Porträt der Woche

Die Deutschlehrerin

Polina Pelts war früher Ingenieurin und unterrichtet jetzt ältere Zuwanderer

von Gerhard Haase-Hindenberg  17.07.2017 18:43 Uhr

»Meine Enkel und meine Urenkelin können als Juden leben, das war mir als Kind nicht möglich«: Polina Pelts (80) lebt in Hameln. Foto: imago

Polina Pelts war früher Ingenieurin und unterrichtet jetzt ältere Zuwanderer

von Gerhard Haase-Hindenberg  17.07.2017 18:43 Uhr

Ich bin in einem kleinen Dorf in der Ukraine geboren, das damals noch zur Sowjetunion gehörte. An meinen Vater habe ich nur eine einzige Erinnerung: Als kleines Mädchen hatte ich mir einen Topf mit heißem Wasser über die Beine gegossen. Meine Mutter war völlig hilflos. Glücklicherweise kam er gerade in diesem Moment nach Hause, nahm mich auf den Arm und lief mit mir zum Krankenhaus, wo man mich sofort medizinisch versorgte.

Einige Wochen später begann der Krieg, und mein Vater wurde als Soldat eingezogen. Er kämpfte gegen die Deutschen und ist in der Nähe von Stalingrad gefallen. Der Rest der Familie wurde nach Usbekistan evakuiert. Dort wohnten wir zu sechst in einer finsteren Baracke: meine Mutter, mein Bruder, meine Tante und ihre beiden Kinder. Wir hatten eine ganz besondere Beziehung zueinander, in der sich jeder immer auf den anderen verlassen konnte.

Nach dem Krieg kehrten wir gemeinsam in die Ukraine zurück, aber nicht in das Dorf, in dem ich geboren wurde, sondern nach Odessa am Schwarzen Meer, wo die Tante eine kleine Wohnung hatte.

traumberuf Nach dem Abitur wollte ich Deutschlehrerin werden, denn ich hatte an der Schule diese Sprache gelernt. Meine Deutschlehrerin habe ich sehr geliebt. Ich hatte gute Noten und bin zur Aufnahmeprüfung an die Universität gegangen, aber man hat mich nicht aufgenommen. Als ich fragte, warum, hat man mir keine Begründung gegeben.

In der Sowjetunion hatte man Entscheidungen zu akzeptieren. Also musste ich erst einmal arbeiten gehen, um meine Mutter zu unterstützen. Ich fand Arbeit in einem metallverarbeitenden Betrieb. Einige Zeit später wurde in Odessa eine Technische Fachschule eröffnet – dort wurde ich aufgenommen.

Danach konnte ich die Hochschule besuchen. Dort habe ich im Abendstudium Maschinenbau gelernt, weil ich tagsüber Geld verdienen musste. Schließlich wurde ich Ingenieurin, auch wenn das nie mein Traumberuf war, denn eigentlich wäre ich ja lieber Deutschlehrerin geworden. Nun aber saß ich in einem wissenschaftlichen Institut, an dem Maschinen konstruiert wurden, und stellte fest, dass ich fast nur jüdische Kollegen hatte. Man kannte sich, aber man sprach nicht darüber, und wir wussten ja auch fast nichts über die Religion.

siddur Meine Mutter und meine Tante hingegen wussten noch einiges darüber. Bei uns zu Hause gab es einen zerfledderten Siddur aus dem Jahr 1913, aber wir haben nie Schabbat oder die Feiertage gefeiert. Meine Mutter war immer besorgt, dass wir etwas machen, was die sowjetischen Behörden als falsch ansehen könnten. Religion war zwar gesetzlich nicht verboten, aber man musste dennoch sehr vorsichtig sein. Es gab aber auch Wege, ein Fest anders zu feiern. Meine Mutter zum Beispiel hatte am 8. März Geburtstag. Doch sie feierte ihren Geburtstag immer jeweils an dem Tag, auf den Purim fiel. Sie buk dann Hamantaschen, und so wurde Purim zum Geburtstagsfest.

Als ich anfing zu studieren, traf ich einen Jungen, der jiddische Lieder kannte. Den habe ich einmal zu uns nach Hause eingeladen. Wir saßen alle um den Tisch herum, er sang a cappella für uns. Das war eine wunderschöne Atmosphäre. Bis heute weiß ich nicht, wer ihm das beigebracht hatte.

In den späten 70er‐Jahren wurde dann in Odessa eine Synagoge eingeweiht. Dorthin ist meine Mutter gegangen. Ich erinnere mich, dass ich einmal an Jom Kippur den ganzen Tag davor gewartet habe. Am Schabbat ging sie immer die ganze Strecke zu Fuß. Was mich betrifft, so habe ich das Judentum erst hier in Deutschland kennengelernt. Dennoch habe ich in Odessa einen jüdischen Mann geheiratet, Jossif, einen Mathematiker. Das war alles andere als Zufall, denn fast alle meine Freunde waren Juden.

versprechen 1992 war es uns erlaubt worden, nach Deutschland auszureisen: meiner Mutter, meinem Mann, meiner Tochter, dem Schwiegersohn und der Enkelin. Als wir die Papiere bekamen, wurde meine Mutter sehr traurig. Eigentlich wollte sie ihre Heimat nicht verlassen. Ich wusste nicht, was ich machen sollte. In meiner Hilflosigkeit gab ich ihr das Versprechen, dass ich für sie in Deutschland eine Synagoge suchen werde. Das gab ihr Kraft – und ich hatte nun eine Verantwortung.

Zunächst wohnten wir fast ein Jahr alle zusammen im Ort Schloss Hasperde in der Nähe von Hameln. Die ersten Eindrücke waren schrecklich. Man hat uns kein Geld gegeben, und so mussten wir essen, was man dort für uns kochte, und das war oft Schweinefleisch. Meine Mutter hatte noch nie in ihrem Leben Schweinefleisch gegessen. Nein, das war keine schöne Zeit.

Eines Tages aber lernte ich eine amerikanische Jüdin kennen, die damals schon in Hameln lebte. Diese Frau hatte davon gehört, dass in Schloss Hasperde Juden aus der ehemaligen Sowjetunion leben, und ist gekommen, um uns zu suchen. Vom ersten Moment unserer Begegnung an waren wir unzertrennlich – das sind wir bis zum heutigen Tag. Sie heißt Rachel Dohme und ist heute die Vorsitzende unserer Gemeinde.

Mit ihr kam die Hoffnung, meiner Mutter gegenüber endlich das Versprechen einlösen zu können, obwohl es damals in Hameln noch keine Synagoge gab. Rachel aber sagte zu mir, dass sie die zugewanderten Juden gern die Religion lehren möchte, wenn ich sie dazu bewegen könnte, dass wir uns versammeln.

synagoge Nun war es so, dass ich vieles von dem verstehen konnte, was Rachel sagte, weil ich ja in der Schule Deutsch gelernt hatte, auch wenn das schon lange her war. Aber die anderen Juden aus der früheren Sowjetunion verstanden sie nicht. So war es meine Aufgabe, zu übersetzen. Da Rachel auch keine deutsche Muttersprachlerin ist, war ihr Deutsch zum Glück nicht so kompliziert. Natürlich konnte ich damals noch nicht so viel von dem vermitteln, was ich heute weiß. Aber es gelang mir, bei meinen Leuten Interesse zu wecken. Die beste Zuhörerin von allen war meine Mutter.

Inzwischen haben wir in Hameln eine Synagoge gebaut, die 2011 eingeweiht wurde. Zu Purim backe ich für unsere Gemeinde jedes Jahr die Hamantaschen nach dem Rezept meiner Mutter, die, wie mein Mann leider auch, nicht mehr am Leben ist. Aber sie hat sich in ihren letzten Jahren in unserer Gemeinde sehr wohlgefühlt.

Inzwischen leben die nächsten Generationen meiner Familie ein bewusstes jüdisches Leben, wie es mir als Kind nicht möglich war. Meine Tochter hat Sozialarbeit studiert und arbeitet schon seit vielen Jahren für die Gemeinde in Hameln. Meine beiden Enkelinnen verbrachten oft einen Teil ihrer Ferien auf Machanot, und inzwischen habe ich auch schon zwei Urenkelinnen. Ich reise regelmäßig zu den Tagungen der Union progressiver Juden und besuche dort zahlreiche Seminare mit vielen interessanten Referenten und Teilnehmern. Ich nenne das immer »meine kleine religiöse Universität«.

mizwa Zweimal schon bin ich in Israel gewesen. Dort lebt eine meiner besten Freundinnen aus unserer gemeinsamen Zeit in Odessa. Als ich sie besuchte, habe ich in ihrem Haus sehr viele Menschen aus unserer einstigen Heimat getroffen. Denen haben mein Mann und ich gezeigt, wie man Schabbat feiert, weil wir das ja in der Zwischenzeit in Hameln gelernt hatten.

Die Leute sagten uns, dass sie in Israel keine Synagoge bräuchten, da das ganze Land eine Synagoge sei und sie die Feiertage auf der Straße feiern würden. Aber als wir ihnen gezeigt haben, wie man den Schabbat begeht, hat es ihnen doch gefallen, und ich war glücklich, es ihnen zeigen zu können.

Ich werde nie vergessen, welche Hilfe ich durch Rachel Dohme hier in Deutschland erhalten habe. Deshalb wollte ich auch denen etwas geben, die nach mir aus der ehemaligen Sowjetunion ausgereist waren. Insbesondere älteren jüdischen Menschen hat man keine Deutschkurse bewilligt, weshalb ich sie unterrichte.

Ich verstehe das als eine Mizwa, weil diese Menschen glücklich sind, wenn sie in der deutschen Sprache einkaufen gehen oder sich bei einem Arzt ausdrücken können. So bin ich nun im Alter doch noch Deutschlehrerin geworden.

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