Hilfe

Eine solide Basis

Ariel Kligman versichert den Geflüchteten aus der Ukraine, dass die IKG ihnen zur Seite stehen werde. Foto: Andreas Gregor

Seit Ende Februar kommen mehr und mehr Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine nach Deutschland. In der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG) sind es inzwischen rund 400 Menschen, vorwiegend Frauen und Kinder. Ein Teil von ihnen hat Aufnahme bei Verwandten und Freunden gefunden, für andere konnte die Sozialabteilung der Gemeinde Unterkünfte besorgen.

Bereits Anfang März hatte die Kultusgemeinde für sie einen besonderen Kabbalat Schabbat im Hubert-Burda-Saal ausgerichtet. IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch hatte damals versichert: »Wir wissen nicht, wie Ihre Zukunft aussieht. Sicher ist aber, dass wir Sie unterstützen. Jeder bekommt Hilfe, um seine Probleme zu lösen.«

Die Geflüchteten treffen hier zum Teil auf Verwandte, die manchmal schon 30 Jahre in München und Umgebung leben. In den 90er-Jahren konnten Juden als sogenannte Kontingentflüchtlinge nach Deutschland übersiedeln. Die Ausübung ihrer Religion war ihnen in der Sowjetunion untersagt worden, vielen, vor allem den Jüngeren, war sie weitgehend unbekannt. In Deutschland lernten etliche ihre Traditionen und Wurzeln kennen. Zugleich haben sie aber auch die jüdische Gemeinschaft hier verändert.

flüchtlingswelle Jetzt steht eine zweite Flüchtlingswelle an und damit die Frage: Alles wie schon einmal gehabt? »Nein, alles ist ganz anders«, sagt Ariel Kligman, früherer Vizepräsident der Israelitischen Kultusgemeinde. Er wurde 1947 in Kiew geboren. 1992 kam der studierte Radio-Ingenieur mit seiner Familie über das Programm für Kontingentflüchtlinge nach München.

Wohnung oder Arbeit gab es zunächst nicht. Ein Dreivierteljahr lang musste er mit seiner Frau Raissa, seiner Mutter und seinem Sohn in einer Sammelunterkunft leben: enges Vierbettzimmer mit Stockbetten, Gemeinschaftsküche für Geflüchtete aller Nationalitäten, Sanitäranlagen ebenfalls in großflächigen Räumen für alle Bewohner der Notunterkünfte. Das Schlimmste aber war die Ungewissheit, die Frage nach der Zukunft: Wie wird es weitergehen?

Anders als jetzt im Falle der Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine durften die Kontingentflüchtlinge nicht einfach arbeiten, denn ihre Berufsabschlüsse wurden zum großen Teil nicht anerkannt. Bei der Wohnungssuche waren sie weitgehend auf sich allein gestellt. Mit der sogenannten Grundsicherung war zumindest die materielle Existenz abgesichert – wie auch jetzt bei den Geflüchteten aus der Ukraine. Doch diese dürfen heute sofort eine Arbeit annehmen. Zwei ukrainische Köche haben bereits im Gemeinderestaurant »Einstein« eine Anstellung gefunden.

traditionen Auch das religiöse Wissen unterscheidet die beiden Gruppen. Die Ukraine war vor dem Krieg die Heimat eines vielfältigen jüdischen Lebens. Ganz anders die frühere Sowjetunion: Hier war das Wissen um jüdische Traditionen und Wurzeln hinter verschlossenen Wohnungstüren verborgen. Erinnerungen wie Rezepte besonderer Speisen zu bestimmten Tagen haben viele Enkelkinder mit nach Deutschland gebracht. Erst spät erkannten sie die jüdische Tradition dahinter.

Doch es war ihr Judentum, das sie hatte nach Deutschland ausreisen lassen. Und so war auch auf Anhieb die Verbindung zur Kultusgemeinde gegeben. Arbeit gab es hier zwar nicht für alle Neuankömmlinge, doch das schreckte nicht ab. Ehrenamtliche Tätigkeit war die Antwort – ein Gewinn sowohl für die Neuankömmlinge als auch für Alteingesessene. Die Bereitschaft zum Ehrenamt reichte bis in den Bereich der Selbstverwaltung der Gemeinde: Ariel Kligman zum Beispiel engagiert sich, seit er beruflich und wohnungsmäßig Fuß in München gefasst hat, ehrenamtlich im Vorstand der Gemeinde, lange Jahre davon als Vizepräsident.

Aus den Reihen engagierter Männer und Frauen entstanden Musikgruppen und Chöre, die mit ihren Aufführungen bis heute begeistern. Und es gab handwerklich Begabte, die mit Kindern bastelten und viele andere Aktivitäten anboten. Im Lauf der Zeit entstand auf diese Weise aus manchem Ehrenamt ein Beruf mit Festanstellung.

Nach rund drei Jahrzehnten haben sich die »Neuen« von damals längst eingelebt.

Nach rund drei Jahrzehnten haben sich die »Neuen« von damals längst eingelebt. Selbst wenn der eine oder andere von ihnen der alten Heimat verbunden geblieben ist, von Rückkehr war nie die Rede. Ganz anders bei den Kriegsflüchtlingen. Kligman weiß: »Viele von ihnen haben erfolgreiche Unternehmen in ihrer Heimat aufgebaut. Sie wollen und werden an diese Erfolge anknüpfen, sobald es die Lage erlaubt.«

sozialabteilung Die Kultusgemeinde ist für die jüdischen Menschen unter den Kriegsflüchtlingen ein wichtiger Ansprechpartner, allem voran die gut strukturierte Sozialabteilung. Verschiedene Organisationen kümmern sich um die Kinder, lenken sie mit Spiel und Sport von den traumatischen Erfahrungen in ihrer Heimat ab. Eine Frau aus der Gemeinde, die eine Ukrainerin mit Kind bei sich zu Hause aufgenommen hat, berichtet: »Jetzt allmählich lächelt die Kleine auch wieder. Es ist gut, dass die beiden hier sind.« Zudem finden die Kriegsflüchtlinge in der Gemeinde viele Menschen, mit denen sie sich in ihrer Muttersprache austauschen können.

All das gab es für die Kontingentflüchtlinge nicht. Niemand war so recht auf deren Probleme vorbereitet, auch nicht in der damals noch deutlich kleineren Kultusgemeinde. Ariel Kligman erinnert sich: »Alle waren überfordert. Nur eine hat damals Verständnis für unsere Situation gezeigt: IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch.«

Wie erinnert sie sich an die Situation damals? »Wir alle standen vor schwierigen Herausforderungen, hatten keinerlei Erfahrung, wie wir damit umgehen sollten.« Dennoch: Sie besuchte die Notunterkünfte, hörte sich Sorgen und Probleme an. Ein anschließender Besuch im Sozialministerium stellte erste Weichen. »Es bedurfte des Engagements vieler, auf der kommunalen Ebene ebenso wie beim Freistaat und dem Land. Auch wir als Kultusgemeinde haben uns eingebracht, zum Beispiel mit dem Aufbau einer umfassenden Sozialabteilung.«

Auf das Ergebnis in Form einer blühenden Gemeinde blickt Charlotte Knobloch – gemeinsam mit allen neuen und alten Mitgliedern – heute mit stolzer Dankbarkeit.

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