Darmstadt

»Ein kleines Wunder«

Für Moritz Neumann, den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Darmstadt, ist es ein kleines Wunder. Eines, das vor 25 Jahren geschah – »in einem Jahrhundert, das für Juden ein Jahrhundert der gezielten Entrechtung, Qual und Ermordung war«. Wer hätte in dieser Zeit, in diesem Land noch an den Neubau von Synagogen geglaubt? Zumal sich die Gemeinde Darmstadt in der Nachkriegsära in erster Linie als Anlaufstelle begriff, die Juden bei der Auswanderung aus Deutschland helfen wollte.

Und doch steht Neumann an diesem Gedenktag des Novemberpogroms vor der Kulisse der herrlich blauen Buntglasfenster, die die kleine Kuppel über dem Toraschrein in der Darmstädter Synagoge in der Wilhelm‐Glässing‐Straße zieren, und kann – gemeinsam mit Gästen aus Israel, den USA, Dänemark und England – den 25. Jahrestag der Einweihung des neuen Gotteshauses feiern.

Jubiläen
Es war ein besonderes Wochenende für die Gemeinde – mit drei Erinnerungsdaten. Vor 75 Jahren brannten die drei Synagogen in der Stadt, deportierten die Nationalsozialisten 169 jüdische Darmstädter in das KZ Buchenwald. Der Ermordung und Zerstörung folgte vor einem Vierteljahrhundert der Neuanfang mit dem Neubau der Synagoge, deren Einweihung, so Neumann, »ganz bewusst auf das Datum 9. November gelegt wurde«. Vor zehn Jahren dann schließlich – der jüngste Anlass zum Feiern – entdeckten Gemeindemitglieder beim Erdaushub für einen Klinikanbau die Fundamente der 1938 niedergebrannten Liberalen Synagoge. Heute sind die Mauerreste als Gedenkstätte in den Krankenhausbau integriert.

Begangen wurde das Dreifach‐Jubiläum mit einem wahren Veranstaltungs‐Marathon. Es gab Rundgänge zu Erinnerungsorten und eine Gedenkfeier zur Pogromnacht. Der Förderverein Liberale Synagoge enthüllte zudem unweit der neuen Erinnerungsstätte am Klinikum eine Gedenktafel für den Rabbiner und Orientalisten Julius Landsberger. Stadt und Gemeinde hatten auch zu diesem Anlass ehemalige jüdische Darmstädter eingeladen. 200, erinnert sich Moritz Neumann, kamen zur Eröffnung der Synagoge 1988, an diesem Wochenende waren es 15.

Eine von ihnen ist Shosh Euler‐Strauss, die heute in Israel lebt und deren Mutter im letzten Moment auf ein Schiff nach Haifa hatte fliehen können. »Ich wurde zwei Tage vor der Ankunft in Israel auf See geboren«, erzählt Euler‐Strauss.

Wiedersehen Uri Shalev lebt ebenfalls in Israel, seit mehr als 70 Jahren in einem Kibbuz in der Nähe von Nazareth. Geboren wurde er 1927 im heutigen Darmstädter Stadtteil Bessungen. Der 86‐Jährige erinnert sich daran, dass er der einzige Jude auf seiner Schule war. »Das war nicht sehr angenehm.« Seine Familie floh erst nach Rumänien, während er allein 1943 mit einem Kindertransport nach Palästina ging. Das Schicksal meinte es gut mit ihm und seiner Familie. »Wir haben uns alle wiedergetroffen.«

Euler‐Strauss, Shalev und auch Samuel Sichel nehmen an der Gedenkfeier am Sonntag in der Synagoge teil und freuen sich, dass es wieder eine lebendige jüdische Gemeinschaft in Darmstadt gibt. Obwohl es damals intern Kritiker des Bauvorhabens gab, sagt Moritz Neumann, »ist die Synagoge längst unser Zuhause geworden« – kein Museum ohne wirkliches Leben, wie mancher vermutet hatte.

Optimismus »Es ist geschafft – und es hat sich gelohnt, findet auch sein Sohn Daniel Neumann, Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde. Die Gemeinschaft hat erreicht, was vielleicht auch die Optimistischsten unter ihnen nicht für wahrscheinlich gehalten haben. Nach 1945 waren Überlebende, Displaced Persons und solche, die sich eigentlich nur auf der Durchreise nach Palästina oder in die USA wähnten, in die Stadt zurückgekehrt. Die meisten wollten nicht lange bleiben, es wurde nur als Übergangslösung betrachtet, erinnerte sich Johanna Fränkel, die als junge Frau das KZ Groß‐Rosen überlebte. Zusammen mit ihrem Mann Josef zählt sie zu den Begründern der Gemeinde, obwohl auch sie damals nach Amerika auswandern wollten.

Bis Mitte der 80er‐Jahre traf sich die jüdische Gemeinschaft in einer alten Villa in der Osannstraße. Rund 100 Menschen aus zehn Nationen, mit zehn Sprachen und einem Zusammenleben, das eher dem abgeschotteten Dasein auf einer Insel glich. Zumeist Erwachsene, kaum Kinder, der Blick auf das Hier und Jetzt gerichtet – nicht in die Zukunft. Dass sie eine neue Synagoge erhielten, sagt Neumann, war der unermüdlichen Initiative des verstorbenen SPD‐Stadtverordneten und Journalisten Rüdiger Breuer zu verdanken. »Ein Freund, der sehr fehlt«, so Neumann am Sonntag während der Feierstunde.

öffnung In der großzügigen Architektur der Synagoge – entworfen von Alfred Jacoby, Architekt und Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Offenbach – wirkten die 100 Gemeindemitglieder anfangs fast verloren. Doch dann kam das Jahr 1990, die Öffnung der Grenzen und mit ihnen die Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion. Juden aus Osteuropa und den Sowjetstaaten, die heute die Mehrheit der auf rund 700 Mitglieder angewachsenen Gemeinde Darmstadt stellen. Das jüdische Zentrum ist, 25 Jahre später, fast schon zu klein geworden.

Für Moritz Neumann ist der Neubau ein »Zeichen der Versöhnung, Hoffnung, Zuversicht. Ein Zeichen des Lebens«. Darmstadt, während des Dritten Reiches eine braune Nazi‐Hochburg, habe sich »besonders schuldig gemacht«, betont Oberbürgermeister Jochen Partsch (Grüne) während der Gedenkfeier. Die Stadt müsse verantwortungs‐ und respektvoll mit der Vergangenheit und Gegenwart umgehen. Der Synagogenbau »war das Beste, was uns passieren konnte«, sagt er.

innenpolitik Stehende Ovationen erhält Michel Friedman, der eine furiose Festrede hält. Scharf analysiert er das politische Innenleben der Bundesrepublik, in der noch immer jeder fünfte Jude angibt, mindestens einmal antisemitische Erfahrungen gemacht zu haben. Und in der – so das Ergebnis einer Studie – 42 Prozent der Juden erfahren haben, dass ihnen in Deutschland vorgehalten wird, sie nutzten den Holocaust zu ihren Zwecken.

»Auch 2013 ist die braune Sauce noch immer unter uns«, sagt Friedman und fordert Juden zur Emanzipation auf. Ohne Angst vor der nächsten antisemitischen Bemerkung müssten Juden ihren Weg gehen, selbstbewusst und selbstbestimmt. Für Friedman steht fest: »In Deutschland Synagogen zu bauen, ist immer noch ein Risiko. Das sieht man an den Gittern und Polizeiwagen, die sie schützen. Solange das nötig ist, stimmt etwas nicht mit diesem Land.«

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