Frankfurt/Main

»Eigentlich herrschte Vertrauen«

Der ehemalige Laden der Firma »Aviv« im Frankfurter Ostend Foto: Rafael Herlich

Vor einem Frankfurter Gericht hat am Montag der Angeklagte H. erstmals Einblick in sein Innenleben gegeben. Es sei vor allem der wirtschaftliche Druck gewesen, der drohende Konkurs seines Betriebs, der ihn dazu bewogen habe, konventionelles Fleisch als koscher zu verkaufen, um eine höhere Gewinnspanne zu erzielen, sagte der ehemalige Geschäftsführer des koscheren Lebensmittelhandels »Aviv«. Wirklich gewöhnt habe er sich an diese Praktiken nie, erklärte H. »Man hat auch sein Gewissen.« Der 56-Jährige muss sich gemeinsam mit seinem früheren Geschäftspartner wegen des Vorwurfs des Betrugs verantworten.

Herkömmliches Rindfleisch sei pro Kilo drei bis vier Euro günstiger als aus dem Ausland importiertes geschächtetes Rind, sagte der Angeklagte. Doch habe er »immer nach Möglichkeit versucht, weiterhin koscheres Fleisch anzubieten«. Aber ohne die Beimengung günstigerer, vom Frankfurter Schlachthof oder aus Supermärkten bezogener Ware »hätten wir den Laden wohl schon viel früher dichtmachen müssen«.

niedergang Dem Gericht schilderte der Angeklagte, wie sich die finanzielle Situation seines Betriebs in den vergangenen acht bis zehn Jahren mehr und mehr verschlechterte. Ursache für den Niedergang sei das neue Billigangebot koscheren Fleischs aus Polen, Litauen und Tschechien gewesen, wodurch viele seiner Großkunden dazu bewogen wurden, die Ware direkt von dort zu beziehen. »Ich begann mich zu wundern, dass die bei uns immer kleinere Mengen bestellten«, sagte H.

Auch er selbst sei dann mehrfach an die deutsch-polnische Grenze oder nach Tschechien gefahren, um dort günstig koscheres Fleisch zu besorgen. Den Rabbiner, der seit mehr als 20 Jahren die Aufsicht über die Einhaltung der Speisegesetze in seinem Betrieb innehatte, habe er erst gar nicht um Erlaubnis gefragt, aus Angst, er könne Nein sagen. So kam neben dem unkoscheren auch koscheres Fleisch, das allerdings wohl niemals die Zertifizierung durch das Frankfurter Rabbinat erhalten hätte, in Umlauf.

maschgiach Der Maschgiach – er ging bis zur Schließung von »Aviv« etliche Jahre lang täglich dort ein und aus – habe während der ganzen Zeit keinerlei Verdacht geschöpft. Nie habe er sich über die auffallend großen Fleischmengen gewundert, die unter seinen Augen durch den Betrieb wanderten. »Wir haben ja versucht, schlau zu sein«, sagt der Angeklagte. So habe man bereits frühmorgens (»Der Maschgiach ist kein Frühaufsteher«) das unkoschere Fleisch verarbeitet, in leere Kartons eines koscheren Lieferanten verpackt und mit den erforderlichen Stempeln und Siegeln versehen, damit alles fertig war, wenn der Kontrolleur des Rabbiners kam.

Einmal habe man auch koschere Ware aus dem Tiefkühler geholt und sie dem Maschgiach präsentiert. Der habe dann am nächsten Tag gedacht, es handle sich immer noch um dasselbe Fleisch, nun allerdings in aufgetautem Zustand. Dabei ruhten die koscheren Packungen längst wieder ungeöffnet in der Tiefkühltruhe. Verarbeitet aber wurde da gerade konventionelles Fleisch. »Eigentlich herrschte Vertrauen«, beschrieb der Angeklagte das Verhältnis zwischen ihm und dem Maschgiach – obgleich dieser »der strengste« war, dem er in seinem langen Berufsleben als koscherer Metzger begegnet sei.

kaschrut Auch der Frankfurter Rabbiner Menachem Klein stehe in dem Ruf, sehr genau auf die Einhaltung der Kaschrut zu achten. So habe er sich »nie in das Kaufmännische eingemischt« und »Aviv« niemals als Händler empfohlen, um nicht in den Verdacht zu kommen, »dass er eventuell mitverdienen« könnte.

Ob er sich jemals gefragt habe, was passieren würde, wenn der ganze Schwindel auffliege, wollte der Vorsitzende Richter Jörn Immerschmitt vom Angeklagten wissen. »Nein, nie«, antwortete der. Er habe solche Gedanken erfolgreich verdrängt, aus Angst, Rabbiner Klein könne ihm dann sofort die Koscher-Zertifizierung entziehen. H. verneinte aber, dass er Klein darum gebeten habe, einen Brief an die Gemeindemitglieder zu schicken, in dem der Rabbiner ihm, auch nachdem erste Gerüchte hinsichtlich der Herkunft der Fleischwaren bei »Aviv« kursierten, sein volles Vertrauen aussprach. Der Gemeindevorstand habe ihn daraufhin zu einer Aussprache einbestellt, doch konnte er damals jeden Verdacht zerstreuen.

Am Ende des Prozesstages stellte der Vorsitzende Richter dem Angeklagten die Frage, ob es nicht auch eine Erleichterung und Befreiung für ihn gewesen sei, als der Betrug aufflog, da nun endlich die Wahrheit ans Licht gekommen sei. H. bejahte spontan. Bevor am 4. Dezember Staatsanwaltschaft und Verteidigung ihre Plädoyers halten, soll noch ein Zeuge gehört werden.

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