Tourismus

Einmal richtig Winter

»Wir sind extra jetzt nach Berlin gekommen. Wegen des Winters. So etwas gibt es bei uns ja nicht wirklich«, sagt Lotem strahlend, während die Regentropfen auf ihre langen braunen Haare fallen. Ihre Freundin Noam nickt und zieht sich fröstelnd die Pelzkapuze über den Kopf: »In zwei Monaten müssen wir zur Armee, deshalb wollten wir vorher noch einmal Urlaub machen.«

Und dazu gehört für die beiden Israelinnen nicht nur Shoppen und Ausgehen, sondern auch Geschichte: Vom Ku’damm bis zum Alexanderplatz in vier Stunden haben sie sich vorgenommen. Im Alleingang allerdings nicht. Denn um die Berliner Geschichte mit allen ihren Facetten kennenzulernen, gibt es Touren auf Hebräisch.

Eine davon hat die gebürtige Israelin Leah Hercher gegründet. Hercher lebt seit 2005 in der Stadt und fand für sich mit Touren auf Hebräisch eine berufliche Nische in der Stadt, in der es vermeintlich schon alles gibt. Seit 2007 bietet sie verschiedene Rundgänge an, sei es für Neuankömmlinge wie Lotem und Noam oder für Interessierte an jüdischer Kultur und dem Berliner Umland.

Und das Geschäft könnte nicht besser laufen, erzählt die 49-Jährige in ihrem Büro am Alexanderplatz. »Anfangs ging viel über Mundpropaganda, aber mittlerweile werden wir sogar direkt aus Israel angefragt. Vergangenen Sommer waren wir zwölf Guides, und es war noch nicht genug.« Während der Woche gibt es jeden Tag eine Tour mit rund 40 Teilnehmern, hinzu kommen Privattouren für israelische Prominente wie Bar Refaeli oder solche für israelische Wirtschaftsunternehmen. Leah und ihr Team führen gut 10.000 Israelis im Jahr durch Berlin. Wenn ab Februar 2014 noch mehr Low-Cost-Fluggesellschaften von Tel Aviv in Richtung Berlin starten, wird die Zahl vermutlich noch steigen.

Hop-On, Hop-Off Damit das straffe vierstündige Programm auch geschafft wird, fährt die Gruppe mit einem gemieteten Bus durch die Straßen. »Hop-On, Hop-Off«, wo es gerade interessant wird. Dass trotz der kalten Temperaturen so viele zugesagt haben, überrascht die beiden Guides Adi und Amir nicht. Adi erklärt: »Die meisten Israelis haben gar keine Winterkleidung. Aber viele würden, egal bei welcher Witterung, Sightseeing machen.«

Während eine Mutter versucht, ihren Schirm zu bändigen, spielt ihr erwachsener Sohn gelangweilt mit seinem Smartphone. Mit dicken Lederboots, Filzhut und Sonnenbrille passt er in das Bild des hippen Tel Avivers. »Er hat bei Castro gearbeitet, diesem coolen Modelabel«, erklärt die stolze Mutter. Jetzt sei der Sohnemann mit ihr zum Entspannen hier.

»Er wurde erst vor zwei Monaten mit der Armee fertig. Ich war so froh, als er wieder gesund zurückkam, dass ich ihn auf diesen Trip einlud.« Sie drückt ihm einen Kuss auf die Wange, bevor sie sich wieder ihrem Schirm widmet. Wie Lehrer mit ihrer Schulklasse sind die beiden Guides sorgsam bedacht, keinen ihrer »Neu-Berliner« zu verlieren. Alle wollen Fotos machen, schnell noch ein Erinnerungsbild vor dem Brandenburger Tor, dann noch ein letztes vor dem Reichstag.

Von dem kann sich vor allem Tanja nicht losreißen: »Meine Großeltern haben 1945, gleich nach der Befreiung Berlins, in der Nähe des Reichstags geheiratet. Ich musste ihn einfach sehen, ich musste einmal Berlin sehen, wissen, wie es ist.« Bedenken hatte die gebürtige Ukrainerin vor ihrem Besuch keine: »Seit der Schoa ist so viel Zeit vergangen, die Zeit des Hasses ist vorüber.«

Fußball Adi lächelt. Auch ihm ist die positive Veränderung aufgefallen: »Als die Deutschen 1994 im Fußball verloren, da freuten sich die Israelis noch, aber 2010 waren sie traurig. Heute sind Deutsche und Israelis Freunde«, sagt Adi. Die meisten aus seiner Gruppe seien wegen der vielen Mahnmale in der Stadt sehr überrascht. Auch die ausgeprägte Erinnerungskultur und dass sich viele Deutsche noch immer wegen der Vergangenheit schuldig fühlten, nähmen israelische Touristen mit Erstaunen wahr, so Adis Erfahrung.

Seit einem Jahr arbeitet der 32-jährige als hebräischsprachiger Tourguide. Und während sein Kollege Amir den Besuchern das Hotel Adlon zeigt, wo einst Michael Jackson sein Baby aus dem Fenster hielt, gibt Adi die Quelle seines scheinbar unbegrenzten Berlin-Wissens preis: die firmeneigene Bibliothek.

Neben Bänden über jedes Berliner Museum stehen unzählige Geschichtsbücher über Deutschland und Berlin auf Hebräisch in den Regalen. Dazwischen finden sich Kinderbücher und Literatur über die sogenannten Jeckes, die deutschen Juden. Bei jedem Israelbesuch kauft die Chefin neue Bücher ein, denn nicht nur ein ausgeprägtes Allgemeinwissen ist Pflicht für die Guides. Die Teilnehmer lieben auch Buntes über Stars und Sternchen.

Nach dem Hotel Adlon geht es über die Akademie der Künste zum Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Bevor alle zum Essen auseinandergehen, werden dort noch schnell Fotos gemacht. Auch Hanna kann mittlerweile entspannt in die Kamera lächeln, obwohl sie anfangs gar nicht in den Flieger steigen wollte. »Unser Sohn studiert hier in Berlin und lud uns ein. Bevor ich herkam, dachte ich zuerst an Hitler. Wenn es um Deutschland geht, war diese Verbindung irgendwie fest in meinem Kopf verankert.« Hannas Mann sagt lächelnd: »Und jetzt bist du kaum 24 Stunden hier und bist verliebt.« Leicht beschämt nickt seine Frau: »Ich liebe Berlin und die Berliner. Es ist ganz anders, als ich es mir vorgestellt habe. Viel besser!« Sie greift die Hand ihres Mannes und stupst ihn dankbar in die Seite.

Feierabend Nach der erholsamen Mittagspause geht die Fahrt weiter. Im Bus wärmen sich alle auf und lauschen Amir, der gerade über den typischen Berliner Feierabend spricht: am Ufer der Spree liegen und faulenzen. Dank des Winterwetters kann das jedoch nicht ausprobiert werden, stattdessen geht es weiter Richtung Mitte. »Könnten Sie hier kurz links fahren? Jetzt, hier!«, fragt Amir den Busfahrer. »Hier? Ne, dit is nu zu spät!«, nuschelt der in feinstem Berlinerisch zurück. Zweimal links um die Ecke, und der Bus hält schließlich am Gendarmenmarkt. Nach Besichtigung des Französischen Doms und des Bebelplatzes steht noch eine letzte Adresse auf dem Programm – der Alexanderplatz.

Auch Amir arbeitet seit einem Jahr als Guide für die Berlin Tours. Um fit für die Führungen zu sein, gibt es zum Jobeinstieg eine eigens erstellte Mappe an die Hand, mit allem, was ein Guide wissen soll.

Erzählt wird auf den Touren oft nur ein Bruchteil davon, doch Nachfragen sollen gleich beantwortet werden können. Vor allem Fußball hat es einigen Teilnehmern angetan. Wo kann man hinfahren, um ein Spiel anzusehen? Wer ist gut? Und die Weltmeisterschaft in Brasilien – hat das deutsche Team Chancen? Bevor alles ausdiskutiert ist, erreicht der Bus die Endstation. Noch ein letztes Foto vor der Weltzeituhr, bevor es heißt: »Lehitraot, bis morgen vielleicht!«

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