Handel

Dynastie im Dreiländereck

Mit der Idee, alles unter einem Dach anzubieten, wurden die Knopf-Warenhäuser einst berühmt

von Peter Bollag  14.03.2016 19:11 Uhr

In Straßburg entsteht das zweite Warenhaus der Familie, Moritz Knopf gründet es 1882. Foto: Sammlung Serger

Mit der Idee, alles unter einem Dach anzubieten, wurden die Knopf-Warenhäuser einst berühmt

von Peter Bollag  14.03.2016 19:11 Uhr

Eigentlich ein guter Name für ein Warenhaus: Knopf. Auch und gerade weil es in den Warenhäusern der Familie Knopf viel mehr zu kaufen gab als nur Knöpfe – die gab es natürlich auch.

Spielwaren, Damen- und Herrenkleider, Geschirr oder Schirme und Hüte – Knopf hatte alles. Ein paar wenige Exponate sind in der Ausstellung Waren-Haus-Geschichte: Der geraubte Erfolg des jüdischen Knopf-Imperiums im Dreiländermuseum in Lörrach zu sehen. Auf 400 Quadratmetern wird dabei ein kleines Warenhaus aus den 20er-Jahren nachgestellt, Quellen waren Werbebroschüren von Knopf aus der damaligen Zeit.

ausstellung Der Standort Lörrach ist nicht zufällig gewählt. Denn auch in der südbadischen Grenzstadt gab es ab 1895 ein Knopf-Warenhaus, damals im Land Baden der erste Stahlbetonbau. Heute befindet sich dort die Stadtbibliothek.

Begonnen hatte schließlich auch alles im südbadischen Raum und im damals wilhelminisch-deutschen Elsass. 1881 eröffnete Max Knopf (1857–1934), einer von vier Brüdern, die allererste Filiale in Karlsruhe. Es war ein kleines Textilgeschäft. Ein Jahr später zieht Bruder Moritz (1852–1927) in Straßburg nach, 1887 ist dann der dritte Bruder, Sally (1845–1922), in Freiburg an der Reihe, und bald entsteht dann auch die Lörracher Filiale. Das Rezept der Knopfs ist denkbar einfach: feste Preise, Gleichbehandlung aller Kunden und vor allem die Möglichkeit für die Kundschaft, die Ware selbst in die Hand nehmen und prüfen zu können, was bislang unmöglich war.

Später werden die Knopfs als eine der ersten Warenhaus-Unternehmer auch Cafés und Restaurants in ihren Warenhäusern einrichten, ebenfalls eine zukunftsweisende Einrichtung. Die »Weißen Wochen« waren zwar keine Erfindung der Knopf-Brüder, aber in ihren Warenhäusern kommen sie zu prominenter Anwendung. In den verkaufsarmen Wochen nach dem Weihnachtsgeschäft, also Januar und Februar, bot Knopf weiße Waren, vor allem, aber nicht ausschließlich, Kleider, günstiger an – ein früher Winterschlussverkauf.

Rote Fische Und auch er wird zum Renner. 1908 annonciert Sally Knopf sogar den Verkauf von »chinesischer Antilopenhaut« und »roten Fischen in einer Bowle«; nicht bekannt ist allerdings, ob die exotischen Produkte tatsächlich bei Mann oder Frau reißenden Absatz fanden. Die Knopf-Warenhäuser bieten auch Lebensmittel wie Käse oder geräucherten Fisch an, Keramikprodukte oder Vasen.

Viele kreative Verkaufsideen also: Kein Wunder, dass die Knopf-Familie bald auch ins Ausland expandieren kann, nach Luxemburg, aber vor allem in die Schweiz, wo 1893 in Zürich und 1895 in Basel je ein »Knopf« entsteht. Dass das Geschäft in Basel viele Jahre später das letzte Haus mit dem einstmals berühmten Namen sein sollte und seine Tore schließen musste, ahnt vor dem Ersten Weltkrieg, als die Knopfs zeitweilig mehr als 80 Filialen ihr Eigen nennen, freilich noch niemand.

Einen ersten Dämpfer erhalten die Brüder, die sich selbst meist als traditionelle Juden verstehen – nicht wenige der Knopf-Geschäfte sind an den Hohen Feiertagen im Herbst geschlossen –, nach dem Ersten Weltkrieg. Infolge der politischen Verschiebungen liegt ihr Geschäft nun im französischen Elsass-Lothringen. Der Versailler Vertrag, den der Kriegsverlierer Deutschland unterzeichnen muss, regelt auch den Übergang der Geschäfte und Warenhäuser aus deutschem in französischen Besitz. Die 30 Knopf-Zweigstellen in Elsass-Lothringen werden verstaatlicht. Ein großes Verlustgeschäft für die Familie.

Inflation Die Inflation während der Weimarer Republik überstehen sie noch einigermaßen unbeschadet, aber als Hitler 1933 an die Macht kommt, wird es für die jüdischen Warenhaus-Unternehmer endgültig schwierig. Da heißt es dann nach Nazi-Ideologie: Das »jüdische Warenhaus« mache die kleinen (arischen) Familiengeschäfte kaputt. Und damit waren nicht nur die Knopfs gemeint. Jüdische Geschäftsinhaber wurden zu den wichtigsten Feindbildern der Nazis. Und entsprechend handelten sie auch.

Bei der Boykott-Aktion der Nazis am 1. April 1933 stehen auch vor den Knopf-Geschäften SA-Leute und versuchen, meist erfolgreich, Kunden von einem Besuch abzuhalten. 1937 werden die Warenhäuser der Knopfs »arisiert« – natürlich weit unter ihrem Wert. In Lörrach und Freiburg übernimmt der bisherige Prokurist Fritz Richter die Geschäfte, die bald auch seinen Namen tragen werden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg sagt er das, was im Zusammenhang mit der Übernahme jüdischer Unternehmen vielfach zu hören ist: Man habe so nur das Schlimmste verhindern wollen. Tatsache ist: Das Geld, das eigentlich den Knopfs zustehen würde, bleibt auf einem Sperrkonto, das die Nazis während des Zweiten Weltkrieges auflösen.

Arthur, Sohn von Sally Knopf, wird nach der Pogromnacht von der Gestapo verhaftet und im KZ Dachau gefoltert. Im Mai 1939 kann er gerade noch in die Schweiz, nach Basel, entkommen. Die Basler Niederlassung erweist sich schließlich als lebensrettend. 1953 erhält Arthur Knopf das Schweizer Bürgerrecht und wird Basler.

veraltet Da hat der Niedergang der Knopf-Warenhäuser aber schon begonnen. In Deutschland können sie nach dem Ende der Nazi-Herrschaft nicht Fuß fassen. Und auch in der Schweiz, wo es zeitweilig bis zu 20 Filialen gab, erweisen sich die Knopf-Geschäfte gegenüber neuen, moderneren Konkurrenten als nicht mehr ausreichend innovativ. Im März 1978 schließt das letzte Knopf-Geschäft, das in Basel, seine Tore unwiderruflich. Ins Gebäude zieht die Modekette C&A ein. Für die Basler Fasnächtler ist das eine schlechte Nachricht. Denn sie, ebenso wie viele jüdische Kunden vor Purim, hatten sich hier jahrelang mit Kostümen, Masken, speziellen Hüten oder weiteren Jux-Utensilien eingedeckt.

Basel kannte in jenen Jahren auch noch rauschende Purimbälle, viele Karnevalisten gingen vorher zu Knopf und richteten ihr Kostüm nach dem Angebot des Kaufhauses aus. Und die Geschichte scheint sich zu wiederholen: Zu Beginn dieses Jahres schloss auch das letzte jüdische Kleidergeschäft der Rheinstadt, »Spira. The Fashion Gallery«.

1919 war es von Salomon Spira gegründet worden und hatte seinen Sitz fast um die Ecke des früheren Knopf. Als Gründe für die Schließung werden neben der billigeren Konkurrenz im nahen Deutschland vor allem der hohe Kurswert des Schweizer Franken genannt. Zumindest das letzte Argument hatte den Knopfs noch nicht zu schaffen gemacht.

Die Ausstellung: »Waren-Haus-Geschichte« im Dreiländermuseum, Basler Straße 143, in Lörrach läuft noch bis zum 1. Mai. Es gibt zahlreiche Veranstaltungen rund um die Ausstellung: www.dreilaendermuseum.eu

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