Berlin

Eine Adresse, 62 Namen

62 Namen, 62 Schicksale, eine Adresse. In der Helmstedter Straße 23 im Bayerischen Viertel lebten vor der Schoa 62 jüdische Bewohner. Viele von ihnen wurden später in Konzentrationslager deportiert und dort ermordet.

Seit Mittwochabend erinnert eine Gedenktafel neben der Eingangstür an die jüdischen Familien. Die Tafel wurde bei einer feierlichen Gedenkveranstaltung enthüllt. Zu den Gästen gehörte der 67-jährige Raphael Jospe, dessen Großmutter vor der Schoa ebenfalls in dem Haus gelebt hatte. Rabbiner Dani Fabian von der jüdischen Gemeinde Kahal Adass Jisroel sprach das Totengebet El Male Rachamim, Jospe das Kaddisch.

Recherche Vor drei Jahren begannen sechs Bewohner zu recherchieren, wer die Menschen waren, die vor der Schoa in ihrem Haus lebten. Sie bekamen daraufhin vom Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf eine Liste mit 23 Namen mitsamt Geburtsdaten sowie Angaben zu Zeitpunkten und Zielen der Deportation, berichtet Birgit von Pflug, eine der Initiatoren. Auf dieser Grundlage fingen sie an, weitere Spuren zu suchen. Gleichzeitig gab es die Überlegung, für diese 23 Juden Stolpersteine verlegen zu lassen. Doch währenddessen stieß die Initiative auf immer mehr Namen.

»Wir vermuten, dass es ein sogenanntes Judenhaus war«, sagt von Pflug. Bei den Recherchen sei aufgefallen, dass vorwiegend ältere Mieter dort lebten. Kinder und jüngere Menschen wurden von dort aus nicht deportiert. »Vielleicht war es eine Art Altersheim oder ein Abschiebeort für alte jüdische Menschen«, so von Pflug. Die Wohnungen seien sehr groß und verfügten über fünf bis sechs Zimmer.

Namenslesung Die jetzigen Hausbewohner entschieden sich schließlich gegen Stolpersteine. Denn dafür muss es sich – so ein Kriterium – um den letzten freiwilligen Wohnort handeln. Das jedoch konnten die Initiatoren nicht bestätigen. Deshalb ließen sie eine Gedenktafel anfertigen und gestalteten eine Broschüre mit Biografien und der Erinnerung an einige jüdische Bewohner, die fliehen konnten.

Während der Gedenkveranstaltung wurden die 62 Namen von den Hausbewohnern verlesen. Sieben Vorfahren von Raphael Jospe sind nach Auschwitz deportiert und ermordet worden. Der 67-Jährige, der in der USA geboren wurde und heute in Israel lebt, hörte sichtlich gerührt zu. Sein Vater konnte damals noch rechtzeitig in die USA emigrieren. Raphael Jospe war zum ersten Mal in Berlin, ebenso seine Frau und Tochter, die ihn begleiteten. Am Nachmittag hatte die Familie bereits gemeinsam an einer Gedenkveranstaltung am »Gleis 17« teilgenommen.

»Es war ein wunderbares Gefühl, als mich vor Jahren die Hausbewohner kontaktierten«, erinnert sich Jospe. Dass Nichtjuden sich so einem Projekt widmen, habe ihn erfreut. »Sie fragten mich nach Informationen, aber sie gaben mir noch viel mehr. Und ich spürte, dass es für sie wichtig war, der Juden zu gedenken.«

Reform

Hilfe im Alltag

Familien mit behinderten Kindern sorgen sich, dass ausgerechnet die Unterstützung gekürzt wird, die ihnen ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht

von Christine Schmitt  05.08.2026

Erfurt

Schicht um Schicht

Dort, wo eben noch Parkplätze waren, wird seit wenigen Tagen nach einem Stück jüdischer Geschichte gegraben. Erst mit dem Bagger, dann von Hand

von Katrin Richter  05.08.2026

Geschichte

Bedrohlich aktuell

Ein Forschungsprojekt von NS-Dokuzentrum und Lenbachhaus untersucht, wie völkische Gedanken vor dem Ersten Weltkrieg wirkten

von Luis Gruhler  05.08.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 6. August bis zum 13. August

 05.08.2026

Hamburg

Ruine mit Herz

Einst das Zuhause des Reformjudentums, stand der Israelitische Tempel kurz vor dem Verfall. Eine Bürgerinitiative und die Stadt wollen den historischen Ort nun neu beleben. Ein Besuch im Hinterhof

von Heike Linde-Lembke  02.08.2026

Geschichte

Die Pension in Mumbai

Ellie und Max Lesser aus Dresden waren zwei von vielen sächsischen Juden, die vor den Nazis Sicherheit in Indien suchten. Deren tragische Geschichte recherchierte nun die Journalistin Iris Völlnagel

von Thyra Veyder-Malberg  02.08.2026

Programm

Kultursommer, Führungen und Einstein vs. Hawking: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 31. Juli bis zum 6. August

 02.08.2026

Porträt der Woche

Mehr als ein Beruf

Valerie Vorkul ist Sozialarbeiterin – und jüdischer, als sie lange Zeit annahm

von Leon Stork  02.08.2026

Bundeswehr

Anerkennung für eine Zeitzeugin

Verteidigungsminister Boris Pistorius würdigte IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch mit dem Ehrenkreuz

von Luis Gruhler  01.08.2026