Wie es sich anfühlt, jeden Morgen noch vor dem Frühstück – selbst bei Frost – in einen Bottich mit eiskaltem Wasser zu steigen, weiß Richard Markus aus eigener Erfahrung. »Meine Frau und ich machen das jeden Tag«, sagt der Wirtschaftsprüfer. Es koste Überwindung, sei für ihn aber ein festes Morgenritual. Eines, das gegen Erkältungskrankheiten schütze und darüber hinaus abhärte. »Wenn man zurück ins Warme kommt, ist man wach.«
Unlängst ging die Geschichte des 61-jährigen Wahlberliners durch die Medien. Seit er eine amerikanische Großcousine im texanischen Austin wiedergefunden hat, verwaltet er die größte Einzelspende, die Israel je erhalten hat: 500 Millionen Dollar. »Wir sind alle ziemlich bodenständig, unsere Vorfahren waren Landjuden, Viehhändler«, sagt Markus. Aber es gibt drei Themen, die sich wie ein roter Faden durch 150 Jahre Familiengeschichte ziehen: Bildung, Mobilität und zivilgesellschaftliches Engagement. Sogar ein Dokumentarfilm beschäftigt sich mit ihrer Philanthropie. Who are the Marcuses? 2022 gedreht, geht der Film der Frage nach, wie jener Zweig der Familie, der den Holocaust durch rechtzeitige Flucht in die USA überlebte, dort zu einem sagenhaften Vermögen gelangte.
Diesem Zweig entstammt auch das inzwischen verstorbene Ehepaar aus Long Island, dessen Spende auf Wunsch von Tochter Ellen, einer Cousine dritten Grades von Richard Markus, an die Ben-Gurion-Universität des Negev in Israel geht.
Die Spende soll der Erforschung modernster Wassertechnologien zugutekommen
Die größte Einzelspende in der Geschichte des jüdischen Staates soll der Erforschung modernster Wassertechnologien zugutekommen. »Die wissenschaftlichen Ergebnisse sollen anschließend der ganzen Welt dienen«, sagt Markus. Denn der Zugang zu sauberem Wasser sei ein Menschenrecht – eines, das durch die Klimakrise zunehmend in Gefahr gerät. Zugleich kann Wasserknappheit zu Konflikten führen. Genau dies zu verhindern, machte sich Howard Markus, der Vater von Ellen Marcus, zu seinem Vermächtnis. Geboren 1909 als Hans Werner Markus in Bochum, arbeitete er dort bis 1933 als Zahnarzt.
Wie auch seine Frau Lotti, ebenfalls gebürtig aus Deutschland, gelang ihm als Juden schließlich die Flucht in die Vereinigten Staaten. Den Grundstein für ihren späteren Reichtum legte das Ehepaar mit rund 40.000 Dollar, die sie bei Investment-Guru Warren Buffett anlegten. Jahrzehnte später war daraus eine halbe Milliarde Dollar geworden – weil sie keinen einzigen Cent davon angerührt hatten.
Doch zurück zu Richard Markus. Geboren in Düsseldorf, besuchte er als Teenager in England ein Internat – dasselbe, in dem sein 1927 geborener Vater Hans Heinz, später Hugh Brian, als jüdischer Flüchtling aus Deutschland bereits von 1940 bis 1945 die Schulbank gedrückt hatte. »Ich bin da freiwillig hingegangen«, so Markus. Es sei eine schöne Zeit gewesen. Bis heute hält er die Verbindung zu London: Eine seiner Töchter lebt dort.
Bildung, Mobilität und zivilgesellschaftliches Engagement dominieren die Familiengeschichte.
»Meine Großeltern sind am 1. September 1939 nach London geflohen«, so Markus. »Zuvor hatten sie ihren damals elfjährigen Sohn, meinen Vater, und seine 16-jährige Schwester am Kölner Hauptbahnhof in den Zug gesetzt, ohne zu wissen, ob sie ihre Kinder jemals wiedersehen«, erzählt der Finanzexperte. Andere Familienmitglieder wurden in der Schoa ermordet.
Richard Markus kennt viele Geschichten aus seiner weitverzweigten Familie. »Wir haben eine ziemlich vollständige Dokumentation aus der Opferperspektive«, sagt er. »Wenn man sieht, was alles an Dokumenten vorhanden ist, hat man den Eindruck, dass jene Verwandten, die den Holocaust überlebt haben, hauptsächlich mit Papieren geflüchtet sind.«
Sein Vater wurde Wirtschaftsprüfer in England, kehrte bald nach dem Krieg aber nach Deutschland zurück, nach Düsseldorf.
»Wir waren keine Gemeindemitglieder«, erinnert sich Markus. Dennoch habe zur Synagoge eine Verbindung bestanden. »Mein Urgroßvater Abraham Freundlich, der Vater meiner Großmutter, war einst im Gemeindevorstand in Düsseldorf und verantwortete den Bau der großen Synagoge und auch der Orgel. Ihm sei auch zu verdanken, dass Leo Baeck im Jahre 1907 als Rabbiner gewonnen werden konnte.«
Aus dem Austauschjahr wurde ein Aufenthalt von 13 Jahren
All das prägte die Jugend von Richard Markus. »In der Schule hingegen war meine jüdische Herkunft bis zur 10. Klasse eigentlich kein Thema. Dann lief 1979 die Serie Holocaust im Fernsehen.« Das sei mit antisemitischen Vorfällen an seiner Schule verbunden gewesen. »Da war ich 15 Jahre alt«, erzählt Markus. Im Sommer 1980 ist er dann nach England gegangen.
»Eigentlich sollte ich nur ein Jahr bleiben, um meine Englischkenntnisse aufzupolieren.« Aus dem Austauschjahr wurde ein Aufenthalt von 13 Jahren. »Die Schulform war progressiv, wir mussten keine Schuluniformen tragen, wir wurden gefordert und gefördert.« Seine Lieblingsfächer waren Politik und Geschichte. »Das wollte ich eigentlich auch studieren, aber mein Vater riet mir, etwas zu machen, das sich international einsetzen lässt und womit man Geld verdienen kann.« Und so studierte er schließlich in Exeter Wirtschaftswissenschaften.
Den Grundstein für ihren späteren Reichtum legte das Ehepaar mit rund 40.000 Dollar.
»Ich bin von Geburt britischer Staatsbürger, 1974 haben wir dann als Familie die deutsche Staatsbürgerschaft zurückerhalten«, sagt Markus. »Zu Hause lief bei uns – wie ein Grundrauschen – immer die BBC.«
»Ich bin ein optimistischer Realist.«
Jahrelang war Markus Partner bei dem Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen KPMG, dann wurde er selbstständig. »Heute arbeite ich etwa die Hälfte meiner Zeit ehrenamtlich«, erzählt Markus, der sich selbst vor allem als Familienmensch beschreibt. Noch aber sei er jung genug, um sich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu engagieren.
Markus freut sich schon auf seine neue Aufgabe als Vorsitzender der Freunde der Ben-Gurion-Universität in Deutschland. Expertise kann er reichlich vorweisen: Er stellte 2023 die Ausstellung Innovativ, erfolgreich, jüdisch auf die Beine. Ferner engagiert er sich im Stiftungsrat des »House of One«. Außerdem gehört er dem Vorstand der Synagogengemeinde »Sukkat Schalom« an.
Seine Großcousine Ellen Marcus soll angesichts der riesigen Spende einmal gesagt haben, dass nicht jeder Geld zum Spenden besitze, aber alle die Möglichkeit haben, sich aktiv einzubringen. Zivilgesellschaftliches Engagement sei wichtig, sagt auch Richard Markus. Nicht zuletzt deshalb lautet sein Lebensmotto: »Ich bin ein optimistischer Realist.«