Bea Wyler

Die Pionierin

Die Schweizerin Bea Wyler amtierte von 1995 bis 2004 als erster weiblicher Rabbiner in Deutschland in Oldenburg und Braunschweig. Foto: picture-alliance / dpa

Bea Wyler

Die Pionierin

Vor 25 Jahren stellten die Gemeinden Oldenburg und Braunschweig erstmals einen weiblichen Rabbiner ein

 31.07.2020 10:07 Uhr

Die jüdischen Gemeinden in Oldenburg und Braunschweig gingen 1995 eigene Wege, und kaum jemand schien mit einem Erfolg zu rechnen, doch es wurde einer: Frauen amtieren in Deutschland als Rabbiner. Ihre Pionierin war die damals 44-jährige Schweizerin Bea Wyler.

Ihre Einstellung initiiert hatte Sara-Ruth Schumann, Gemeindevorsitzende der nur drei Jahre zuvor wiedergegründeten Jüdischen Gemeinde zu Oldenburg. Aus dem Experiment wurden fast neun Jahre.

Am 1. August 1995 trat Bea Wyler als erste Frau nach dem Holocaust das Amt des Rabbiners in Deutschland an, eine Nachfolgerin der legendären Regina Jonas, die Rabbiner Max Dienemann 1935 zwar ordiniert hatte, die aber nie amtieren durfte.

Debatten Wylers Anstellung löste heftige Debatten innerhalb der jüdischen Gemeinschaft aus. Der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, lehnte es öffentlich ab, einen von einer Frau geleiteten Gottesdienst zu besuchen. Die Deutsche Rabbinerkonferenz verweigerte der Schweizerin die Mitgliedschaft. »Nicht Rabbinerin«, betont Bea Wyler bestimmt, »sondern Rabbiner. Denn so lautet mein akademischer Titel.«

Zentralratsvorsitzender Ignatz Bubis bekundete, nie einen von einer Frau geleiteten Gottesdienst zu besuchen.

Als Bea Wyler 1995 in New York ihr Studium mit der Ordination beendete, waren die Umwälzungen nach dem Fall der Mauer in ganz Europa zu spüren. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wanderten viele Juden nach Deutschland ein. Die Oldenburger kamen von anfangs 34 nach knapp zwei Jahren auf rund 100 Mitglieder.

Traditionnsbewusst Schnell sei dem Gründungskreis um die Vorsitzende Sara-Ruth Schumann klar geworden, dass ein Rabbiner nötig war, um die jüdische Tradition zu bewahren, zu entwickeln und selbstbewusst zu leben, erinnert sich Wyler. Denn die meisten Neuankömmlinge hätten lediglich eine rudimentäre Vorstellung von ihrer jüdischen Tradition gehabt.

Um einen Rabbiner anstellen zu können, kooperierten die Gemeinden in Oldenburg und Braunschweig, auch die Oldenburger Universität richtete eine Teilstelle im Studiengang für Jüdische Studien ein.

»Wir waren Pioniere«, sagt Bea Wyler im Rückblick. Was in großen traditionellen Gemeinden selbstverständlich war, musste in Oldenburg und Braunschweig von Grund auf aufgebaut werden. Einmal im Monat ein Schabbatgottesdienst, mehr war nicht drin, doch die Gemeinden schufen ein zweites Novum: Sie ließen sich von ihrer Frau Rabbiner ausbilden: »Es braucht für einen jüdischen Gottesdienst keinen Rabbiner. Es braucht jüdische Leute, die wissen, wie es geht«, erklärt Bea Wyler.

Nach zwei Jahren gemeinsamen Lernens waren einige Gemeindemitglieder fähig, selbst einen Gottesdienst zu leiten.

Nach zwei Jahren waren so viele Menschen befähigt, einen Gottesdienst zu leiten, dass der Schabbatgottesdienst alle zwei Wochen gefeiert werden konnte. »Einige von denen, die ich ausgebildet habe, leiten heute noch den Gottesdienst«, sagt sie mit einer Spur Stolz in der Stimme.

Das Rabbineramt war der 1951 geborenen Frau nicht in die Wiege gelegt. Zunächst studierte sie Agrarökonomie mit dem Spezialgebiet Geflügelzucht. Später arbeitete sie als agrarwissenschaftliche Journalistin. »Irgendwann wollte ich mehr über meine jüdische Tradition wissen – sie besser kennenlernen und verstehen. Die äußerst großzügige jüdische Tradition und das damit verbundene Forschen und Fragen nach der Wahrheit fasziniert mich bis heute«, sagt Wyler. »Da war der Schritt nicht mehr weit, daraus einen Beruf zu machen.« Sie studierte in Israel, Berlin, London und in New York am Jewish Theological Seminary.

Alina Treiger 2004 kehrte Bea Wyler aus familiären Gründen in die Schweiz zurück. Die Oldenburger Gemeinde blieb ihrer Linie treu und wählte sich 2010 mit Alina Treiger die erste in Deutschland ausgebildete Rabbinerin. Heute zählt die Gemeinde 280 Mitglieder.

Bea Wyler unterrichtet und publiziert heute wieder in der Schweiz. Ihre Liebe zur Wahrheit und zum Lernen ist geblieben. Jeden Abend frage sie sich, ob sie heute schon etwas gelernt habe. »Kann ich das nicht mit ›Ja‹ beantworten, ist es zu früh zum Schlafengehen.« epd/ja

Jewrovision

Jung, laut, jüdisch

Eindrücke vom Wochenende in Stuttgart

von Nicole Dreyfus  20.05.2026

Fest

Magdeburger Synagogen-Gemeinde hat neue Torarolle eingeweiht

Mit dem Fest der Toravollendung konnte die neue Torarolle der Magdeburger Synagogen-Gemeinde eingeweiht werden. Traditionell wurden die 5 Bücher Mose von einem Sofer genannten Schreiber in Israel angefertigt

von Thomas Nawrath  20.05.2026

Programm

Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 21. Mai bis zum 3. Juni

 20.05.2026

Stuttgart

Sieg in Weiß mit »Gangsta’s Paradise«

Glitzer, Lampenfieber und große Botschaften: Bei der Jewrovision verwandelten Jugendliche aus ganz Deutschland Musik, Tanz und persönliche Geschichten in eine kraftvolle Show. JuJuBa holte den ersten Platz, gewonnen haben aber alle

von Nicole Dreyfus  20.05.2026

Meinung

Die Jewrovision sendet ein Signal

Bei dem Musikwettbewerb haben die Teilnehmer auch immer wieder den grassierenden Antisemitismus thematisiert. Die Politik muss die Angst jüdischer Kinder und Jugendlicher endlich ernst nehmen

von Nicole Dreyfus  20.05.2026

Konflikt

»Große Irritation« nach Gründung eines neuen liberalen Rabbinatsgericht

Die Jüdische Gemeinde zu Berlin und die Union progressiver Juden haben ein Beit Din gegründet. Die Allgemeine Rabbinerkonferenz kritisiert den Schritt als »Spaltungsmanöver«

von Mascha Malburg  19.05.2026

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« erhält Tacheles-Preis

Der Tacheles-Preis wird alle zwei Jahre an Personen oder Organisationen verliehen, die sich für die Sicherung einer jüdischen Zukunft in Deutschland einsetzen. Die Laudatio hält der neue WELT-Chefredakteur Helge Fuhst

 18.05.2026

Chemnitz

Ausstellung zum Neuanfang der jüdischen Gemeinde Chemnitz

»Jetzt erst recht!«: Eine Ausstellung im Staatlichen Museum für Archäologie erinnert an den mutigen Neuanfang der jüdischen Gemeinde Chemnitz 1945

 18.05.2026

Magdeburg

Synagogen-Gemeinde weiht neue Torarolle ein

Große Freude in der Magdeburger Synagoge: Nach mehr als 30 Jahren des Spendensammelns erhält die jüdische Gemeinde eine neue Torarolle, die in Israel von einem spezialisierten Schreiber angefertigt wurde

 18.05.2026