Sport

»Ein Highlight nach dem anderen«

»Nach über 80 Jahren ist heute die Zeit gekommen, einen abgerissenen Faden wiederaufzunehmen«, sagte die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, in ihrer Eröffnungsrede der Makkabi WinterGames. »Die Zeit ist gekommen, damit der Wintersport wieder seinen Platz in der jüdischen Sportwelt einnehmen kann.« Vom 2. bis 9. Januar fanden die jüdischen Winterspiele nach 87 Jahren erstmals wieder statt. Es sind die dritten ihrer Art. »Nach nur zwei Ausgaben machten Verfolgung, Krieg und Holocaust dem Sportfest ein Ende«, ergänzte Knobloch.

Die ersten Winterspiele wurden in Polen 1933, die nächsten 1936 in der ehemaligen Tschechoslowakischen Republik ausgerichtet. In diesem Jahr fand das historische Sportereignis das erste Mal in Deutschland, im bayerischen Ruhpolding, statt. Allerdings waren die Temperaturen so mild, dass der Langlauf nach Reit im Winkl und die Ski-Alpin-Läufe ins österreichische Kitzbühel verlegt werden mussten. Doch der Begeisterung und dem sportlichen Eifer tat das keinen Abbruch – ganz im Gegenteil. Hier erzählen drei Münchnerinnen und Münchner, wie sie die WinterGames erlebt haben.

Anna Bilyarchyk-Haber (29), Grundschullehrerin
»Ich bin begeisterte Skifahrerin, aber während der WinterGames habe ich mich an eine andere Disziplin herangetraut: Eisstockschießen. Ich habe eine kleine Tochter, und für mich war diese Disziplin mit der Kinderbetreuung einfacher zu vereinbaren, als wenn ich auf der Piste gestanden hätte. Ich muss dazu sagen, dass ich Eisstockschießen zum ersten Mal überhaupt ausprobiert habe. Es ist aber genau das, was für mich den Reiz der Winterspiele ausgemacht hat: diese besondere Flexibilität. Ich hätte mich in allen Sportarten ausprobieren und spontan beim Biathlon teilnehmen können.
Beim Eisstockschießen habe ich auf der einen Seite der Eisfläche gestanden und versucht, den runden Eisstock möglichst nah an ein Brett mit einer Zwölf, der höchsten Zahl, auf der anderen Seite zu bewegen. Das ist gar nicht so einfach, weil man seine Geschwindigkeit und die Kraft bedenken muss, mit der man das macht, um nicht über sein Ziel hinauszuschießen. Immerhin bin ich ins Finale gekommen und habe damit meine eigenen Erwartungen übertroffen. Und in diesem Sinne habe ich die ganze Woche erlebt.
Es kamen 400 Menschen aus 20 Ländern und von fünf Kontinenten, ein Sportler reiste sogar eigens aus Australien an. Ich bin sehr froh, dass ich Teil der deutschen Delegation sein konnte. Es war ein Highlight nach dem anderen. Mit dem Einlaufen während des Openings hat es begonnen, die sportlichen Erlebnisse, die ganzen Show-Acts, die Professionalität und das Essen waren phänomenal. Auch die Partys haben mir gut gefallen, besonders das Karaoke-Event. Mein Mann und ich haben ein Ständchen gesungen: «Everybody» von den Backstreet Boys. Aber als Ohrwurm habe ich ein anderes Lied von diesen Winterspielen mitgenommen, und zwar die Hymne von Makkabi bei der Abschlussfeier: Feel the Magic in the Air. Alé, alé, alé. Maccabi WinterGames. Alé, alé, alé.«

Robby Rajber (61), Präsident TSV Maccabi München e.V.
»Ich fahre regelmäßig Ski, aber vor den WinterGames habe ich nicht extra trainiert. Ich habe es nicht als ernsten Wettbewerb angesehen, sondern als großen Spaß. Weil das Wetter es zugelassen hat, bin ich sogar in Lederhosen Ski gefahren, um meine jüdisch-bayerische Identität zu präsentieren. In das Leder sind Davidsterne eingestickt. Das ist mega gut angekommen.
Ich habe die Gold-Medaille im Riesenslalom und eine im Slalom gewonnen sowie Silber im Parallel-Slalom. Von Makkabi München haben rund 20 Mitglieder an den Winterspielen teilgenommen und sehr gut abgeschnitten. Etwa 15 Medaillen konnten wir holen. Von Düsseldorf sind die Alpen weiter weg als von München. Wintersport liegt bei uns quasi vor der Haustür. Demnächst veranstalten wir beispielsweise einen Skiausflug.
Was es für mich so besonders gemacht hat, war der Umstand, dass ich während dieser Woche Menschen aus der ganzen Welt kennengelernt habe. Außergewöhnlich war zudem die Begegnung mit einer Frau aus meiner Altersgruppe, die lange Zeit mit ihrer Familie in Mexiko gelebt hat, mittlerweile in Miami wohnt, die aber in Mailand geboren und aufgewachsen ist – und mit der ich viele gemeinsame Freunde teile. Auch innerhalb Bayerns habe ich neue Bekanntschaften geschlossen, wie beispielsweise mit einer Frau aus Passau, die über den Sport ihre jüdische Identität auslebt. Und mit einem Mann, der gerade nach Dachau gezogen ist, aber noch keine Verbindung zur Gemeinde hat. Ich habe ihn eingeladen, in der Synagoge gemeinsam Schabbat zu feiern.«

Diana Goldberg (27), Musikerin aus München
»Mit drei Jahren stand ich das erste Mal auf Skiern. Meine Familie hat jede Saison mitgemacht, und als Jugendliche lief es schon ein bisschen professioneller ab. Von zwölf bis 16 Jahren war ich in einer Skimannschaft. Es hat sich herumgesprochen, dass die Goldbergs gut Ski fahren, deshalb bin ich gefragt worden und angetreten.
Dabei bin ich schon eine Weile nicht mehr in den Bergen unterwegs gewesen. Die Off-Days habe ich zum Trainieren genutzt, um wieder reinzukommen. Da habe ich den Spitzensportler Benjamin Szöllös kennengelernt, der dieses Jahr für Israel an der Weltmeisterschaft teilnehmen wird. Wir haben zusammen unsere Kanten geschliffen, über Technik gesprochen, aber nicht nur über Sport. Wir haben uns über Gott und die Welt ausgetauscht.
Außerdem hat er mir Tipps gegeben, obwohl wir ja eigentlich Konkurrenten waren. Aber bei den WinterGames gab es keine Ellenbogen. Es ging nicht um Leistung oder Medaillen. Ich wollte einfach mein Bestes und mehr als 100 Prozent geben. Das hat funktioniert. Ich habe 27 Sekunden für die Abfahrt gebraucht. Acht Sekunden mehr als die israelische Spitzensportlerin, die am schnellsten war und Gold gewann. Ich habe Silber im Slalom und Bronze im Parallel-Slalom gewonnen.
Gerechnet habe ich damit nicht. Geholfen hat mir etwas, was ich von meiner Musikkarriere kenne. Denn als Sängerin weiß ich, wie man sich kurz vor der Show fokussiert. Dieses Ritual, das ich vor meinen Konzerten pflege, habe ich auch vor dem Wettkampf angewandt. Ich habe die Strecke visualisiert, mir vorgestellt, wie weit die Tore voneinander entfernt sind. Und ich hatte sogar ein bisschen Lampenfieber. Aber nicht vor der Abfahrt, sondern bei der Siegerehrung.

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