Sukkot

Ein Gefühl von Schutz

Dem Schmücken der Laubhütte sahen sie mit Spannung entgegen: Olga und ihre beiden Söhne waren voller Vorfreude. »Wir wollten sie nicht nur schön machen, sondern wir wollen uns auch so oft wie möglich reinsetzen«, sagt die 37-Jährige, die aus Charkiw kommt und jetzt in Düsseldorf lebt.

»Für mich bedeutet die Sukka sehr viel, sie ist ein Symbol des Schutzes und des friedlichen Himmels, historisch gesehen schützt die Hütte vor den warmen Sonnenstrahlen und bot einst Geflüchteten Schutz.« Vor ein paar Monaten floh sie mit ihren Kindern und ihrer Katze aus der Ukraine, kam in der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf unter und fand dort ihr vorübergehendes Zuhause. »Wir haben uns schon sehr gut eingelebt.« Seit ihrer Flucht sei das Laubhüttenfest etwas Besonderes geworden. »Ich wünsche mir einen friedlichen blauen Himmel, Gesundheit und mehr Verbindung in der Diaspora«, sagt Olga.

Erleichterung Auch Alexander Mellnikov aus Lörrach beschäftigte sich bereits früh mit der Sukka. Kurz nach Jom Kippur konnte er mithelfen, die Laubhütte auf dem Dach der Lörracher Synagoge aufzubauen, und er weiß auch, dass er einen Platz in ihr finden wird. Auch er floh vor dem Krieg in der Ukraine. »Ich bin so froh und erleichtert, in der Gemeinde eine Art Zuhause gefunden zu haben«, sagt er.

In der Laubhütte sei Platz für 70 bis 80 Menschen. Sieben Mal in der Woche kommt der 61-Jährige bereits seit Monaten zum Minjan, zu Sukkot wird er täglich in die Sukka gehen. Endlich könne er sich in Sicherheit wähnen, denn der Krieg in seiner Heimat ist nun geografisch weit weg. Emotional käme er allerdings immer wieder nah, wenn er zum Beispiel mit alten Freunden spricht.

Mellnikov hat einen großen Wunsch: die eigenen vier Wände. Denn seit ein paar Monaten lebt er zusammen mit seiner 89-jährigen Mutter in einer kleinen Einzimmerwohnung. Liza Mellnikova ist bereits vor 17 Jahren aus der Ukraine nach Deutschland gekommen und wohnt in einem kleinen Ort bei Lörrach. Im Mai entschied sich Alexander, seine Heimatstadt Kiew zu verlassen, um bei ihr zu sein und in Sicherheit leben zu können. Die erste Unterkunft für den Handwerker für Klimaanlagen und Kühlschränke fand er bei seiner Mutter. Nun lernt er bereits Deutsch. »Ich bemühe mich, das Beste aus meiner Situation zu machen«, sagt er. Mithilfe der Jüdischen Gemeinde sucht er gerade händeringend eine Wohnung.

Tempo Jüngst im Gottesdienst in der Synagoge Rottweil erschreckte Milosch die Beter, als er zur Tora rannte. Später sprachen ihn einige auf das Tempo an. Das sei gar nichts gewesen, wiegelt der Junge ab, wenn er diesen Sprint mit denen vergleicht, die er machen musste, wann immer in seiner Heimat die Sirenen losgingen. Aus dem achten Stockwerk musste die Familie so schnell wie möglich in den Schutzraum.

»Mein Herz hat so sehr geschlagen, dass ich dachte, es springt heraus. Ich hatte schreckliche Angst und fürchtete um mein Leben.« Nun hat die Familie Schutz gefunden. Der Neunjährige kommt ursprünglich aus Schytomyr und ist mit seiner Familie vor den Angriffen der russischen Armee geflohen. Seit Juni leben er, seine beiden älteren Brüder, seine Mutter Nadija und sein Vater Anton in Deutschland, ein Bruder ist bereits nach Portugal ausgewandert.

Es ist Montag vor den Hohen Feiertagen. Nadija und Anton Ivatschenko sind gerade im Gemeindehaus angekommen. Zuvor haben die 44-Jährige und der 43-Jährige noch ihre Kinder in die Schule verabschiedet. Die Familie freut sich, dass alle eine Tagesstruktur haben und ihnen nicht zu viel Zeit zum Nachdenken bleibt. Über Umwege erfuhr die Geschäftsführerin der Rottweiler Synagoge von der Familie und freute sich, dass prompt in diesem Moment ein Bekannter ein Haus zur Verfügung stellte, in dem die fünfköpfige Familie nun lebt.

Bufdi Jetzt haben Nadija und Anton Glück, denn sie können im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes einer Arbeit in der Gemeinde nachgehen. In der Ukraine arbeiteten beide als Wirtschaftskybernetiker. Nadija war außerdem als Sozialpädagogin tätig. Seit September hilft sie in der Küche, während Anton sich bereits einen Namen damit gemacht hat, handwerklich geschickt zu sein. Und natürlich haben die beiden die Laubhütte mit aufgestellt und werden Sukkot darin verbringen. Da die Beter der Gemeinde sehr aktiv sind, wurde extra eine neue Sukka aus Israel gekauft, die im Hof steht. Etwa 80 Beter können darin Platz finden, sagt die Geschäftsführerin Tatjana Malafy von der Israelitischen Kultusgemeinde Rottweil.

Drei Tage lang war die fünfköpfige Familie Vilensky aus dem Dorf Anatevka bei Kiew bis nach Deutschland unterwegs. Sie kamen in Frankfurt an, von dort wurden sie abgeholt, nach Karlsruhe gefahren und in einem Hotel untergebracht.

Die Gedanken der Familie seien gerade in diesen Tagen auch beim Laubhüttenfest in der Heimat, denn in ihrem Dorf hatten sie immer eine eigene Sukka aufgebaut und Gäste empfangen. Dort haben sie auch studiert und gelesen. Die Kinder Nochum, Amira und Talya frühstückten unter dem Laubdach, und alle wollten möglichst viel Zeit in der Laubhütte verbringen.

Doch in diesem Jahr, nach ihrer Flucht, ist alles anders. Das Notwendigste hatten sie in vier Koffern verstaut, darunter Anziehsachen. Die Katze wurde zu den Nachbarn gebracht, mit der Bitte, gut auf sie aufzupassen. Da die Familie streng orthodox ist und sich die Eltern Raphael Isaak und Aleksandra sicher waren, unterwegs keine koscheren Speisen erwerben zu können, packten sie auch die Lebensmittel ein.

Hilfe Die Unterkunft hatte ihnen die Jüdische Kultusgemeinde Karlsruhe zur Verfügung gestellt. Wenn sie bei Behördengängen Hilfe brauchen, sind die Mitarbeiter da. Kürzlich konnten sie in eine Wohnung umziehen, die im Zentrum liegt, wofür sie sehr dankbar sind. Was ihnen den Alltag erschwert, ist, dass sie kaum koschere Lebensmittel in Karlsruhe bekommen können, weshalb sie nach Straßburg fahren müssen. Ein Sohn besucht dort auch die Schule.

Da sie während Sukkot die ganze Zeit in der Sukka sitzen möchten, was in Karlsruhe und anderen Gemeinden in Deutschland nicht möglich ist, lautet ihr Plan, nach Ungarn zu fahren, denn dort bietet eine Gemeinde genau das an. Ihr Wunsch ist es, so schnell wie möglich wieder in ihr Dorf zurückgehen zu können. Denn dort war es für sie einfacher, orthodox zu leben. Sie hoffen, im nächsten Jahr zu Sukkot nicht mehr auf der Flucht zu sein, sondern in ihrer eigenen Laubhütte.

Übersetzt mit Unterstützung von Julia Feigina, Rabbiner Moshe Flomenmann, Tatjana Malafy und Viktoria Dohmen

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