Interview

»Die jungen Leute müssen noch ausgebildet werden«

Henry Hornstein Foto: Andrea Umbach

Herr Hornstein, 38 Jahre lang hat Jacques Marx die Duisburger Gemeinde geleitet. Sind das sehr große Fußstapfen, in die Sie treten werden?
Ja, das ist wirklich eine große Aufgabe. Als Kinder- und Jugendarzt hatte ich wenig Zeit, im Vorstand aktiv zu sein. Dennoch habe ich Jacques Marx unterstützt, wo ich konnte. Das war aber eher im Außenbereich: im Landesverband, im Jüdischen Gemeindefonds und im Direktorium des Zentralrats. Seit dem vergangenen Jahr bin ich nicht mehr als Kinderarzt tätig und habe viel mehr Zeit für die Gemeinde.

Außer Ihnen ist kein Mitglied der alten Repräsentanz mehr in der neuen vertreten. Bedeutet das einen Umbruch?
Auf jeden Fall. Wenn wir auf 20 Jahre Einwanderung zurückblicken, sehen wir, dass die Zuwanderer in den Anfangsjahren nicht immer als Bürger erster Klasse behandelt wurden, auch hier in unserer Gemeinde nicht. In letzter Zeit hat sich das geändert, sie sind fähig und in der Lage sich einzubringen. Das Wählervotum hat gezeigt, dass wir auf diese Zuwanderer zugehen, ihre Wünsche und Bedürfnisse berücksichtigen und sie in die Arbeit einbinden müssen. Zunächst muss ich meine neuen Kollegen aber erst einmal richtig kennenlernen.

Alle Vertreter sind einstimmig gewählt. Heißt das, dass Sie auch das volle Vertrauen der Zuwanderer haben?
Ich genieße das volle Vertrauen von allen Seiten. Ich bin ja auch bekannt. Ich bin schon seit 21 Jahren im Vorstand und habe mich immer für die Integration der Zuwanderer eingesetzt. Die Gemeindearbeit wird sicher etwas schwerer aufgrund mangelnder Erfahrung der »Neuen«. Aber ihre Motivation ist gut und ich sehe kein Hindernis, dass wir nicht alles erreichen können, was wir auch früher erreicht haben, eher mehr.

Was wollen Sie erreichen?
Wir müssen den Mitgliederschwund stoppen. Wir sind eine Gemeinde aus drei Städten mit einer zentralen Synagoge in Duisburg. Da gibt es weite Wege zurückzulegen, um zum Gottesdienst oder zu anderen Aktivitäten der Gemeinde zu kommen, vorrangig für alte Leute aber auch für Kinder. Wir müssen die Transportwege besser organisieren. Wir müssen attraktiver werden. Eine andere Aufgabe sehe ich darin, das Amt des Rabbiners zu stärken. Rabbiner Yaacov Zinvirt ist erst zwei Jahre bei uns. Er braucht noch etwas Unterstützung, schließlich ist er unser spirituelles Oberhaupt.

Inwiefern werden Sie zur Bewältigung dieser Aufgaben Ihre Stellvertreter Svetlana Gurevich und Patrick Marx in Ihre Arbeit einbeziehen?
Eine One-Man-Show gibt es nicht mehr. Wir müssen im Team arbeiten und dazu zähle ich jetzt nicht nur die ehrenamtlichen Vorstandsmitglieder, sondern auch die gesamte Verwaltung, Lehrer, Sozialarbeiter, Rabbiner, alle Mitarbeiter in der Gemeinde und Geschäftsführer Michael Rubinstein. Ich führe derzeit mit allen Gespräche. Wir können die Aufgaben nur gemeinsam lösen.

Sie sind 62 Jahre alt. Mit ihrer Wahl ist jetzt noch nicht der Generationswechsel vollzogen. Sind Sie ein Mann des Übergangs?
Das stimmt. Für die jungen Leute zwischen 30 und 40 ist es natürlich schwer, ein solches Ehrenamt zu übernehmen, sie stecken mitten im Berufsleben. Genauso wie ich es in meiner Praxis als Kinderarzt getan habe, werde ich es auch in der Gemeinde halten. Als Arzt habe ich über Jahre hinweg einen Assistenten ausgebildet, der dann die Praxis übernommen hat. So werde ich mich auch in der Gemeinde dafür einsetzen, dass Nachfolger zur Verfügung stehen werden. Die jungen Leute müssen noch ausgebildet werden. Viele arbeiten schon jetzt in der Gemeinde, etwa im Jugendzentrum. Junge Leute sorgen dafür, dass bei Veranstaltungen alles funktioniert. Sie werden langsam auch in andere Aufgaben hineinwachsen.

Mit dem neuen Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen sprach Heide Sobotka.

Kommentar

Ein Weckruf

Der AfD-Erfolg liegt vor allem im Scheitern jener Parteien, die die Bundesrepublik seit Jahrzehnten prägen. Verloren gegangenes Vertrauen muss nun schnellst möglich wieder zurückgewonnen werden

von Josef Schuster  08.09.2026

Viktoria Ladyshenski

Schleswig-Holstein

»Wir packen unsere Koffer«

Viktoria Ladyshenski, Geschäftsführerin der Jüdischen Gemeinschaft Schleswig-Holstein, warnt, dass die Gefahr durch linken und islamistischen Antisemitismus in Deutschland nicht ernst genug genommen werde

 08.09.2026

Kino

Wie ein Holocaust-Überlebender in Ostfriesland Frieden fand - Doku über die letzten Lebensjahre von Albrecht Weinberg

Albrecht Weinberg überlebte den Holocaust und wollte Deutschland für immer den Rücken kehren. Doch zum Ende seines Lebens fand er in seine Heimat Friedland zurück. Ein neuer Dokufilm zeigt seine letzten Jahre

von Kira Taszman  08.09.2026

Sachsen-Anhalt

»Viele haben unsere Sorgen einfach weggewischt«

JSUD-Präsident Ron Dekel über Sachsen-Anhalt, die AfD und die Frage, was die jüdische Gemeinschaft jetzt tun kann

von Leon Stork  08.09.2026

Kommentar

Und nun?

Bloße Empörung über den Wahlsieg der rechtsextremen AfD ist billig und wohlfeil. Es sollte endlich auch über die Gründe ihrer Popularität gesprochen werden. Die Parteien der Mitte müssen endlich aufwachen

von Philipp Peyman Engel  07.09.2026

Reaktion

Zentralrat der Juden schockiert über AfD-Ergebnis

Josef Schuster ist entsetzt über das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt. Besondere Gefahren sieht der Präsident des Zentralrats der Juden in der Bildungspolitik

 06.09.2026

München

Bayern erhöht Staatsleistungen für israelitische Kultusgemeinden

Seit 1997 gibt es in Bayern einen Staatsvertrag mit den jüdischen Gemeinden. Dieser muss immer wieder mal angepasst werden. Am Freitag war es wieder soweit. Ein Signal der Wertschätzung

 06.09.2026

Porträt der Woche

Meisterin des Spagats

Naama Freedman vereint Kunst, Musik, Film und Sprache jenseits der Genregrenzen

von Lorenz Hartwig  06.09.2026

Israel-Hasserin El Hissy

Jüdische Gemeinde Frankfurt übt scharfe Kritik am Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Die Hintergründe

 04.09.2026