Anne-Frank-Zentrum

Die 1000 Leben des Pieter Kohnstam

Hochzeit der Kohnstams in Nürnberg 1932 Foto: Screenshot / Maria Ugoljew

Pieter Kohnstam lebt seit den 60er-Jahren mit seiner Frau Susan in den USA. Gemeinsam haben sie zwei Kinder und inzwischen auch drei Enkelkinder. Dass er einmal dieses Leben führen würde, war in den 40er-Jahren noch so gut wie aussichtslos: Denn seine Kindheit bestand aus Flucht und Angst.

Über seine Erfahrungen zu sprechen, gehört für den 84-Jährigen zum Alltag. Er engagiert sich seit vielen Jahren für die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Schoa und hat auch ein Buch über seinen Lebensweg geschrieben. Unter dem Titel A Chance to Live: A Family’s Journey to Freedom erschien es 2006 zuerst in englischer Sprache; 2016 veröffentlichte der Ergon Verlag die deutsche Übersetzung Mut zum Leben – Eine Familie auf der Flucht in die Freiheit.

LESUNG Während eines digitalen Zeitzeugengesprächs des Anne-Frank-Zentrums anlässlich des internationalen Holocaust-Gedenktags las Schauspieler Alexander Wertmann einige Passagen daraus vor. Das Geschriebene basiere auf den Erinnerungen seines Vaters, erklärt Pieter Kohnstam. »Aus dessen Sicht ist es geschrieben«, sagt er, »und es beginnt erst einmal mit der guten Zeit.«

»Wir waren eine gutbürgerliche Familie«

Pieter Kohnstam

Die gute Zeit – das war unter anderem die Hochzeit seiner Eltern Ruth und Hans in Nürnberg; das war das Betreiben einer traditionsreichen, 1865 gegründeten Fabrik für Spielwaren in Fürth. Bis zu ihrer erzwungenen Liquidation habe sie zu den führenden deutschen Exporthäusern für Spielwaren gezählt. »Wir waren eine gutbürgerliche Familie«, sagt Pieter Kohnstam.

1933 – nachdem die SA eine Hausdurchsuchung angekündigt hatte – entschlossen sich die Eltern zur Flucht. Ihr Ziel: Amsterdam. Dort kam 1936 Pieter Kohnstam zur Welt. »In unserer Nachbarschaft lebten damals viele Juden«, erzählt er, »auch die Familie Frank. Wir dachten damals, dass sich alles normalisieren wird.«

NARBE Die sieben Jahre ältere Anne Frank habe oft auf ihn aufgepasst und mit ihm gespielt. Einmal seien sie zusammen Roller gefahren. »In einer Kurve sind wir auf dem Kies zur Seite wegrutscht«, sagt der 84-Jährige. »Ich musste am Kinn genäht werden. Die Narbe nenne ich noch heute mein Souvenir.«

Über Anne Franks Tagebuch hatte Pieter Kohnstam während des Zeitzeugengesprächs auch eine Anekdote zu erzählen. »Dass sie das hatte, war eine Idee meiner Mutter«, sagt er. Sie habe Anne Franks Mutter Edith den Tipp gegeben, ihr ein Heft zu kaufen – zum Zeitvertreib.

Die sieben Jahre ältere Anne Frank habe oft auf ihn aufgepasst und mit ihm gespielt.

Mit der guten Zeit war 1941/42 dann endgültig Schluss. Nachdem die deutschen Besatzer begannen, die in den Niederlanden ansässigen Juden in Vernichtungslager zu deportieren, spitzte sich die Lage in Amsterdam zu. Das Misstrauen gegenüber Juden wuchs, die Stimmung wurde immer unerträglicher. Während die Familie Frank entschied, sich im Hinterhaus zu verstecken – ein Angebot, das sie auch den Kohnstams machte –, beschloss die Familie Kohnstam zu fliehen.

TRAUMA »Über ein Jahr lang flohen wir über Belgien, Frankreich und Spanien nach Argentinien«, sagt der 84-Jährige. Sie sprangen auf Züge, bestachen Beamte, überquerten in undichten Booten Flüsse und wurden von Soldaten beschossen. Zwischendurch landete Pieter Kohnstams Mutter sogar im Gefängnis.

Wie er all die traumatischen Erlebnisse verarbeitet habe, will Direktor Patrick Siegele von Pieter Kohnstam wissen. Vermutlich habe sein Glück darin bestanden, dass er stets mit einem Elternteil zusammen war. So habe er sich wahrscheinlich beschützt gefühlt – trotz aller Angst.

Dresden

Tora-Projekt wird verlängert

Mitten in Dresden wird derzeit in aller Öffentlichkeit eine Tora-Rolle geschrieben. Das Projekt soll jüdisches Leben sichtbar machen. Die Schreiberin sitzt in einem gläsernen Pavillon

 14.10.2026

Gedenken

Vier Stolpersteine erinnern in Erfurt an Familie Rosenblüth

Ein Poesiealbum bewahrte die Erinnerung an eine jüdische Mitschülerin über Generationen. Am 9. November werden in Erfurt vier Stolpersteine für Sara Rosenblüth und ihre drei Töchter verlegt

 14.10.2026

Sachsen-Anhalt

Eine Woche voller Eklats

Nach der Wahl des Landtagspräsidiums bröckelt die »Brandmauer« in der CDU weiter. Das Gedenken in Halle bot einen Vorgeschmack auf ein Land unter AfD-Regierung

von André Anchuelo  14.10.2026

Meilenstein

Endlich Batmizwa

Unsere Autorin hatte vor Kurzem ihren großen Tag. Wie sie sich darauf vorbereitet hat, was ihr Dvar Tora war und wie das Motto ihrer Party lautete, das hat sie uns erzählt

von Madeleine Prinz  13.10.2026

München

Einstimmige Zwiesprache

Kunstexperte Konrad Bernheimer stellte seine Familiengeschichte zwischen Südamerika und Deutschland in Briefen an den Vater vor

von Vivian Rosen  13.10.2026

9. November

Bautzen erinnert an Novemberpogrome 1938

Der Bautzener Kornmarkt war Schauplatz der Novemberpogrome von 1938. Eine temporäre Installation soll am authentischen Ort an NS-Opfer erinnern

 13.10.2026

Berlin

Guy Katz mit Margot-Friedländer-Preis ausgezeichnet

Geehrt wurden neben dem Hochschullehrer, eine Europaschule und ein Projekt des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend

 13.10.2026

Frankfurt

Vielfalt an Stimmen

Erstmals wurde der Georg-Stefan-Troller-Preis vergeben - auch an zwei Journalisten der Jüdischen Allgemeinen

von Anja Baumgart-Pietsch  12.10.2026

Berlin

Jüdische Kulturtage müssen Hauptausstellung absagen

Wegen einer Finanzierungslücke fällt die Ausstellung aus. Die Jüdische Gemeinde kritisiert die Förderentscheidung des Senats

 12.10.2026