Frankfurt

Ein Jahrhundert Zedaka

Willkommen in der jüdischsten Stadt Deutschlands!» Mit diesen Worten hieß Oberbürgermeister Peter Feldmann am Sonntag die Gäste in Frankfurt willkommen. Im Festsaal der Jüdischen Gemeinde wies er stolz darauf hin, dass die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, der Verband, dessen Gründung vor 100 Jahren an diesem Tag mit einem Festakt begangen wurde, ihren Sitz in der Mainmetropole hat.

Frankfurt ist auch die Stadt, in der Bertha Pappenheim viele Jahre lebte und wirkte. ZWST-Präsident Abraham Lehrer würdigte die Frauenrechtlerin, Sozialarbeiterin, Erzieherin und Schriftstellerin, die «den wesentlichen Einfluss und die meisten Anstrengungen» unternommen hatte, die ZWST zu gründen.

geschichte Lehrer gab einen Überblick über die wechselvolle Geschichte der ZWST, von der rasanten Entwicklung der jüdischen Sozialarbeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts, der Zeit des Nationalsozialismus, die 1939 zum vollständigen Verbot des Verbandes führte, bis zur Wiederaufnahme der Tätigkeit 1951. Und er schilderte die Veränderungen der Aufgaben des Verbandes bis heute – die Arbeit mit Senioren, Kindern und Jugendlichen, die Arbeit der Integration und Inklusion.

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, betonte, dass durch Bertha Pappenheim die jüdische Sozialarbeit erstmals unter ein Dach gestellt und koordiniert wurde: «Mit ihrer Arbeit hat sie etwas getan, was bis heute für uns wesentlich ist: Sie hat sich starkgemacht für jene, die selbst alleine ihre Rechte nicht durchsetzen konnten.»

vorbild Und sie habe schon früh erkannt, sagte Schuster, dass eine zentrale Stelle mehr Durchschlagskraft hat als viele kleine Einheiten. «Ohne auf die religiöse Ausrichtung oder die Herkunft zu achten, setzte sie sich für die sozialen Belange der jüdischen Gemeinschaft ein. Ebenso macht es die ZWST. Und auch der Zentralrat der Juden in Deutschland folgt diesem Vorbild.»

Bundesfamilienministerin Katarina Barley (SPD) würdigte die soziale Arbeit des Verbandes, die geleistete Solidarität mit Menschen, die Unterstützung benötigen. Die ZWST habe in ihrer Geschichte immer wieder gezeigt, dass sie in der Lage ist, große Herausforderungen zu meistern: «Ich habe vor ihrer Leistung für die Menschen und die Menschlichkeit den allergrößten Respekt.»

Barley sprach auch den wieder stärker werdenden Antisemitismus an. Sie nehme das Thema sehr ernst, betonte sie. Zudem forderte sie eine klare, einheitliche Definition von Antisemitismus, wie sie von der Internationalen Allianz zur Holocaust-Erinnerung vorgeschlagen werde. Auch Zentralratspräsident Schuster hatte in seiner Rede die Sorge von einem neu aufkommenden Antisemitismus zum Ausdruck gebracht. Er forderte erneut einen Bundesbeauftragten für Antisemitismus: «Das brauchen wir nötiger denn je.»

Gratulanten Glückwünsche zum ZWST-Jubiläum überbrachten auch Prälat Peter Neher, Präsident des Deutschen Caritasverbandes und zugleich Präsident der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW), sowie Rabbiner Pinchas Goldschmidt, der Vorsitzende der Europäischen Rabbinerkonferenz, der die Festansprache hielt.

Neben dem Dank an die mehr als 100 Mitarbeiter der ZWST wurden beim Festakt die Verdienste eines Mannes besonders hervorgehoben: die von Benjamin Bloch. Zentralratspräsident Schuster wandte sich in seiner Rede direkt an den Direktor der ZWST: «Mit deinem Engagement über Jahrzehnte, lieber Beni, bist du in die Fußstapfen von Bertha Pappenheim getreten und hast dich ebenso wie sie immer auf die Seite der Schwachen gestellt.» ZWST-Präsident Lehrer sagte, Bloch sei der wichtigste Garant für den Erfolg des Verbandes.

Der von der Journalistin Shelly Kupferberg moderierte Festakt ging mit der Eröffnung einer Wanderausstellung zu prägenden Persönlichkeiten aus der Geschichte der ZWST zu Ende. Für Gesprächsstoff sorgte beim anschließenden Empfang der Hinweis von Präsident Lehrer, der in seiner Rede von einer «Überprüfung des Standortes» der ZWST gesprochen hatte. Zieht der Verband, vielleicht auch nur teilweise, aus Frankfurt in die Bundeshauptstadt – und wird das nächste große Jubiläum dann in Berlin gefeiert? (mit epd)

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