Porträt der Woche

Die Klangmittlerin

»Ich bin Perfektionistin. Ich halte meinen Unterricht als Meisterklasse«: Anna Filipova mit einer ihrer Schülerinnen Foto: Peter Roggenthin

Irgendwann kommt das Alter, in dem man sich entscheiden muss. Ich habe mich entschieden, alles weiterzugeben, was ich kann. Denn ich hatte eine sehr lange Pause gemacht, und unsere Kunst liebt keine Pausen.

Bevor meine Schüler kommen, habe ich normalerweise am Vormittag Zeit, mich um den Haushalt zu kümmern. Zwischen 13 und 14 Uhr geht dann der Unterricht los, und es dauert schon mal bis 19 oder 20 Uhr am Abend, bis der Letzte gegangen ist.

Die meisten meiner rund 30 Schüler sind zwischen sechs und 16 Jahre alt. Aber es kommen auch ältere Leute oder Musikstudenten zu mir. Gerade die über 40‐Jährigen machen das sehr gerne und sehr bewusst, das macht mir Spaß. Sie haben in ihrer Kindheit Klavierspielen gelernt und dann irgendwann aufgehört. Jetzt kommen sie zurück zu ihrem Instrument. Sie merken, dass es als Ausgleich wichtig ist.

Mühe Solche Schüler unterstütze ich gern. Manche Kinder geben auf, wenn sie merken, dass es Mühe kostet. Das ist eigentlich ganz normal. Als Kind war ich auch nicht sehr fleißig. Ich habe mit fast sieben Jahren angefangen, und bevor ich mich mit 13 oder 14 Jahren bewusst für das Klavier entschieden habe, wollte ich zwar spielen, aber nicht üben. Alle Kinder sind gleich, Ausnahmen gibt es selten.

Beim Unterrichten lege ich besonderen Wert auf die Liebe zur Musik. Ich bin Perfektionistin. Ich halte meinen Unterricht als Meisterklasse. Wir machen nicht einfach ABC oder Alle meine Entchen, wir machen Kunst: Bach, Beethoven, Mendelssohn, Chopin – das braucht Reife, Mühe und Geduld. Ich habe festgestellt, dass die weniger begabten Kinder manchmal mehr erreichen – mit Geduld, Leidenschaft und Liebe zum Instrument.

Ein Zitat meines Lieblingsprofessors Heinrich Neuhaus lautet: »Talent ist Intellekt und Leidenschaft.« Ich dressiere die Kinder nicht, ich will den tiefen Verstand ansprechen. Wie ich das erreiche, weiß ich nicht. Ich kann auch nicht sagen, dass es mir immer gelingt. Wir reden viel. Ich probiere, die Seele ein bisschen zu öffnen. Das, was ich gelernt habe, ist die russische pianistische Schule. Ich lege nicht so viel Wert auf Technik, sondern mehr auf das Seelische: Technik ist gut, aber Seele ist besser. Der Mensch ist schließlich keine Maschine.

Kunst Meine Schüler und ich, wir haben ein gutes Verhältnis. Wir sind Freunde, hoffe ich. Manchmal schimpfe ich auch, wenn ich sehe, dass sie nicht geübt haben. Ich fühle mich dann beleidigt: Ich gebe alles und kriege nichts zurück. Für mich ist Kunst auch eine Lebensschule, sie hat etwas mit Verantwortung zu tun. Auch wenn sicher nicht alle meine Schüler die Kunst als Lebensweg wählen, ist es doch wichtig, dass sie sie mit ins Leben nehmen. Die Fähigkeit, ein Instrument zu spielen, ist das Beste, was man überhaupt mitnehmen kann.

Ich selbst bin mit sieben Jahren in der Musikschule aufgenommen worden. Gemeinsam mit meiner Cousine Sophia ging ich zur Aufnahmeprüfung. Sie war dreieinhalb Jahre älter als ich und damals mein großes Vorbild. Ich wusste gar nicht, worum es ging, ich wollte einfach das Gleiche machen wie meine Sophia. Also habe ich vorgesungen und wurde genommen. Meiner Klavierlehrerin dort ist es gelungen, mir die Liebe zum Instrument und zur Musik zu vermitteln, sodass ich den Lebensweg als Musikerin gewählt habe.

Nach acht Jahren Musikschule bin ich an die Musikfachschule gewechselt. Und weil ich sehr gut war, konnte ich vier Jahre später am staatlichen Konservatorium in Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, studieren. Im Sommer 1974 – ich war 23 Jahre alt – habe ich dort mein Diplom gemacht. In den folgenden 15 Jahren habe ich unterrichtet und Konzerte gegeben. Ich war wirklich keine schlechte Pianistin und Lehrerin. Aber ich spreche nicht gerne über die Vergangenheit.

Dann kam die Perestroika, und der Eiserne Vorhang fiel. Und auf einmal wurde alles zunichtegemacht. Vorher haben wir etwas verdient, und das haben wir ausgegeben. Wir hatten keine Rücklagen, aber unser Auskommen. Und dann bekamen wir plötzlich nichts mehr bezahlt, das war wirklich schrecklich! Ich hätte als Pianistin weiterarbeiten können, aber ohne Bezahlung. Meinem Mann, einem Ingenieur, ging es genauso. Um uns über Wasser zu halten, haben wir auf dem Markt von Czernowitz in der Nähe der rumänischen Grenze, wo wir damals lebten, Stoffe auf Kommissionsbasis verkauft. Jeden Morgen um fünf Uhr fingen wir an. Mit dem Klavier war es vorbei.

Entscheidung Im März 1998 sind wir, meine Mutter, mein Mann, unsere Tochter und ich, dann nach Deutschland gekommen. Diese Entscheidung ist uns trotz unserer schlechten wirtschaftlichen Situation nicht leicht gefallen. Ich wusste, es würde schwierig werden wegen der neuen Sprache, die wir lernen mussten. Dennoch: Inzwischen feiern wir diesen Tag jedes Jahr.

Als wir in Erlangen ankamen, machte mein Mann zuerst den Sprachkurs und dann eine Weiterbildung. Er musste bei null anfangen. Das war hart, sehr hart. Er hat sich viel Mühe gegeben. Inzwischen arbeitet er seit vier Jahren bei Siemens. Auch ich musste lernen. Und das wollte ich auch, denn ich wusste genau: Ohne Sprachkenntnisse geht nichts. Ich habe mit 48 Jahren Deutsch gelernt. Nachts bin ich oft aufgewacht und habe Wörter nachgeschaut. Damals habe ich in meinen tapfersten Träumen nicht daran gedacht, eines Tages in meinen Beruf zurückzukehren.

Nach dem Sprachkurs wollte ich Geld verdienen. Ich habe alles Mögliche gemacht, um ein Klavier kaufen zu können: Ich war Aushilfe im Supermarkt und habe in einer Bäckerei geputzt. Aber das habe ich nur zwei Monate ausgehalten. Auch eine Ausbildung in der Altenpflege habe ich versucht, doch die musste ich abbrechen. Es war überhaupt nicht mein Ding.

Haydn Vor etwa zehn Jahren konnte ich mir dann endlich ein Klavier kaufen. Als ich wieder anfing, habe ich so geweint: Meine Finger waren wie aus Holz. Ein halbes Jahr habe ich gebraucht, um ein Programm vorzubereiten: Bach, Haydn, Beethoven, Liszt, Chopin.

Jeden Tag habe ich vier bis fünf Stunden hart gearbeitet. Dann habe ich das Programm im Begegnungszentrum einer Kirchengemeinde präsentiert. Ester Klaus, der Vorsitzenden der Jüdischen Kultusgemeinde Erlangen, habe ich es zu verdanken, dass ich wieder in meinem Beruf als Klavierlehrerin arbeite. »Du musst anfangen, es ist Zeit«, sagte sie damals zu mir.

Mit meinen Schülern veranstalte ich zwei Konzerte pro Jahr im Gemeindehaus der Kirchengemeinde. Es ist mir wichtig, dass die Kinder auf die Bühne kommen wie kleine Meister. Ich versuche, ihnen beizubringen, dass es ein kleines Spektakel sein muss, wenn man die Bühne betritt. Ästhetik, Aussehen, wie du kommst, wie du gehst, welche Bewegungen du machst – das ist alles sehr tief miteinander verbunden. Und vor allem will ich sehen, wie sie die Noten interpretieren und verstehen.

Ein paar Schüler, die 2002 oder 2003 bei mir angefangen haben, spielen inzwischen schon besondere Werke wie das D‐Moll‐Konzert von Bach oder die Nocturne von Chopin. Ich hoffe, dass einige von ihnen Musik studieren. Aber das ist kein leichter Weg.

Solange ich es schaffe, will ich noch eine Generation intelligenter Menschen großziehen. Es ist mir wichtig, dass ich eine Spur hinterlasse. Ich wünsche mir von Herzen, dass meine Schüler, wenn nicht mit Liebe, dann mit Dankbarkeit an ihre erste Lehrerin denken.

Aufgezeichnet von Thomas Nagel

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