Porträt der Woche

Ein Leben für die Mode

»Durch meine Beschäftigung mit Mode war mein Bezug zum Judentum zeitweilig etwas verloren gegangen«: Naomi Tarazi (28) aus Berlin Foto: Stephan Pramme

Porträt der Woche

Ein Leben für die Mode

Naomi Tarazi ist Designerin und stellt in diesen Tagen ihre neue Kollektion vor

von Gerhard Haase-Hindenberg  26.09.2023 17:14 Uhr

Eben erst habe ich meine Kollektion für die Saison Frühjahr/Sommer 2024 abgeschlossen. Diese Phase nehme ich nicht zum ersten Mal mit gemischten Gefühlen wahr. Zunächst einmal ist es natürlich eine Erleichterung. Ein Meilenstein ist geschafft, in den die gesamte Arbeit der vergangenen Monate geflossen ist. Das Endprodukt zeigen zu können und Feedbacks zu bekommen, bewirkt natürlich ein positives Gefühl.

Allerdings ging es mir schon ein paar Mal so, dass ich in einen komischen emotionalen Zustand geraten bin. Wenn ein großes Projekt vorbei war und ich einige Tage genießen konnte, in denen ich auch einmal etwas für mich tun konnte, passierte es manchmal, dass ich mich ein bisschen leer gefühlt habe.

anspannung Und natürlich ist die Phase, wenn die neue Kollektion steht, auch mit einer gewissen Anspannung verbunden. Wie werden die Teile ankommen, wenn sie erst einmal auf dem Markt sind? In diesem Jahr hatte ich die Möglichkeit, meine Kollektion auf der Premium-Messe in Berlin auszustellen. Zu dieser Modemesse wird man als Designerin eingeladen. Dort kommen dann aus ganz Deutschland Einkäufer hin, die für verschiedene Shops ordern. Ich erlebte das zum ersten Mal.

Jedes Mal, bevor ich mit meinen Freunden feiern gehe, entwerfe ich ein neues Outfit.

Sonst hatte ich die Kollektionen in meinen Online-Shop gestellt. Man kann sie dann auf Instagram promoten, und das nicht nur deutschlandweit, sondern international. Insofern war das diesmal sehr spannend für mich, als Leute live erschienen sind und alles ansehen und die Stoffe fühlen konnten.

Die Reaktionen waren durchweg positiv. So habe ich jetzt schon Läden, wie zum Beispiel im Bikini Berlin an der Gedächtniskirche, wo für ein paar Monate ein Pop-up-Shop existieren wird. Dabei kann man sehen, wie die Kollektion beim touristischen Laufpublikum ankommt. Insofern ist das natürlich auch ein Experiment.

JÜDISCHKEIT Meine Familie kommt mütterlicherseits seit drei Generationen aus Berlin. Meine Mutter arbeitet als Kunsttherapeutin mit jüdischen Behinderten bei Omanut, einer Einrichtung der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden. Mein Vater ist in Israel geboren, hat dort zunächst Kunstgeschichte studiert und arbeitete dann in Berlin im IT-Bereich. Ich habe also familiär kreative Wurzeln.

Es war meinen Eltern sehr wichtig, dass ich von klein auf einen Bezug zum Judentum bekomme. Auch zu Israel, was durch meine Großmutter automatisch gegeben war, die wir regelmäßig in Tel Aviv besuchten. Seit ich nun älter bin, sehe ich sie häufig allein, denn zu ihr habe ich eine sehr enge Bindung. Sprachlich war das nie ein Problem, denn ich bin bilingual aufgewachsen. Also, ich spreche nicht perfekt Iwrit, aber es reicht, um mich mit meiner Familie in Israel unterhalten zu können. Schließlich habe ich von der Grundschule bis zum Abi­tur jüdische Schulen besucht.

Meine Berliner Familie hat die jüdischen Feiertage traditionell begangen, und als ich zwölf war, habe ich in der Synagoge Pestalozzistraße meine Batmizwa gefeiert. Das hat mir sehr viel bedeutet in dieser Zeit. Damals hatte ich einen überwiegend jüdischen Freundeskreis, auch mit Jugendlichen aus ganz Deutschland, die ich auf Machane im italienischen Gatteo kennengelernt hatte. Mit einigen habe ich heute noch Kontakt. Ich habe auch eine israelische Freundin, die ich in Berlin kennengelernt habe. Sie ist Kunstkuratorin und als solche international unterwegs. Wenn ich nach Tel Aviv reisen möchte, stimme ich die Termine immer mit ihr ab, sodass wir zur selben Zeit dort sind.

schule Nach der Schule hatte ich eine relativ lange Phase, in der ich absolut keine Ahnung hatte, was ich machen sollte. Eine Weile habe ich in einem amerikanischen Bekleidungsgeschäft im Verkauf gearbeitet. In dieser Zeit war ich sehr viel mit Freunden in Klubs unterwegs. Einige von ihnen haben sich selbst ihre Outfits genäht und es auch mir ein bisschen beigebracht.

Ich habe mir viele Musikvideos angeguckt und mich davon zu sehr individuellen Kostümen inspirieren lassen. An jedem Wochenende saß ich an meiner kleinen Nähmaschine, die mir meine Mutter gekauft hatte, und habe mir dann die Outfits für den Abend genäht. Das war »Learning by Doing«, denn ich hatte eigentlich gar keine Ahnung, wie das geht.

Im Klub Berghain habe ich eine Frau kennengelernt, die in Kreuzberg einen Laden hat, in dem sie selbst genähte Klamotten verkauft. Sie bot mir ein Praktikum an, bei dem ich alles lernen würde. Durch sie habe ich auch andere Leute getroffen, die mir dann unter die Arme gegriffen haben. So ist es zu einer Leidenschaft geworden, mit meinen Freunden feiern zu gehen und jedes Mal ein neues Outfit zu präsentieren.

STUDIUM Irgendwann drängten meine Eltern darauf, dass ich etwas studiere. Also bewarb ich mich am Studiengang für Modedesign an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Dort habe ich schließlich das Studium zusammen mit lauter Studierenden angefangen, die das Schneiderhandwerk oder etwas Ähnliches gelernt hatten und Fachbegriffe benutzten, die ich in meinem Leben noch nicht gehört hatte. Aber trotzdem hatte ich ja die Aufnahmeprüfung bestanden. Allerdings habe ich mich in meiner Art zu designen in den ersten Semestern nie richtig verstanden gefühlt.

Ich war zum Beispiel nie lange am Tisch mit Skizzieren beschäftigt, sondern habe immer direkt von der Puppe drapiert. Das aber war nicht vorgesehen. Daher hatte ich in dieser Zeit oft das Gefühl, dass mir das alles gar nichts bringt. Ich machte vieles nur deshalb, weil es verlangt wurde. Nun gab es über das Studium die Möglichkeit, für ein halbes Jahr ein Erasmus-Stipendium in Amsterdam zu bekommen. Diese Chance habe ich genutzt.

Danach konnte ich auch in London ein Praktikum beim Modelabel MarquesʼAlmeida machen, wo ich ganz praktisch gelernt habe, wie eine Firma läuft. Als ich nach Berlin zurückkam, hatte inzwischen Hussein Chalayan eine Professur an unserer Hochschule. Er war zu diesem Zeitpunkt bereits ein sehr wichtiger Designer und hat meine Einstellung zum Studium komplett verändert. Chalayan hat mir sehr viele Anregungen gegeben und sich Zeit genommen, mir Wege in verschiedene Richtungen aufzuzeigen.

bachelor Als man sich schließlich bewerben konnte, bei wem man den Bachelor machen möchte, habe ich mich für ihn entschieden. Leider fand das dann während der Pandemie statt. Ich konnte nicht reisen, er war nicht an der Hochschule anwesend, also wurde das Ganze via Skype eingerichtet. Und leider gab es auch keine Abschluss-Show, was ansonsten üblich war.

Ich habe dann mit einem Freund, dem talentierten Videografen Viet Duc Nguyen, ein interdisziplinäres Projekt realisiert, in dem mein Anteil darin bestand, dass ich meine Outfits zur Präsentation vor seiner Kamera mit verschiedenen Performern kreiert habe. Dadurch sind einige Medien auf mich aufmerksam geworden.

Vor einem Jahr bin ich mit meinem Shop online gegangen.

Vor einem Jahr bin ich mit meinem Shop online gegangen. Zuvor saß ich manchmal mit Freunden in einer Austern-Bar und fand, dass die Muscheln sehr ästhetisch aussahen. Zusammen mit meiner Mutter habe ich Fotos gemacht und angefangen, sie mithilfe von Photoshop zu verändern. Damit habe ich meine eigenen Stoffe bedrucken lassen und nach meinen Entwürfen alles selbst genäht.

KONTAKT Das hatte ich am Ende vor allem von meinen Mitstudierenden eben doch gelernt. Tja, und dann habe ich im letzten Jahr meine »Oyster Collection« gelauncht, anfangs noch in geringen Stückzahlen. Irgendwann aber muss man Leute einstellen, um größere Aufträge annehmen zu können. Diesbezüglich tausche ich mich mit anderen kleinen Labels hier in Berlin aus. Mit vielen von ihnen bin ich befreundet. Wie würde ich meine aktuelle Kollektion beschreiben? Nun, ich lege darauf Wert, dass die Teile bequem sind, sie sollen aber auch Eye-Catcher sein. Und in jeder Kollektion hatte ich bisher immer auch ein Party-Top. Ich versuche eben, alles ein wenig abzudecken.

Durch meine hauptsächliche Beschäftigung mit Mode war mein Bezug zum Jüdischen zeitweilig etwas verloren gegangen. In letzter Zeit aber, durch den neuen Kontakt zu jüdischen Freunden von früher und auch durch meine Familie in Israel, stelle ich fest, dass meine jüdische Identität wieder an Bedeutung gewinnt. Und sollte ich irgendwann einmal Kinder haben, wäre mir eine traditionell jüdische Erziehung in jedem Fall wichtig. Daran nämlich habe ich aus meiner eigenen Kindheit und Jugend sehr schöne Erinnerungen.

Aufgezeichnet von Gerhard Haase-Hindenberg

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