Düsseldorf

Die Uhr des Großvaters

Eine Tochter von Schoa-Überlebenden spricht mit Schülern über ihre bewegte Familiengeschichte

von Christine Schmitt  09.11.2022 14:10 Uhr

Elisabeth Berkes-Grosser (l.) erhielt zum Dank für das Gespräch Blumen. Foto: Eva

Eine Tochter von Schoa-Überlebenden spricht mit Schülern über ihre bewegte Familiengeschichte

von Christine Schmitt  09.11.2022 14:10 Uhr

Irgendetwas kommt noch, da war sich Elisabeth Berkes-Grosser immer sicher. Jahrelang reiste sie nach Ungarn, um dort die Archive nach Informationen über ihre Familie zu durchforsten. »Ich hinterließ dabei auch Spuren.« Denn sie sprach mit vielen Menschen. Jahre später meldete sich plötzlich jemand aus Ungarn bei ihr.

Alte Safes waren gerade geöffnet worden, in denen die Wertsachen von Juden lagen, die ihnen während der Deportation abgenommen worden waren. Auch ihr Großvater war unter den Deportierten. Wahrscheinlich habe ein Verantwortlicher nicht gewusst, was er mit den Gegenständen machen soll, und verwahrte sie erst einmal an einem sicheren Ort. So kam die Armbanduhr von 1908 in den Besitz von Elisabeth Berkes-Grosser.

Als sie von diesem Erlebnis jüngst den Schülern des Albert-Einstein-Gymnasiums (AEG) und des Theodor-Fliedner-Gymnasiums in Düsseldorf erzählte, waren alle Jugendlichen mucksmäuschenstill. Die Uhr hatte die 74-Jährige dabei, ebenso die Familienfotos und die Wallenberg-Schutzpässe.

Während Elisabeth Berkes-Grosser erzählt, sind die Jugendlichen mucksmäuschenstill.

»Aber noch mehr bewegt hat mich die Tatsache, dass ihr Großvater zweimal beerdigt wurde, darüber wollten wir alles erfahren«, sagt Eva, Schülerin der AEG. Als die 16-Jährige von diesem Projekt innerhalb des jüdischen Religionsunterrichts hörte, war sie sofort dabei. Besonders die Möglichkeit, ein Interview mit der Tochter von Schoa-Überlebenden zu führen, reizte sie. »Das interessiert mich sehr.« Der Elftklässlerin gefiel es ebenso, dass sich Schüler eines evangelischen Gymnasiums beteiligten. »Mit zweien bin ich jetzt gut befreundet.« Denn das gemeinsame Erarbeiten eines Films, in dem sie Elisabeth Berkes-Grosser interviewen, habe sie verbunden.

fragen Die 74-Jährige hat zum ersten Mal von dem Schicksal ihrer Familie erzählt und sich den Fragen gestellt. »Die Schüler haben mich gelöchert. Nach dem Gespräch war ich fix und fertig«, sagt sie. Sie habe kein Problem damit, über ihre Eltern und Großeltern zu sprechen, aber das »Wie und Was« sei einfach bemerkenswert gewesen. »Sie haben intelligente und tolle Fragen, mit Herzblut und Neugier, gestellt. Manchmal dachte ich, dass das doch keine 15- oder 16-Jährigen sind, so reif kamen sie mir vor.«

Eine Frage war beispielsweise, wie sie damit umgehen würde, wenn sie erfahre, dass die Nachbarn aus einer Nazifamilie stammen. »Da hatte ich schnell eine Antwort parat: Sie können doch nichts dafür, ich würde es ihnen nicht übel nehmen.«

Wichtig sei für sie gewesen, dass sie keinen Vortrag hält. »Die Schüler können mich ausfragen«, sagt sie. Ihre Großeltern hatten 1908 in Ungarn geheiratet. Es war die Zeit, in der die meisten eine Uhr an der Kette um ihren Hals trugen. Berkes-Grosser wollte es genauer wissen und zeigte die Uhr einem Juwelier. Der stellte ebenfalls fest, dass die Uhr heute leider nicht mehr viel wert sei, weil sie beschädigt ist.

Jahrelang reiste sie nach Ungarn, um in Archiven nach Verwandten zu suchen.

1909, ein Jahr nach ihrer Heirat ihrer Großeltern, kam ihr Sohn, der Vater von Elisabeth Berkes-Grosser, auf die Welt. Als er erwachsen war, verließ er seinen Heimatort und ging nach Budapest, wo er seine zukünftige Frau kennenlernte. Seine Eltern blieben auf dem Land zurück – was für sie fatal war. Denn Adolf Eichmann hatte 1944 angekündigt, dass alle Juden innerhalb weniger Monate abgeholt werden würden – was auch geschah. 400.000 Juden wurden deportiert.

»Noch heute machen sich die Rabbiner in Ungarn in den Monaten Juni, Juli, August auf den Weg, um Gedenkgottesdienste für die Verstorbenen zu halten.« Deshalb reist sie auch zusammen mit ihrem Mann nach Ungarn. »Früher waren es die Überlebenden, die kamen, heute sind es mittlerweile die Urenkel.« Es sei eine Tradition entstanden, die immer weitergegeben werde.

Ihr Großvater wurde 1944 nach Österreich in das Munitions- und Zwangsarbeiterlager Heiligeneich deportiert. Zwei Tage nach seiner Ankunft wurde er krank, und da man damals keine Erfahrung hatte, wie man mit kranken Inhaftierten umgehen könnte, wurde er bei einer Bauernfamilie untergebracht. Dort ist er schließlich gestorben – »wahrscheinlich in dem Ehebett«. Er sei der erste Tote des Lagers gewesen und wurde auf einem katholischen Friedhof in Anwesenheit eines Rabbiners zum ersten Mal bestattet. Seine Frau starb in Auschwitz.

überleben Unterdessen waren ihre Eltern in die Illegalität gegangen und versteckten sich in Budapest. »Da war das Überleben leichter als auf dem Land.« Die Familie ihrer Mutter erhielt Schutzpässe des schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg und überlebte ebenfalls die Schoa.

Jahre später stellte sich für die Familie die Frage, ob der Großvater vom christlichen Friedhof in Österreich auf einen jüdischen in Ungarn überführt werden sollte. Im Judentum soll die Totenruhe nicht gestört werden. Weil über eine Ausreise schon nachgedacht wurde, rieten die Rabbiner der Familie ab. Einige Jahre später, als die Gräber in Österreich aufgelöst wurden, war der Sachverhalt anders. »Da ist mein Großvater auf den jüdischen Friedhof in Mönchengladbach überführt worden, wo er jetzt neben meinen Eltern liegt.«

»Diese Geschichte geht uns allen ans Herz«, sagt Schülerin Eva.

1961 war Berkes-Grosser nach Deutschland emigriert und zog schließlich nach Düsseldorf, wo die 74-Jährige noch heute lebt. Als Jugendliche lernte sie die neue Sprache leicht und wurde später Sozialpädagogin in der Erwachsenenbildung.

»Ich habe jetzt alles gemacht, was ich musste«, sagt sie. Nur noch manchmal besucht sie ein Archiv in Ungarn. Tagelang hatte sie mitunter nach Verwandten gesucht und kann nun fünf Generationen zurückverfolgen.

»Bei den Jugendlichen habe ich mich bedankt, dass ich die Chance bekam, ihnen das alles zu erzählen.« Es sei ein »unglaubliches« Projekt gewesen, das sie sehr bereichert habe. »Diese Geschichte geht uns allen ans Herz«, sagt Eva. Ihre eigene Großmutter, so berichtet sie, hatte während der Nazizeit zwei Buchstaben in ihrem Nachnamen geändert, um nicht sofort als Jüdin identifiziert zu werden, und konnte so weiterleben.

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