Hessen

»Die jüdischen Batterien aufladen«

David Schapiro ist seit seiner Teenagerzeit bei Limmud aktiv. Foto: Misha Mordinson

Hessen

»Die jüdischen Batterien aufladen«

Limmud-Vorsitzender David Schapiro über das deutschlandweite Lernfestival

von Christine Schmitt  14.06.2024 15:20 Uhr

Herr Schapiro, vom 21. bis 23. Juni findet das Limmud.de-Lernfestival 2024 statt. Warum sollte man dabei sein?
Weil es ein tolles Programm mit Workshops, Seminaren, Diskussionen und gemeinsamen Feiern bietet. Es wurden bereits 70 Sessions zu unterschiedlichen Themen angemeldet: von Ethik, Gesellschaft, Religion, Politik, Kunst und Literatur bis hin zu praktischem Judentum. Es wird Veranstaltungen auf Deutsch, Englisch und Russisch geben. Wir sind sehr stolz darauf, dass wir ein so vielfältiges Programm anbieten können. Und natürlich trifft man Leute aus ganz Deutschland.

Limmud gibt es schon seit 2008, doch in letzter Zeit schien es etwas in Vergessenheit geraten zu sein. Warum?
Weil wir in den vergangenen fünf Jahren – auch wegen Corona – kaum Festivals hatten, sondern nur lokale Limmudtage. Aber nun fangen wir wieder an und sind im Wiederaufbau. Es gibt viel Potenzial für eine Erneuerung und Neuausrichtung. Es ist jetzt das zweite Mal nach der Corona-Pandemie, dass wir wieder ein Festival haben.

Was ist das Besondere an dem Festival?
Dass ein offener Raum für den Austausch aller jüdischen Menschen in Deutschland geboten wird. Es gibt keine wirklichen Hierarchien zwischen den Teilnehmern und den Präsentierenden, weil alle Teilnehmer auch einen Beitrag zum Programm beisteuern können. In diesem Sinne ist es ein sehr demokratisches Projekt. Ich weiß von keinem anderen Raum für Jüdinnen und Juden, der so einfach zugänglich ist.

Wer ist eingeladen?
Man muss nicht einmal Gemeindemitglied sein. Limmud ist für alle Menschen in Deutschland, die sich als jüdisch verstehen, offen – auch explizit für Vaterjuden und nichtjüdische Partner von jüdischen Menschen. Sie gehören auch dieser sogenannten Schicksalsgemeinschaft an, teilen die Bubble, also dürfen sie auch am Diskurs teilnehmen.

Spielt der 7. Oktober 2023 eine Rolle?
Spätestens seit diesem Tag findet jüdische Identität sehr viel im öffentlichen Raum statt, und zwar auf eine sehr negative Weise, nämlich indem man sich verteidigt gegen Antisemitismus und Anfeindungen. Das geht an die Substanz. Viele in unserem Netzwerk sagen, dass sie müde sind und keine Kraft mehr haben, diese ganze Arbeit zu machen. Andererseits ist es derart wichtig, dass sie nicht aufhören können. Wir wollen mit Limmud einen Raum schaffen, der einen positiven Bezug zur jüdischen Identität ermöglicht, um die jüdischen Batterien wieder aufzuladen. Es geht nicht primär um Antisemitismus und Israelfeindlichkeit, sondern vor allem um gemeinsames Lernen und alle schönen Themen aus der jüdischen Welt.

Wie viele Teilnehmende haben sich angemeldet?
Zum letzten Festival kamen etwa 200. Nun haben wir die Hoffnung, dass wir weiter wachsen. Wir sind zuversichtlich, dass wir diesmal Richtung 200, 250 Teilnehmer kommen. Das ist auch das Ziel, das wir uns gesetzt haben.

Früher fand das Festival in der Schorfheide statt, dann in Berlin und später in Hannover. Warum jetzt in Bad Wildungen bei Kassel?
Viele sind überrascht und sagen: »Bad Wildungen? Habe ich noch nie gehört. Wo ist denn das?« Wir haben eine Location gesucht, die so zentral wie möglich ist in Deutschland. Damit eben diese Erreichbarkeit, die wir uns auch als Ziel gesetzt haben, gegeben ist. Kassel liegt in der Mitte Deutschlands. Die Location befindet sich in einem Vier-Sterne-Hotel im Kurpark, und die Natur ist dort sehr schön. Das ist etwas, was wir auch in der Schorfheide sehr genossen haben. Also einfach mal herauskommen aus der Stadt und abschalten.

Wer wird bei Ihrem Lernfestival am Herd stehen?
Wir haben einen neuen Caterer gefunden: Richard Jäger aus Stuttgart mit seinem Team. Das Hotel in Bad Wildungen verfügt über eine separate Küche, die wir nutzen können. Sie wird im Vorfeld gekaschert.

Seit wann sind Sie bei Limmud aktiv?
Seit meiner Teenagerzeit. Damals bin ich mit meiner Familie jedes Jahr zu Limmud gefahren. Das war immer ein Highlight des Jahres. Es hat sich dann so weiterentwickelt, dass ich immer aktiver wurde und nun auch in den Vorstand gekommen bin und somit die Leitung dieses Projekts übernommen habe.

Limmud wurde mit dem jüdischen Ehrenamtspreis 2023 ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?
Wir waren sehr erfreut und auch überrascht. Es ist eine Anerkennung unserer ehrenamtlichen Arbeit in den letzten 16 Jahren. Keiner unserer Freiwilligen hat je einen Cent dafür bekommen. Unser Projekt lebt vom Ehrenamt. Es lebt davon, dass Menschen an dieses Projekt glauben und möchten, dass es weiter existiert, und die dafür dann ihre Zeit spenden.

Mit dem Limmud-Vorsitzenden sprach Christine Schmitt.

Hamburg

Altona war schon immer toleranter

Ein Projektraum im Regionalmuseum zeigt 400 Jahre jüdische Geschichte der gesamten Hansestadt

von Heike Linde-Lembke  16.02.2026

München

Brauchtum zu Besuch

Der Tanz der Schäffler im Hof der Sinai-Grundschule verband auf besondere Weise Geschichte und gelebte Gemeinschaft

von Esther Martel  16.02.2026

Restitution

Ideeller Wert

Provenienzforscher der Goethe-Universität übergeben der Jüdischen Gemeinde Frankfurt fünf Bücher

von Katrin Richter  16.02.2026

Trauer

Macher und »Mentsch«

Moritz Rajber war Netzwerker mit Leib und Seele. Nun ist er wenige Tage vor seinem 79. Geburtstag gestorben

von Ellen Presser  16.02.2026

Konzert

Neue Klangwelten

Fünf Chöre laden zu einem Abend mit hebräischer, jiddischer, israelischer und synagogaler Musik. Dirigenten und Sänger erzählen, was sie mit ihren Ensembles verbindet

von Christine Schmitt  15.02.2026

Porträt der Woche

Die Gründerin

Gabriela Fenyes war Journalistin und engagiertes Gemeindemitglied

von Heike Linde-Lembke  15.02.2026

Frankfurt

Ein Abend – trotz allem

Im Philanthropin sprachen die Schoa-Überlebende Eva Szepesi und Ella Shani, eine Überlebende des 7. Oktober, über Zeitzeugen, Schüler und Erinnerungen

von Raquel Erdtmann  12.02.2026

Karneval

Ganz schön jeck

Die Düsseldorfer Gemeinde lud zum traditionellen Prinzenpaarempfang. Sie will damit ein Zeichen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt setzen

von Jan Popp-Sewing  12.02.2026

Erfurt

Jüdische Kulturtage mit mehr Sichtbarkeit in Israel

Dank eines gewachsenen Netzwerks erwarten die Organisatoren von Thüringens größtem jüdischen Festival zahlreiche Künstler aus Israel

 12.02.2026