Porträt der Woche

»Ein Faible für Wagner«

Michael Hurshell ist Dirigent und lehrt an der Dresdner Musikhochschule

von Wolfram Nagel  28.02.2012 10:07 Uhr

Am Pult: Michael Hurshell bei einer Probe der Neuen Jüdischen Kammerphilharmonie Foto: Steffen Giersch

Michael Hurshell ist Dirigent und lehrt an der Dresdner Musikhochschule

von Wolfram Nagel  28.02.2012 10:07 Uhr

Seit zehn Jahren lebe ich in Dresden. So lange bin ich an noch keinem Ort der Welt geblieben. Ich habe einen Lehrauftrag an der Musikhochschule, eine schöne Mietwohnung, Freunde. Außerdem habe ich Anschluss an die jüdische Gemeinde gefunden und meinen lang gehegten Traum erfüllt, eine jüdische Kammerphilharmonie zu gründen.

Obwohl ich Amerikaner bin, begann mein Leben 1959 in Wien. Mein Vater, ein Opernsänger, hatte damals ein Engagement an der dortigen Staatsoper. Wien ist später so wichtig für mich geworden, dass sogar der musikalische Dialekt auf mein Deutsch abgefärbt hat. Ich war, glaube ich, anderthalb Jahre alt, als meine Eltern von dort wegzogen. Beide waren sehr liberal. Solange sie auf Europas Bühnen tourten, haben sie die Religion kaum praktiziert. Denn viele Vorstellungen sind am Wochenende. Aber das starke Bewusstsein, jüdisch zu sein, war immer präsent.

Eltern Mein Vater stammt aus Ohio und meine Mutter aus Seattle. Ich musste als Kind ständig umziehen, je nachdem, an welchem Opernhaus meine Eltern engagiert waren. Die erste Klasse habe ich in Köln besucht, die zweite in New York und so weiter. Die längsten Zeiträume waren drei Jahre an der Highschool in Seattle und dann vier Jahre an der Brown University an der Ostküste. Dort kam ich zum ersten Mal mit dem Religiösen in Berührung, weil mindestens ein Drittel meiner Kommilitonen Juden waren.

Ich habe da angefangen, die englische und deutsche Literatur zu studieren und die Altangelsächsische Sprache. Dann hat mich die Musik eingeholt. Klavier konnte ich schon früh spielen. Meine gute jiddische Mamme, die es ja nie leicht auf den Bühnen hatte, hätte sich bestimmt was anderes gewünscht: Anwalt oder Arzt. Aber dort an der Uni habe ich mein erstes Kammerorchester gegründet. Für mich war dann schnell klar: Der nächste Schritt muss eine gute Musikhochschule sein. Die Frage war nur, ob in Amerika oder in Europa.

Ich entschied mich für Wien. Das hat auch mit meinem Faible für Richard Wagner zu tun. Da komme ich ganz nach meinem Vater. Während meine Mutter hauptsächlich italienische Opern gesungen hat, war er der geborene Heldenbariton für Wagneropern. Das ist wohl auch der Grund, weshalb ich keine Probleme mit dieser Musik habe.

Für mich ist das auch jetzt ein ganz besonderes Thema, denn ich gestalte zurzeit das Richard‐Wagner‐Museum in Graupa bei Dresden neu. Manchmal fragen mich Leute, was ich als Jude mit diesem Antisemiten zu tun habe. Ich liebe Wagners Musik, aber ignoriere nicht seinen Judenhass, der in den Opern jedoch nicht zu finden ist. Es hat immer große jüdische Wagnerdirigenten gegeben: Otto Klemperer, Bruno Walter und heute Daniel Barenboim.??

Und da komme ich wieder auf Wien, wo ich schließlich Musiker geworden bin und vor 30 Jahren meine Frau kennengelernt habe. Sie ist nicht jüdisch. Aber ist das wichtig? Sie ist Malerin, hat zwei inzwischen erwachsene Kinder aus erster Ehe. Als ich nach Wien kam, definierte ich meine jüdische Identität kulturell, genau wie mein Vater. Ich habe mich nie bemüht, einer Gemeinde anzugehören. Gleichzeitig wuchs mein Interesse an jüdischen Komponisten, die nirgends gespielt wurden und auch heute kaum zu hören sind.

1986 hat mir eine Salzburger Agentur meine ersten Operntourneen vermittelt, als Dirigent. Da sind wir durch die kleineren Städte getingelt. Wir waren auch in Deutschland, Holland und Norwegen. Mozart, Strauß, Verdi, Puccini – ich konnte da sehr viele Erfahrungen sammeln.

Es war eine wunderbare Zeit. Sofort nach dem Mauerfall haben wir dann den Osten erkundet und in etwas größeren Häusern gespielt. Ich war auch schon vor der sogenannten Wende in der DDR, 1985 mit meiner Frau. Wir wollten die Semperoper, das neue Gewandhaus und natürlich die Kreuzkirche in Dresden sehen, vor allem aber die Thomaskirche in Leipzig. Bach ist für mich einer meiner Musikgötter, schon seit der Kindheit.

Haus Später suchten wir dann einen Ort, an dem wir uns niederlassen konnten, vielleicht für längere Zeit. Aber die Frage, ob ich eine Heimat habe oder nicht, hat sich für mich nie gestellt. Ich habe keine starken geografischen Wurzeln. Was mich an Orte bindet, sind die Menschen, die mir wichtig sind. Ich wollte immer dort leben, wo ich arbeiten kann. Die Idee, ein Haus zu bauen, wäre für mich absurd gewesen. Jederzeit kann ein Anruf kommen: Geh nach Barcelona oder nach Budapest!

Aber wie der Zufall es wollte, hat meine Frau die Baustelle der Dresdner Frauenkirche entdeckt, mit diesen ausgegrabenen, aufgeschichteten Steinen. Und sie hat erreicht, dort malen zu dürfen. Mit ihrer Staffelei und den Ölfarben hat sie wochenlang hinter dem Bauzaun gesessen. Die Bilder wurden dann in Dresden ausgestellt. Und 2002 habe ich schließlich das Angebot der Musikhochschule angenommen, für einen Lehrauftrag im Fach Dirigat. Es hat dann aber ein paar Jahre gedauert, bis ich Kontakt zur jüdischen Gemeinde fand.

In dieser Zeit ist auch die Neue Jüdische Kammerphilharmonie entstanden, allerdings sind die Mitglieder überwiegend keine Juden. Ein ganzes Orchester mit jüdischen Mitgliedern, wo soll ich die hernehmen? Aber es gibt in Dresden ausgezeichnete Musiker, die ein großes Interesse an den unbekannten jüdischen Komponisten haben. Sicher, Mendelssohn gehört zum allgemeinen Repertoire, oder auch Mahler.

Es gibt aber noch eine ganze Reihe anderer Komponisten aus der Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg, die nicht einmal die Musiker kennen. Korngold ist so ein Name, man denke nur an sein Orchesterwerk! Oder Ernst Bloch, von dem man hier nur das Cellokonzert kennt. Er war ein Schweizer Jude, der nach Amerika ausgewandert ist. Wunderbare Musik, aber in Europa so gut wie unbekannt.

Sein Concerto Grosso Nr. 2 haben die meisten bestimmt noch nicht gehört. Wir haben das Projekt mit Spenden auf den Weg gebracht. Auch die Gemeinde unterstützt uns, indem wir in der Synagoge spielen dürfen. Ich meine, eine liberale Synagoge ist ja nicht nur zum Beten da. Leider ist die Dresdner Gemeinde finanziell nicht so stark wie die großen Gemeinden in Frankfurt oder Düsseldorf, von Amerika ganz zu schweigen.

Ich wurde von Anfang an mit offenen Armen empfangen, sowohl von den Gemeindemitgliedern als auch vom ehemaligen Rabbiner. Dabei kannte ich die Gebete kaum. Ich habe ziemlich schnell ein Stück Geborgenheit gefunden, nach dem ich suchte. Es ist auch nicht leicht für mich, regelmäßig in die Synagoge zu kommen, weil ich als Dirigent ja oft am Wochenende arbeiten muss. Meine Frau kommt oft mit.

Veränderungen In der Dresdner Gemeinde stehen so manche Veränderungen an. Ich bin gespannt, was auf uns zukommt. Auf jeden Fall möchte ich, dass die Gemeinde liberal bleibt.

Dafür werde ich auch als Repräsentanzmitglied stimmen. Im Gottesdienst könnte die Orgel gespielt werden, und der Frauenchor soll singen, und ich möchte auch weiter meine Konzerte geben können. Als jemand, der nicht orthodox erzogen wurde und auch nicht vor hat, orthodox zu werden, denke ich, dass man diese Tradition bewahren muss, zusammen mit den Zuwanderern.

Das wünsche ich mir nicht nur deshalb, weil ich ein kosmopolitischer Jude bin, sondern weil die Synagoge für viele Menschen offen bleiben muss. Sie sollen ihre Schwellenangst überwinden. Die Konzerte unserer Neuen Jüdischen Philharmonie sind jedenfalls immer gut besucht. So war das auch kürzlich bei einer Tournee nach Straßburg und Breslau. Und so wird es hoffentlich ebenso bei den Dresdner Musikfestspielen sein, zu denen wir dieses Jahr zum ersten Mal eingeladen sind.

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