Porträt der Woche

Die Baumeisterin

Elizaveta Shumunova studiert in Kassel und träumt vom eigenen Architekturbüro

von Ralf Pasch  28.10.2013 20:36 Uhr

»Ich kann gut zeichnen, bin kreativ«: Elizaveta Shumunova (24) mit einem ihrer Architekturmodelle Foto: Uwe Zucchi

Elizaveta Shumunova studiert in Kassel und träumt vom eigenen Architekturbüro

von Ralf Pasch  28.10.2013 20:36 Uhr

Ich baue gerade das Modell eines Einfamilienhauses, das in einer neuen Siedlung hier in Kassel entstanden ist. Ich bin 24, studiere im neunten Semester Architektur und arbeite seit anderthalb Jahren parallel dazu ein paar Stunden pro Woche als Werkstudentin in einem Architekturbüro.

Dieses Modell visualisiert ein sehr gelungenes Einfamilienhaus. Ich war zwar nicht an der Planung und Ausführung beteiligt, aber ein paar Mal mit auf der Baustelle. Normalerweise dient ein solches Modell dazu, den Bauherren vorab eine Vorstellung von ihrem Projekt zu vermitteln. In diesem Fall bestellten es die Auftraggeber nachträglich, um anderen Leuten zu zeigen, wie schön ihr Haus geworden ist. Modelle zu bauen, lernte ich während des Studiums, es gehört zu meinem Alltag im Büro.

Daneben zeichne ich Entwürfe, arbeite an Bauanträgen oder der Ausführungsplanung mit. Fertigen wir Arbeitsmodelle für Besprechungen an, müssen die nicht besonders schön sein, sondern die wichtigsten Informationen liefern. Da kann es schon mal passieren, dass man nur fünf Tage Zeit dafür hat. Für mein aktuelles Modell gibt es keine Zeitvorgaben.

entwurf Das Spannende an Architektur ist für mich, etwas Neues zu entwerfen, egal ob es ein Haus oder ein Möbelstück ist. Ich versuche, dabei »konzeptionell« zu denken: Ein Entwurf soll nicht nur einen ästhetischen Wert, sondern auch eine gewisse Funktionalität und Praktikabilität haben.

Die Begeisterung für dieses Fach wurde mir nicht in die Wiege gelegt. Meine Eltern kommen aus ganz anderen Berufen. Während der Abiturzeit hatte ich lange überlegt, was ich werden möchte. Jeden Monat kam mir eine andere Idee. Mitte der zwölften Klasse fragte ich Bekannte, was zu mir passen würde. Ich kann gut zeichnen, bin kreativ. Mit einer Freundin kam ich irgendwann auf die Architektur. Bis heute habe ich meine Entscheidung nicht bereut.

Das Architekturstudium in Kassel ist sehr anspruchsvoll und außerdem einzigartig. Nirgendwo in Deutschland kann man daneben noch Stadt‐ und Landschaftsplanung studieren. Diese drei Bereiche hängen auch im Leben sehr eng zusammen. Es gibt keine Architektur ohne die Stadt, und es gibt keine Stadt ohne die Landschaft. Das Studium hat zwar einen Schwerpunkt, man bekommt aber auch viel von den anderen beiden Bereichen mit. Ich will eine gute Architektin werden, deshalb habe ich mich für einen Professor entschieden, der sehr hohe Ansprüche stellt. Wir lernen viel über Projektarbeit und haben ein eigenes Atelier.

ankunft Ich bin in Moskau geboren, seit elf Jahren lebe ich mit meiner Mutter in Deutschland. Ich kam mit ihr allein hierher, als ich zwölf war. Meine Eltern hatten sich kurz zuvor getrennt. Unsere Familie ist über die ganze Welt verstreut, viele leben noch in Moskau. Es ist eine tolle Stadt, doch der Alltag dort war schwierig für uns, Bildung zum Beispiel wurde immer teurer. Als Kind wollte ich niemals weg. Noch lange, nachdem wir in Deutschland angekommen waren, nahm ich mir vor: Wenn ich die Schule beendet habe, gehe ich zurück.

Wir waren zunächst im Aufnahmelager Unna‐Massen in Nordrhein‐Westfalen gelandet. Nach zwei oder drei Wochen wurden wir weiter nach Witten geschickt, dort begann ich mit der Schule. Meine Eltern hatten in Russland großen Wert darauf gelegt, dass ich Sprachen lerne. Ich konnte Englisch, und meine Deutschkenntnisse reichten nach unserer Ankunft aus, um auf das Gymnasium zu gehen.

sprache Am Anfang war alles neu und aufregend. Ich machte mir keine Sorgen. Heute, da ich etwas älter bin, kann ich mir allmählich vorstellen, wie es meiner Mutter damals ergangen sein muss. Sie konnte die Sprache nicht gut, hatte unser komplettes Leben neu zu organisieren, Sprachkurse zu absolvieren. Doch ich kenne niemanden in ihrem Alter – sie ist jetzt 57 –, der so gut Deutsch beherrscht. Nach zwei Monaten zogen wir nach Dortmund, in eine eigene Wohnung. Dort lebt Mutter bis heute.

In der Schule fiel es mir nicht leicht, Kontakt zu den anderen Schülern zu finden, wir waren irgendwie auf verschiedenen Wellenlängen. Mit Beginn des Studiums veränderte sich das komplett. Ich kam in eine neue Stadt, war mit anderen Leuten zusammen. Studenten kommen von überallher, man kennt niemanden und ist darauf angewiesen, offen zu sein.

Zunächst gab es ein ganz anderes Problem: Ich brauchte eine Wohnung. Zu Semesterbeginn ist es inzwischen schwierig geworden, in Kassel eine Bleibe zu finden. Die Jüdische Gemeinde war eine meiner ersten Anlaufstellen. Dort sagte ich einfach: »Ich komme aus Dortmund, fange an zu studieren und brauche Hilfe.« Die Gemeinde konnte mir zwar auch nicht sofort eine Wohnung beschaffen, unterstützte mich aber bei der Suche.

heimat Religion spielte in unserer Familie keine Rolle. Nach einem Jahr in Deutschland ging ich in das Jugendzentrum in der Synagoge in Dortmund. Kaum, dass ich dort war, gehörte ich schon dazu. Es ist wie in einer Familie. Ich nutzte nicht nur die Angebote, ich war während des Abiturs auch selbst in der Jugendarbeit tätig. Die Leute, die ich da kennengelernt habe, sind Freunde fürs Leben geworden. Dass es so kam, mag daran gelegen haben, dass viele jüdische Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion dort waren. Das war ein großer gemeinsamer Nenner, Jüdischsein ein weiterer. Ich besuchte in der Gemeinde auch den Religionsunterricht. Heute sage ich ganz klar: Ich bin jüdisch!

Vor Kurzem wurde ich gefragt, was Heimat für mich bedeutet. Besuche ich heute Moskau, bin ich dort eine Fremde. Doch ich bin auch keine Deutsche. Ich fühle mich sehr wohl hier. Trotzdem bleibe ich immer fremd, selbst wenn ich einen deutschen Pass hätte. Ich bin woanders geboren, habe eine andere Religion, sehe anders aus. Jüdin hingegen bin ich in jedem Land. Jüdisch zu sein und religiös zu sein, sind für mich freilich zwei verschiedene Dinge. Den Schabbat zu halten und koscher zu leben, heißt für mich, religiös zu sein. Jüdisch zu sein bedeutet, Traditionen zu leben, mich mit der Kultur zu beschäftigen und zu dieser Gemeinschaft zu gehören.

Erzähle ich anderen Leuten über meine Herkunft, bekomme ich oft zu hören: »Wirklich?! Ich habe noch nie im Leben einen Juden getroffen!« Dann fühle ich mich wie ein exotisches Tier im Zoo. Vielleicht gibt es in Deutschland zu wenige Juden, dass es Alltag werden könnte, mit ihnen befreundet zu sein. Dann würde man auch unbefangener damit umgehen.

fremdheit Die Fremdheit, die ich hier empfinde rührt auch daher, dass es in Deutschland sehr viele Muslime gibt und ich oft Angst habe, zu sagen, dass ich jüdisch bin. Ich bin vielmals gar nicht so sehr mit meiner Identität konfrontiert, sondern eher damit, welche Meinung ich zu Israel habe. Die Leute stellen dann provokante Fragen, wollen, dass ich mich politisch positioniere. Die meisten bringen in solche Gespräche ihre eigenen Thesen ein, dann sitze ich da und denke mir: Okay, jetzt ist egal, was du sagst. Selbst, wenn ein Teil der antiisraelischen Propaganda zutrifft, ist und bleibt Israel mein Land. Ich fühle mich mit ihm verbunden. Sicherlich werden auch dort Fehler gemacht. Aber es ist nicht meine Sache, darüber zu urteilen.

Ich kann mich überall dort zu Hause fühlen, eben weil die meisten Menschen jüdisch sind. Sollte ich als Jüdin irgendwann nicht mehr in Deutschland leben können und weggehen müssen, stünde ich vor der Frage: Wohin? Ich könnte es mit irgendeinem neuen Land versuchen, aber in Israel bin ich immer willkommen.

Hier in Kassel liegen noch zweieinhalb Jahre vor mir. Wie es danach weitergehen wird, weiß ich noch nicht, weil ich mich bisher nicht spezialisiert habe. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, würde ich gern nach dem Studium ein eigenes Architekturbüro aufbauen. Das ist nicht nur ein Traum, sondern eigentlich eine sehr realistische Vorstellung.

Aufgezeichnet von Ralf Pasch

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