Portät der Woche

Die Chor-Regentin

»Psychologie spielt in meiner Arbeit eine große Rolle«: Larysa Nesterenko (59) über das Singen in der Gruppe Foto: Christian Rudnik

Mir wird nie langweilig, denn ich habe 40 Kinder. Ja, das kann kann man so sagen. Dazu kommt noch meine zweijährige Enkelin Karina, auf die ich mehrmals in der Woche aufpasse. Und natürlich ist da noch mein Mann, der mich in allem, was ich tue, unterstützt. Er ist professioneller Musiker wie ich. Wir haben beide in der Ukraine an der Musikhochschule studiert, er Akkordeon, ich Klavier und Gesang. Jetzt ist mein Mann arbeitslos, und es ist aussichtslos, dass er einen Job findet. Also hat er viel Zeit, mir zu helfen, vor allem bei meiner Arbeit im Klub »Simcha«, dessen Leiterin ich bin. Zu uns kommen Leute, die gern singen und nicht allein sein wollen. Ich bringe jüdische Lieder mit, erkläre sie und begleite den Gesang am Klavier.

Wir alle sind Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion und zwischen 45 und 85 Jahre alt. Wir treffen uns zweimal die Woche, aber auch an den anderen Tagen bin ich mit dem Klub auf irgendeine Weise beschäftigt. Ob es nun darum geht, neue Lieder zu finden, um unser Repertoire zu erweitern oder darum, die ärztlichen Befunde eines Klubmitglieds telefonisch zu erfragen – ich fühle mich für beides zuständig.

Mit den jüdischen Liedern ist es gar nicht so einfach. Meine Ohren sind immer in Alarmbereitschaft, sei es, weil ich Radio höre, fernsehe oder im Internet unterwegs bin. Werde ich fündig – das kommt oft vor –, stellt sich ein neues Problem: Zu vielen jüdischen Liedern gibt es keine Noten. Ich muss mich also um die Notation kümmern. Aber darin habe ich Übung, damit war ich schon in der Ukraine befasst, in Charkow, der Stadt, in der wir gelebt haben. Dort habe ich im jüdischen Zentrum, als uns das nach der Perestroika endlich möglich war, auch schon jüdische Musik unter die Leute gebracht.

Konzerte 2003 kamen wir nach München. Hier habe ich eine Frau wiedergetroffen, die Sängerin in meinem Chor in Charkow gewesen ist, und sie wiederum hat die Sozialabteilung auf mich aufmerksam gemacht. Seitdem leite ich also den Klub, gebe aber auch allein oder gemeinsam mit meinem Mann Konzerte in Frankfurt, Dresden, Bad Kissingen.

Ich erinnere mich noch genau an unsere erste Probe im Klub. Es war der 14. Dezember 2004. Ich hatte mit einer Anzeige in der Jüdischen Allgemeinen gesangsinteressierte Leute eingeladen. 14 kamen, und am Anfang habe ich einfach alle aufgenommen, die mitmachen wollten. Heute ist das ein bisschen schwieriger. Wenn einer gar nicht singen kann, dann muss ich ihm das ganz diplomatisch und vorsichtig klarmachen.

Psychologie spielt sowieso bei meiner Arbeit eine wichtige Rolle. So passiert es immer wieder, dass es zwischen den Teilnehmern zu Konflikten kommt. Dann versuche ich zu vermitteln. Das ist nicht immer leicht. Da sind Nerven und Ruhe ge- fragt. Wir hatten auch schon richtige Eifersuchtsszenen bei der Vergabe von Rollen. Da heißt es dann: »Warum hat er diese wichtige Rolle bekommen und nicht ich?« Oder jemand kriegt mit, dass ich Einzelproben bei mir zu Hause gebe, und dann wird herumtelefoniert und diskutiert. Aber das gehört dazu, und es spricht ja für ein großes Interesse.

Wir treffen uns jeden Sonntag von 11 bis 15 Uhr im Gemeindezentrum und dann noch einmal mittwochs von 17 bis 20 Uhr. Meistens fangen die Proben mit einem »Happy Birthday« an, weil fast immer jemand Geburtstag hatte. Wir feiern zusammen, aber wir trauern auch zusammen. Von zwei Menschen aus dem Klub mussten wir uns leider schon verabschieden. Sie sind gestorben. So ist das Leben, vor allem, wenn man mit alten Menschen zusammenarbeitet.

Wir reden ausschließlich Russisch miteinander. Und weil es für mich fast nur den Klub und meine Familie gibt, habe ich von dem Deutsch, das ich einmal im Sprachkurs gelernt habe, leider recht viel wieder vergessen. Für ältere Leute ist es sehr schwer, eine neue Sprache zu lernen. Das muss man verstehen.

Höhepunkte im Klubleben sind unsere Konzerte und die musikalischen Theaterstücke, die wir darbieten. Wir singen, tanzen, treten als Schauspieler auf und profitieren von den einzelnen Talenten, die wir in der Gruppe haben. Unsere letzte Aufführung trug den Titel »Einmal in Israel«. Es ging darin um ein Casting in einem Theater – ein lustiges Stück, das wir vor Kurzem wegen großer Nachfrage ein zweites Mal gezeigt haben.

Selbstkritik Nach einem Konzert sind alle Sänger ein bisschen traurig, weil es vorbei ist, und sie fühlen sich leer. Wenn wir dann aber im Anschluss zusammenkommen und besprechen, was gut war und was man noch verbessern kann, sehen sie schon wieder nach vorne. Selbstkritik ist wichtig und lohnt sich. Bei unseren Aufführungen sind die Säle gut gefüllt. Natürlich kommen vor allem Zuwanderer, aber zunehmend auch Alteingesessene. Mit meinem nächsten Programm, an dem ich schon arbeite, habe ich vor, sie zu uns zu locken. Wir werden neben Russisch auch Deutsch moderieren, und die jiddischen Lieder verstehen viele von ihnen sowieso.

An den Hohen Feiertagen gehe ich in die Synagoge, und ich feiere auch den Schabbat. Für mehr reicht die Zeit nicht. Das hat auch mit meiner kleinen Enkelin Karina zu tun, die mich glücklich macht und mich sehr beschäftigt. Auch meinem Mann hat sie es angetan. Es war für mich eine richtige Überraschung zu sehen, wie viel Spaß er mit der Kleinen hat und wie gut er mit ihr umgehen kann.

Mit Karina beginnt der Tag und nach der langen Probe am Sonntag die Woche. Ich stehe früh auf, weil ich die Kleine schon um 9 Uhr bei meiner Tochter abholen muss. Sie arbeitet als Apothekerin, und mein Schwiegersohn hat eine Stelle im Klinikum. Karina übernachtet von Montag auf Dienstag bei uns.

Am Mittwoch arbeite ich mit »Simcha«, Donnerstag erledige ich meine Termine und bereite die Proben vor, von Freitag bis Samstag haben wir wieder Karina bei uns. Ich koche ihr, was sie gerne mag, Fleisch, Fisch, verschiedene Breichen, und natürlich machen wir viel Musik mit ihr. Wir singen, und wir hören Klassik. Das Kind mag das. Ein richtiges Klavier besitze ich leider noch nicht, nur ein elektronisches. Aber irgendwann werde ich mir eins kaufen, und dann spiele ich für Karina – oder sie für mich.

Auswandern Meine Mutter hat ihre Urenkelin leider nie gesehen, nur auf Fotos oder übers Internet. Ende März ist sie in Moskau gestorben. Ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. Meine Eltern hatten keine Lust auszuwandern. Da war nichts zu machen. Auch meine Schwester lebt heute noch mit ihrem Mann in Moskau. Meine zweite Tochter lebt mit ihrem Sohn, der gerade seinen Militärdienst leistet, in Israel.

Aber mein Leben besteht nicht nur aus Musik. Kraft und Entspannung hole ich mir beim Radfahren. In der Ukraine hatte ich nach einem Sturz damit aufgehört. Dort gab es ja weder Radwege noch gute Straßen. Aber hier fahre ich mit meinem Mann an manchen Tagen, so weit es eben geht. Dann stellen wir die Räder ab, machen einen Spaziergang, schauen uns etwas an und radeln dann wieder zurück. Das tut gut.

Neben dem Klub beteilige ich mich an einer weiteren Aktion der Sozialabteilung. Sie heißt das »Warme Haus«. Ich besuche alte Menschen, die ihre Wohnung nicht mehr verlassen können und singe für sie. Manchmal kommen auch Leute aus dem Klub mit. Wie gesagt: Langweilig wird mir nicht. Mein Leben ist sehr ausgefüllt.

Aufgezeichnet von Katrin Diehl

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