Porträt der Woche

»Die Erinnerungen bleiben«

Chaim Bukszpan lebte vor der Schoa in Krakau und arbeitete später als Taxifahrer

von Katrin Diehl  23.01.2017 18:27 Uhr

»Ich habe vier Lager überlebt, doch das Interesse an mir als Zeitzeuge ist nicht besonders groß«: Chaim Bukszpan (93) lebt in München Foto: Christian Rudnik

Chaim Bukszpan lebte vor der Schoa in Krakau und arbeitete später als Taxifahrer

von Katrin Diehl  23.01.2017 18:27 Uhr

Eigentlich bin ich noch recht munter unterwegs. Jetzt eben mit Rollator, dazu ein Paar bequeme Sportschuhe. So ein Rollator hat ja auch seine guten Seiten. Er stabilisiert mich und bietet viel Stauraum.

Ich habe gerne Dinge bei mir. Mein Handy brauche ich griffbereit, damit mich meine Tochter und mein Schwiegersohn jederzeit erreichen können. Aber auch meine Fotoapparate will ich bei mir wissen. Fotografieren ist mein Hobby. Am liebsten fotografiere ich Menschen. Und meine Brieftasche? Die ist enorm wichtig und steckt irgendwo.

Staatsbürgerschaft Ich besitze viele Ausweise, zum Beispiel einen israelischen Pass. In dem sind Stempel, die könnten mit den Geschichten, die ich dazu zu erzählen habe, ein Buch füllen. 1953 wurde mir der Pass ungültig gemacht. In Deutschland lebte ich erst einmal als Staatenloser, später bekam ich dann die deutsche Staatsbürgerschaft.

Den israelischen Pass trage ich trotzdem immer bei mir. 1948 ist er mir, versehen mit der Passnummer 252, ausgehändigt worden. Das Land war noch ganz jung. Die Engländer sind raus und ich bin rein, und dann auch schon gleich für zwei Jahre zum Militär. Nach fünf Jahren habe ich das Land wieder verlassen. Das Klima hat mir nicht zugesagt und auch nicht die ständigen Kriege. Über Umwege bin ich nach Deutschland gekommen.

FC Bayern Führerscheine besitze ich ebenfalls einige. In den verschiedensten Städten der Welt habe ich Fahrlizenzen erworben. In New York hätte ich sogar die Erlaubnis gehabt, eine U‐Bahn zu fahren. In München, wo ich bis heute wohne, war ich einige Zeit als Taxifahrer unterwegs. Zu meinem Sammelsurium an Ausweisen gehört auch mein Mitgliedsausweis vom FC Bayern. Dort, wo ich wohne, ist der Trainingsplatz der Bayern gleich um die Ecke. Das gefällt mir.

Mit meinem Enkel Benjamin schaue ich mir manchmal ein Spiel in der Arena an. Benjamin ist 19 und seine Schwester Shoshannah zehn Jahre alt. Shoshannah geht hier in das neue jüdische Gymnasium am Jakobsplatz. An den Kindern kann ich sehen, wie die Zeit vergeht und ich immer älter werde. 93 bin ich in diesem Jahr geworden. Wahrscheinlich habe ich einfach eine starke Natur.

jugend Manchmal denke ich, dass es die schlimmen Jahre während meiner Jugend sind, die mich haben hart werden lassen. Mich kann nichts mehr umhauen. Ich habe vier Konzentrationslager überstanden. Meine Mutter, mein Vater, meine Brüder – keiner von ihnen hat überlebt. Meine ganze Familie ist umgekommen. Nur ich nicht. Ich hatte Glück.

Meine Eltern haben mir den Namen Chaim gegeben, und vielleicht sollte ich leben, trotz alledem. Also lebe ich, und zwar bis heute und zwar so selbstbestimmt wie eben möglich. Das ist mir wichtig. Ich will nicht, dass ein anderer über mich bestimmt. Morgens um acht Uhr trinke ich meinen Kaffee. Mittags kommt dann »Essen auf Rädern«, und ab und zu schauen eine Reinemachefrau vorbei und ein Pfleger, der sich um meine Beine kümmert. Keine so große Sache.

Ist alles soweit erledigt, spaziere ich ein bisschen durch mein Viertel, schaue bei einem Seniorenzentrum vom Roten Kreuz vorbei, weil es da einen Raum gibt, in dem verschiedene Zeitungen ausliegen. Ich bin ein passionierter Zeitungsleser. War ich schon immer, schon als Taxifahrer. Wenn es zwischen den Fahrten ein Päuschen gab, habe ich mich zurückgelehnt und Zeitung gelesen.

zwangsarbeit Heute interessieren mich besonders Artikel, die sich mit den KZs beschäftigen. Kommen darüber Dokumentationen im Fernsehen, dann schaue ich mir die an – und werden sie auch noch so spät gesendet. Ich sehe sie mir an, und sie machen mich traurig. Aber was soll ich machen? Ich muss sie mir ansehen.

Ich erfahre da auch einiges, was ich nicht gewusst habe, oder erinnere mich an Vergessenes. Durch eine Besprechung von Imre Kertész’ Buch habe ich herausbekommen, dass der mit mir zusammen in Buchenwald oder im Außenlager Wille in Tröglitz gewesen sein muss. Wer weiß, wie nah wir uns gekommen sind?

Geboren wurde ich 1923 in Krakau, in Kazimierz, dem jüdischen Viertel der Stadt. Mein Elternhaus war sehr religiös. In der Tempel‐Synagoge habe ich meine Barmizwa gefeiert. Alles war nicht weit von meinem Zuhause entfernt: die Brücke über die Weichsel, über die die Juden gehen mussten, um zum Sammelplatz auf der anderen Seite des Flusses zu gelangen, die Fabrik von Oskar Schindler. 1939 wurde unsere Wohnung zwangsgeräumt.

KZ Plaszow Mit 19 Jahren kam ich ins Konzentrationslager Plaszow bei Krakau. Später musste ich über Monate hinweg Schwefelpulver in Patronenhülsen füllen. Der gelbe Staub hat meine Lunge kaputt gemacht. Wenn mich heute Ärzte untersuchen, fragen sie immer, ob ich mal ein starker Raucher gewesen bin. Wenn ich das dann verneine, sind sie ganz erstaunt. 1944 wurde ich nach Buchenwald transportiert. Drei Wochen Baracke 23. Und so ging es weiter und weiter. Am Ende fand ich mich in einem Zugwaggon wieder. Die Türen gingen auf, und ich rannte und rannte. Das war meine Befreiung.

Nach dem Krieg bin ich erst einmal wieder nach Polen zurückgekehrt. 1946 kam ich im DP‐Lager Heidenheim an der Brenz unter, nach fünf Jahren Israel und einigen Zwischenstationen dann im DP‐Lager Föhrenwald bei München. Dort habe ich mich recht wohl gefühlt, habe viel Fußball gespielt, war ein guter Tormann und habe dort auch meine spätere Frau kennengelernt. Sie ist leider vor zehn Jahren gestorben.

Von den Föhrenwaldern, die noch leben, bin ich der Älteste. Was die Einladungen an mich als Zeitzeugen anbelangt, bin ich ein bisschen erstaunt. Das Interesse an mir scheint nicht besonders groß zu sein. Abgesehen davon, dass alles für mich langsam doch ein wenig beschwerlich wird.

»Marsch des Lebens« Vergangenes Jahr bin ich noch ein Stück mitgegangen beim »Marsch des Lebens« in Rosenheim, war dabei beim Gedenken an die Befreiung von Buchenwald vor 70 Jahren. In Rostock habe ich vor nicht allzu langer Zeit in der Europäischen Schule gesprochen. Ja, Schulen interessieren sich ab und an. Ich wünsche mir jemanden, der historisches Wissen mitbringt und anhand meiner Unterlagen und Berichte alles dokumentiert, was ich erlebt habe.

Ich kriege meine Erinnerungen nicht aus dem Kopf. Sie lassen sich nicht ausradieren. Alles bleibt im Gehirn. Die Verbrecher von damals waren irgendwann frei. Bei uns, die wir unter ihnen leiden, arbeiten und sterben mussten, ist alles im Gehirn geblieben. Immer, wenn ich eine Eisenbahn sehe oder höre, denke ich an Plaszow, wo ich für die Siemens Bauunion Gleise zu verlegen hatte.

Nach Föhrenwald bin ich zusammen mit meiner Frau in ein kleines Zimmerchen in München gezogen. Wir mussten uns überlegen, wie es weitergehen sollte, und sind in der Gastronomie gelandet, haben den »Dorfner Hof« nahe dem Rosenheimer Platz eröffnet. Ich kochte Suppe in großen Töpfen.

Taxiauto Eine Zeit lang hatten wir auch noch eine Diskothek in Geislingen an der Steige, sind dann aber wieder nach München zurückgekehrt, und ich bin Taxifahrer geworden. Mein Taxiauto, so ein geräumiger Mercedes‐Benz, ist heute im Münchner Verkehrsmuseum zu bewundern. Auf einem Schildchen werde ich namentlich genannt: »Heinrich Bukszpan«.

Wenn man es genau nimmt, bin ich eigentlich ein Rothschild, weil mein Vater ein Rothschild war. Ich habe den Familiennamen meiner Mutter bekommen, weil es eine Zeit in Polen gab, in der jüdische Hochzeiten nicht anerkannt wurden. Für den polnischen Staat war ich, weil meine Eltern nicht standesamtlich geheiratet hatten, somit ein uneheliches Kind.

Den Taxibetrieb hat später mein Sohn Maximilian übernommen. Er ist aber mehr als Taxiguide unterwegs. Das liegt ihm. Er fährt die Leute auch raus zur Gedenkstätte Dachau. Max Mannheimer hat er des Öfteren dort hinchauffiert.

»Café Zelig«
Meine Tage vergehen einer nach dem anderen. Manchmal bin ich Gast im »Café Zelig«, einem Treffpunkt für Holocaust‐Überlebende. Auch bei Abi Ofarims »Jugendzentrum für Senioren« war ich schon, habe wie ein Streetworker Essen, das übrig geblieben ist, zur Bahnhofsmission gebracht. Heute ist mir das zu viel. Gegen 23 Uhr lege ich mich schlafen. Und wenn Schabbat ist, gehe ich in die Synagoge. Schabbat ist Schabbat.

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