Geschichte

Die Geburt des Muskeljuden

Das Hauptquartier der Makkabi-Bewegung liegt in Ramat Gan, einem Bürokomplex in der Nähe von Tel Aviv. Im dortigen Sportmuseum sind Pokale ausgestellt, Urkunden, vergilbte Ergebnislisten. Auf einem großen Foto reichen sich Motorradfahrer die Hände. Sie waren Anfang der 30er-Jahre durch Europa gefahren und luden jüdische Sportler zur ersten Makkabiade 1932 ein. Die Organisatoren wollten ihren Anspruch auf Palästina zum Ausdruck bringen. Bei den zweiten Weltspielen 1935 waren auch 134 deutsche Athleten aktiv, gegen den Willen der Nazis. Viele kehrten nicht zurück – und überlebten die Schoa.

Am 28. Juli werden die Organisatoren der Europäischen Makkabi-Spiele während der Eröffnungsfeier in der Berliner Waldbühne auch an die Motorradfahrer erinnern. »In Berlin erlebte die jüdische Sportbewegung ihre Blüte«, sagt Alon Meyer, der Präsident von Makkabi Deutschland. »Sie entwickelte sich zu einer weltweit anerkannten Sportorganisation, ehe sie von Barbaren vernichtet wurde.« Meyer und seine Kollegen haben sich in den vergangenen Monaten noch einmal intensiv mit den Wurzeln von Makkabi beschäftigt. Sie möchten die Geschichte nun weitervermitteln, an junge Athleten, an Zuschauer, Förderer, Politiker und Journalisten.

tradition
Ende des 19. Jahrhunderts sehen die Väter des Zionismus in der jüdischen Tradition, die auf geistige Bildung ausgerichtet ist, ein großes Problem. Auf dem Zweiten Zionistenkongress in Basel 1898 prägt Max Nordau den Begriff des »Muskeljuden«. Für den Aufbau einer sicheren Heimstätte in Palästina fordert der Arzt körperliches Training, »um dem schlaffen jüdischen Leib die verlorene Spannkraft wiederzugeben«. 48 junge Berliner folgen dem Appell: Unter dem Philosophiestudenten Wilhelm Lewy gründen sie am 22. Oktober 1898 den ersten jüdischen Turnverein, benannt nach Bar Kochba, dem legendären Anführer des jüdischen Aufstandes gegen die römischen Eroberer.

Es gibt zu diesem Zeitpunkt bereits jüdische Klubs in Konstantinopel und Philippopel, als Folge von wachsendem Antisemitismus, doch zum Fundament der Sportbewegung wird Berlin, wo auch die »Jüdische Turnzeitung« Einfluss auf neue Vereine nimmt. 1903 schließen sich elf jüdische Vereine mit insgesamt 2000 Mitgliedern zu einem Dachverband zusammen – ihr Sitz: Berlin. Wenige Jahre später bauen Einwandererfamilien in Palästina die erste jüdische Stadt auf: Tel Aviv. Einige von ihnen vernetzen sich auch durch Sport.

namensgebung Auf dem 21. Zionistenkongress im tschechischen Karlsbad heben Vertreter aus neun Ländern den Makkabi-Weltverband aus der Taufe. In der Namensgebung greifen die Gründer abermals eine 2000 Jahre alte Geschichte auf. »Die historische Symbolik spielt eine wichtige Rolle«, sagt der Historiker Moshe Zimmermann von der Hebräischen Universität Jerusalem. »Wo waren die Juden heldenhaft, muskulös und stark? In der Zeit der Makkabäer.«

Im zweiten Jahrhundert v.d.Z. führte der Freiheitskämpfer Judas Makkabäus sein Volk in eine Schlacht gegen die Seleukiden. Diese hatten von den Juden gefordert, ihrer Religion abzuschwören. Judas Makkabäus gewann die Schlacht. »So bleibt er als heldenhafter Feldherr in kollektiver Erinnerung«, sagt Moshe Zimmermann, der sich seit Jahrzehnten intensiv mit Sportgeschichte beschäftigt. »Diese Symbolik wird auch in der Gegenwart deutlich betont.«

Der Makkabi-Weltverband betrachtet das Training damals nicht als Vergnügen. Der »Volkskörper« der Jugend soll vielmehr auf die harte Aufbauarbeit in Palästina vorbereitet werden. Auch deshalb arbeitet Makkabi mit anderen Vereinigungen zusammen, zum Beispiel Hapoel, den Sportlern mit sozialistischer Prägung. Darüber hinaus wächst die revisionistische Sportbewegung Beitar. Moshe Zimmermann: »Der jüdische Sport hatte verschiedene Strömungen, alle waren politisch aufgeladen.«

jüdisches olympia Im Rahmen des Makkabi-Weltkongresses findet in der Nähe von Prag 1929 ein großes Sportfest statt: Es sind die ersten Europäischen Makkabi-Spiele. Die Teilnehmer diskutieren die Idee eines jüdisches Olympia: Die erste Makkabiade findet 1932 in Palästina statt, 1800 Jahre nach dem Aufstand von Bar Kochba. 390 Sportler aus 19 Ländern und Regionen nehmen teil, ebenso 20.000 Zuschauer. Die Spiele sind der Auftakt zur fünften Alija: Innerhalb eines Jahres wandern 20.000 Menschen nach Palästina ein. Mehr als 100.000 Mitglieder aus 22 Ländern sind nun weltweit bei Makkabi organisiert.

In Berlin haben sich zu den 48 Gründern von Bar Kochba rund 2000 Mitglieder gesellt. Doch eine beträchtliche Anzahl von jüdischen Sportlern blickt skeptisch auf die zionistischen Leibesübungen. Viele von ihnen haben im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft, sie sind integrierte Bürger der Weimarer Republik. Berlin glänzt mit bekannten Sportlern: zum Beispiel Elias Katz, der bei Olympia 1924 Gold gewann. Das ändert sich 1933. Nach der Machtübernahme der Nazis schließen bürgerliche Vereine ihre jüdischen Mitglieder aus. Viele suchen Zuflucht bei Makkabi. Die Zahl der jüdischen Vereine im Deutschen Reich verzehnfacht sich: 1938 sind in 350 jüdischen Sportgruppen etwa 50.000 Mitglieder aktiv.

Einige von ihnen fahren 1935 zur zweiten Makkabiade nach Tel Aviv, an der 1350 Sportler aus 28 Ländern teilnehmen. Trotz des Naziterrors reist Deutschland mit der größten Delegation an. In ihrer Heimat werden nach den Novemberpogromen von 1938 alle jüdischen Organisationen verboten. Viele Sportler werden von den Nazis ermordet, zum Beispiel der Turn-Olympiasieger Alfred Flatow 1942 in Theresienstadt. An ihn und andere Größen des jüdischen Sports wird bei diesen EMG auch erinnert.

Eröffnung

Museum Zwangsarbeit zeigt Ausstellung zu »unerwünschten Kindern«

Beziehungen zwischen Deutschen und Zwangsarbeitern im NS-Regime waren verboten. Trotzdem gab es diese Kontakte ebenso wie Kinder aus diesen Beziehungen. Eine Ausstellung in Weimar widmet sich den Geschichten der betroffenen Eltern und Kindern

 30.10.2026

Frankfurt

Eine Akademie für Deutschland

Am Montag wird die Jüdische Akademie feierlich eröffnet. Sie soll innerjüdische Debatten fördern und jüdische Perspektiven stärker in die Gesellschaft einbringen

von Josef Schuster  30.10.2026

Berlin

Wundersame Rückkehr

Eine Delegation des Temple Chai aus Phoenix, Arizona, brachte einen Wimpel und eine Parochet, die 88 Jahre verschollen waren, zurück in die Synagoge Oranienburger Straße

von Alicia Rust  29.10.2026

Frankfurt am Main

L’Chaim! Auf das Leben

Die Gala »WIZO Night for Children« brachte mehr als 560 Patenschaften

von Eugen El  29.10.2026

Gefahr

Antisemitische Gewalt an Halloween?

In einem Schreiben rät der Zentralrat der Juden für das Wochenende zu Vorsicht und empfiehlt verschärfte Sicherheitsmaßnahmen

 28.10.2026

Seele

Wenn alles zu viel ist

Erstarkende Extreme, Gedanken ans Auswandern, Rechtfertigen im Alltag – eine virtuelle Begegnung mit Jüdinnen und Juden und der Frage: Wie gehtʼs dir?

von Katrin Richter  27.10.2026

Ausstellung

Waschgefäß ohne Geschichte

Das Jüdische Historische Institut in Warschau zeigt Exponate aus dem ehemaligen Berliner Jüdischen Museum – ohne klare Verweise und mit auffälliger Distanzierung

von Ingo Loose  27.10.2026

Frankfurt am Main

Ort jüdischen Denkens: Akademie öffnet

Es ist die erste Institution dieser Art in der Bundesrepublik. Was hat es damit auf sich?

 27.10.2026

Deutschland

Zentralrat der Juden warnt vor möglicher antisemitischer Gewalt bei Protesten am 31. Oktober

In einem Schreiben wird für das Wochenende zu Vorsicht und verschärften Sicherheitsmaßnahmen geraten

 26.10.2026