Berlin

Die Lehren der »Zöglinge«

Noah, Lilly und Yagmur sitzen zusammen mit sieben weiteren Schülerinnen und Schülern der 9. und 10. Klasse im zweiten Stock des Jüdischen Waisenhauses im Bezirk Pankow, in einem Saal, der nach Leslie Baruch Brent benannt worden ist. Der in Köslin geborene Immunologe und Zoologe wäre im Juli 100 Jahre alt geworden. Obwohl der Raum renoviert ist, lassen sich an manchen Stellen noch Spuren von Krieg und Verfall erkennen. So ist die Deckenverkleidung weiterhin stark beschädigt.

Die Jugendlichen haben sich nun auf der Bühne in einem Halbkreis im ehemaligen Betsaal des Waisenhauses zusammengesetzt und sprechen mit ihren Lehrern und Peter-Alexis Albrecht, dem Leiter der Cajewitz-Stiftung, darüber, was sie in der Ausstellung ein Stockwerk tiefer über das Haus und über den Namensgeber des Saals gelernt haben – und damit letztlich auch über sich selbst.

»Ich fände es schlimm, wenn ich als Zögling in einem Waisenhaus leben müsste«, sagt eine Schülerin. Und ein Junge ergänzt: »Flucht ist ja kein abgeschlossenes Ereignis, Flucht wirkt bei den Zöglingen im Kopf immer weiter.« Eine andere Schülerin ist überzeugt: »Manche Zöglinge hatten später Schuldgefühle, dass sie als Einzige überlebt hatten.«

In sieben Stationen wird detailliert die Geschichte des Jüdischen Waisenhauses gezeigt

Immer wieder benutzen die Schülerinnen und Schüler das etwas angestaubte Wort »Zöglinge«, was gewiss damit zusammenhängt, dass es Stiftungsleiter Albrecht selbst die ganze Zeit über benutzt hat. Der Begriff bezieht sich auf das Verb »erziehen« und stellt ganz klar, was mit den Kindern im Alter zwischen sieben und 14 Jahren in Pankow geschah: Sie sollten erzogen, geformt und auch irgendwie geschützt werden vor der Außenwelt. In dem Wort »Zögling« schwingt aber auch eine untergeordnete Position in einer Hierarchie als Bedeutung mit.

Was aus den »Zöglingen« in diesem Gebäude wurde, das in den Jahren 1912 und 1913 von Alexander Beer, dem Baumeister der Jüdischen Gemeinde Berlin, im neobarocken Stil errichtet wurde und auch heute noch durch sein markantes Mansardendach auffällt, zeigt die Ausstellung im ersten Stock. In sieben Stationen wird darin sehr detailliert die Geschichte des Jüdischen Waisenhauses gezeigt, präsentiert mit zahlreichen Fotos, Texten und Zitaten von Menschen, die darin gelebt und überlebt hatten.

An einer Wand stehen die Namen der 44 Kinder, Lehrer und Beschäftigten.

Bis zu Beginn der 30er-Jahre war das Haus ein Zufluchtsort für jüdische Kinder vor allem aus dem östlichen Europa. Nicht immer handelte es sich um Waisen, manchmal waren die Eltern nicht mehr in der Stadt und ließen ihren Nachwuchs in der Obhut der Pädagogen. So auch die Eltern von Leslie Baruch Brent, die mit dem Leiter der Schule befreundet waren: Kurt Crohn.

Mit dem Aufkommen der Nationalsozialisten in Berlin häuften sich die Angriffe auf das Haus – auch vonseiten der Hitler-Jugend. Die Angst, heißt es in einem der Dokumente in der Ausstellung, wurde zu einem ständigen Begleiter der Bewohner. Doch noch gab es Momente der Zivilcourage. So stellte sich ein Lehrer den Angreifern in den Weg, wird berichtet. Auch Leslie Baruch Brent kommt darin immer wieder zu Wort: »Das Schlimmste war der Gedanke, dass ich meine Eltern vielleicht nie wiedersehen würde.« Sie wurden 1942 zusammen mit seiner Schwester in Riga ermordet.

Peter-Alexis Albrecht, der mit Brent bis zu dessen Tod 2019 befreundet war, hat die Ausstellung mit konzipiert. Er möchte in diesem Jahr so viele Schulklassen wie möglich in diese Ausstellung holen. »Generationsübergreifende Bildung ist unser Stiftungszweck«, bringt er es auf den Punkt. »Wir wollen mit der Ausstellung diejenigen erreichen, die noch zu wenig wissen über jüdisches Leben im Dritten Reich und auch über dieses Gebäude.«

Die Schüler, die sich für diesen ersten Testlauf im Dezember 2025 bereit erklärt haben, gehen auf die benachbarte »SchuleEins«. Sie kennen das Gebäude, waren schon einmal in dem Saal, sagen aber auch, dass sie sich bislang kaum Gedanken gemacht haben über das Leben des Waisenjungen Leslie Baruch Brent. Im Gespräch merken sie, dass auch sie immer wieder Erfahrungen damit gemacht haben, »anders« zu sein.

Ein Mädchen muss seinen Namen immer buchstabieren, wenn es sich vorstellt, und auch die anderen Schüler haben schon erlebt, wie es ist, einmal nicht dazuzugehören. Doch die Verfolgung, die Kinder im Nationalsozialismus erleiden mussten, kann letztlich niemand nachvollziehen. »Wir können es nur hier lesen«, sagt ein Jugendlicher, »aber es bleibt fremd.«

Manche der ehemaligen Heimbewohner hatten die Sprache jahrzehntelang nicht benutzt

Die Ausstellung erzählt, wie 1942 das Gebäude beschlagnahmt wird und bald eine Behörde einzieht, die für die Judenverfolgung zuständig ist, und zwar eine Abteilung des Reichssicherheitshauptamtes. Das Gebäude wird im Krieg beschädigt und 1952 als Botschaft Polens und später Kubas genutzt.

In zwei weiteren Stationen wird beschrieben, wie das Waisenhaus nach der Wiedervereinigung saniert und zu einem Ort der Erinnerung wird – an den auch die ehemaligen »Zöglinge« zurückkehren. »Wir haben eine Konferenz für die Ehemaligen veranstaltet, und viele von ihnen waren lange nicht mehr in Deutschland gewesen«, berichtet Albrecht. Besonders aufgefallen sei ihm, dass in den ersten Tagen einige der Gäste kaum Deutsch gesprochen hätten. »Erst am zweiten Tag hörte ich mehr Deutsch, und am dritten Tag sprachen einige wieder fließend.« Manche der ehemaligen Heimbewohner hatten die Sprache jahrzehntelang nicht benutzt.

An der Wand im Saal sind die Namen der 44 Kinder, Lehrer und Beschäftigten des Jüdischen Waisenhauses angebracht, die in der Schoa ermordet wurden. Laja Hauben, Herbert Aufrecht und Richard Blumenfeld stehen auf dieser Liste – ebenso Kurt Crohn, der Leiter der Schule.

Das Wort klingt wenig nach Fürsorge, mehr nach Hierarchie.

In den Gesprächen mit den Schülern geht es vor allem um die Überlebenden und die Bedeutung, die sie dem Haus zurückgegeben haben. »Versöhnung bedeutet nicht, dass wir das Verbrechen vergessen«, sagt Albrecht, »sondern dass wir uns entscheiden, Menschlichkeit weiterzugeben und davon zu erzählen, was hier passiert ist.« Leslie Baruch Brent habe von seiner Freude über die »vielen Freunde in Berlin, Juden und Nichtjuden« gesprochen.

Die siebte Station der Ausstellung dreht sich um die Bedeutung dieses Vermächtnisses und die Erhaltung des Betsaals, der ebenfalls eine Geschichte hat. Gestiftet wurde er von dem Zigarettenfabrikanten Josef Garbáty, der nichtjüdische Maler August Unger gestaltete die Kassettendecke. Feiern der Gemeinde »Ohel Hachidusch« finden hier ebenso statt wie die Pankower Waisenhausgespräche, in denen über aktuelle Themen wie Machtpolitik und Ukraine-Krieg diskutiert wird.

Wer heute durch das Jüdische Waisenhaus geht, sieht, dass es ein lebendiger Ort ist. Die Bibliothek wird viel genutzt. An den Tischen sitzen Jugendliche und Erwachsene, lesen, arbeiten. Tastaturen klappern, Zeitungen rascheln. Es gibt mehr Platz als in anderen öffentlichen Bibliotheken.

Wo einst Kinder zu »Zöglingen« wurden, sitzen heute Menschen, die sich austauschen. Die Geschichte dieses Hauses ist also nicht abgeschlossen; sie geht weiter – nicht laut oder belehrend, sondern als Teil eines Alltags. Vielleicht ist das die stärkste Form des Erinnerns.

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