 130 Vereinsmitglieder, «aber die Vermittlung der jüdischen Religion liegt uns dennoch am Herzen.»

projekte Und auch für die kommenden Jahre hat sich Warmaisa noch einiges vorgenommen. Der jüdische Friedhof befindet sich nach Grasers Ansicht in einem «verheerenden» Zustand. Zugleich unterstützt der Verein die Bemühungen, die SCHUM-Region als Weltkulturerbe der UNESCO bei den Vereinten Nationen anerkennen zu lassen, damit noch mehr vom Glanz des alten Warmaisa für künftige Generationen erfahrbar wird.

Programm

Marathon-Mann, Swingende Hermline und ein festliches Triple in Karlsruhe: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 23. Juli bis zum 30. Juli

 22.07.2026

Projekt

Ein Denkmal für gefallene Soldaten und ermordete Juden

Ein Dorf will mit einer Gedenkstätte an die Opfer der NS-Zeit erinnern. Das geplante gemeinsame Gedenken an gefallene Soldaten und ermordete Juden ruft ein unterschiedliches Echo hervor

von Jens Bayer-Grimm  21.07.2026

Berlin

Jüdisch, Queer, Selbstbewusst

Der »Pride-Shabbat« des Vereins Keshet Deutschland zeigt auch in diesem Jahr wieder, dass jüdisches und queeres Leben zusammengehören

von Leon Stork  20.07.2026

Pforzheim

Die vergessene jüdische Geschichte der Goldstadt

Vom Schwarzwald aus verkauften Juden einst Schmuck in die ganze Welt. Erst langsam wird diese Geschichte aufgearbeitet. Sie ist nicht immer glänzend – und auch noch nicht vorbei

von Mascha Malburg  20.07.2026

Porträt der Woche

»Ich wollte zum Ursprung«

Richard Ernst konvertierte zum Judentum, wurde Gärtner und Hobbymaler

von Anja Bochtler  18.07.2026

Würdigung

Im Einsatz für die Demokratie

Minister Georg Eisenreich zeichnete Engagierte in Justiz und Polizei mit dem Fritz-Neuland-Gedächtnispreis aus

von Luis Gruhler  18.07.2026

München

Bücher für alle

Der Literaturwissenschaftler Nathan Cohen sprach im Rahmen der Scholem-Alejchem-Reihe über populäre jiddische Literatur in Osteuropa

von Nora Niemann  18.07.2026

Stadtführung

Tatort Scheunenviertel

Kleinkriminelle, Arbeiter und Ostjuden – der Historiker Dmitry Kudinov zeigt die bewegte Geschichte eines hippen Teils von Berlin, der vor rund 100 Jahren alles andere als gentrifiziert war

von Alicia Rust  17.07.2026

Recklinghausen

Wie der Fußball Eddy rettete

Die Jüdische Gemeinde und Schulen der Region trugen den Emanuel-Schaffer-Cup aus – in Erinnerung an den legendären israelischen Trainer

von Martin Krauß  16.07.2026