Biografie

Drei Städte und ein Leben

Spricht man Fred Antman auf seine Gefühle gegnüber Deutschland an, antwortet er zaghaft. Obwohl er inzwischen wieder regelmäßig in Berlin ist, ist ihm noch immer ein wenig unwohl. Wenn er heute die Kronenstraße im Bezirk Mitte entlangläuft, in der er einst, in den 30er-Jahren, mit seinen Eltern wohnte und im Garten spielte, wird ihm mulmig zumute. »Wir hätten hier eine sehr gute Zukunft gehabt«, sagt er.

Über sein beeindruckendes Leben hat der inzwischen 81-jährige Großvater von sechs Enkelkindern ein Buch geschrieben. A Tale of Three Cities erzählt von den drei Städten, die sein Leben prägten: Shanghai, Melbourne und eben Berlin. Städte, die nicht nur sein Leben und das Leben seiner Familie formten, sondern auch eine große Rolle in der europäisch-jüdischen Geschichte gespielt haben.

Deportation Durch ihre Weitsicht und Entschlossenheit rettete Antmans Mutter die Familie, nachdem die Pogromnacht ihrem glücklichen Leben in Berlin ein jähes Ende bereitet hatte. Im Oktober 1938 wurde sein Vater, Besitzer einer erfolgreichen Damen- mäntel- und -kostümfabrik und Kantor in der ehemaligen Synagoge in der Lindenstraße, zusammen mit 17.000 anderen Juden in ein Konzentrationslager an der polnischen Grenze deportiert.

Die Wahl des Fluchtorts fiel seiner Mutter nicht schwer. Es gab nur zwei Länder, die bei Einreise kein Visum verlangten – China und Bolivien. Das Schiff nach Shanghai legte eher ab, und so kaufte seine Mutter gegen den vehementen Widerstand ihres Mannes ein Ticket für die einzige freie Kabine für die Fahrt am 25. März 1939. Etwa 22.000 Juden konnten sich so retten – unter anderem auch Antmans spätere Frau Eva – die Liebe seines Lebens.

Bei der Ankunft in Shanghai waren die Europäer geschockt: Nicht nur Wetter und Kultur waren fremd. Im Krieg zwischen China und Japan wurde die ganze Stadt zertrümmert.

Australien Nach sieben Jahren im Exil hatten die Flüchtlinge nur noch einen Wunsch: So schnell wie möglich mit ihren Familien Kontakt aufzunehmen. So auch die Antmans. Freds Vater hatte einen Bruder in Australien, der ihnen sofort Papiere besorgte. Ein weiteres Mal musste die Familie ein neues Leben anfangen.

In Australien schlug Fred Antman sein vorläufig letztes und längstes Kapitel auf. Neben seiner Tätigkeit als Schneider machte er sich auch als Radio-DJ einen Namen. Bekannte Weltstars kamen in seine Show – unter anderem Nat »King« Cole, Frank Sinatra und Sammy Davis junior. Um die blühende jüdische Gemeinde von Melbourne, die heute 80.000 Mitglieder hat, zu unterstützen, engagierte er sich auch 23 Jahre lang als Präsident der Elwood Talmud Torah Hebrew Congregation.

Auf Einladung des Direktors des Jüdischen Museums von Berlin, W. Michael Blumenthal, der in Shanghai in der gleichen Straße wie Antman lebte und mit ihm zusammen die Schule besuchte, nahm Antman Anfang September an der zehnjährigen Jubiläumsfeier des Jüdischen Museums teil. Erst kürzlich stiftete er dem Museum Kleiderskizzen seines Vaters aus den Jahren 1921 bis 1938, um die Verbindung zu Berlin und die Familiengeschichte nicht zu vergessen.

Fred Antman: A Tale of Three Cities. Berlin, Shanghai, Melbourne. Makor Jewish Library and Resource Centre, Melbourne 2011. 211 S.

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