Interview

»Deutschland überrascht mich immer wieder«

Herr Epstein, eigentlich wollten Sie in Berlin schreiben und kein einziges Foto machen. Dann haben Sie doch wieder fotografiert und sogar ein Buch erstellt. Wie kam es dazu?
Ich bin vor einem Jahr nach Berlin gereist. Eine eigentümliche Atmosphäre herrschte in dieser Stadt: Es war kalt, die Bäume hatten keine Blätter. Alles war transparent. Die Stadt hatte keine Chance, ihre Geschichte zu verstecken. Auf dem Weg vom Flughafen Tegel in die American Academy stellte ich dem Fahrer einige Fragen: Was ist das? Was bedeutet das? Er kannte sich gut aus und erzählte. Wir fuhren auf »Hitlers Autobahn«, vorbei an »Hitlers Funkturm« und landeten schließlich am Wannsee. Der Ort, an dem die sogenannte Endlösung beschlossen wurde. Da ahnte ich bereits, ich werde hier Fotos machen müssen.

Warum?
Es ist ja auch immer eine jüdische Geschichte, die sich in den Orten, Monumenten und Gedenkstätten gerade in einer Stadt wie Berlin und seiner Umgebung offenbart. Im Olympiastadion zum Beispiel eher indirekt, im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen mit voller Wucht. Das Holocaust-Mahnmal wiederum vermittelt mir Geschichte ganz anders – eher sehr persönlich.

Sie begaben sich zunächst auf die Spuren der Schoa.
Auf den ersten Blick stimmt das. Aber ich wollte all diese Orte nicht einfach abfotografieren. Damit lässt sich eine Stadt wie Berlin sicher nicht illustrieren und schon gar nicht erklären. Die Monumente des Faschismus und der Erinnerung daran offenbaren doch die volle historische Tragödie, die sich in dieser Stadt so offen präsentiert. Das habe ich, außer in Hanoi, noch nirgendwo anders auf der Welt so direkt erlebt.

Berlin wirkte dennoch sperrig auf Sie.
Das hat viel mit meiner Familiengeschichte zu tun. Viele Verwandte fielen dem Holocaust zum Opfer und weigern sich bis heute standhaft, in das »Land der Täter« zu reisen und dessen Sprache zu sprechen. Ich habe mit diesem Protokoll gebrochen und bin seit 2001 immer wieder nach Deutschland gereist. Dennoch erschließt sich mir dieses Land deutlich anders als andere europäische Staaten. Deutschland überrascht mich immer wieder und macht es mir nicht leicht.

Wie haben Sie sich Berlin angenähert?
Durch die künstlerische, antiakademische Perspektive, durch eine fast exzentrische Sichtweise auf diese Stadt. Nur deshalb konnte ich diese Stadt und meine eigene jüdisch-kulturelle Geschichte dazu besser interpretieren.

Ihr Fokus hatte sich deutlich erweitert: Sie fotografierten den Dalai Lama vor dem Brandenburger Tor, schnöde Plattenbauten in Lichtenberg oder die Karl-Marx-Allee.
Berlin hat verschiedene Epochen durchgemacht. Eine davon ist das »Dritte Reich«. Es gibt aber andere Zeiten. Das Interessante ist, dass sich in Berlin alles wie Gesteinsschichten übereinander gelegt hat. Diese wollte ich mit meiner Kamera erfassen. Ich weiß aber, dass ich die Stadt nur aus meiner begrenzten Perspektive aufgedeckt habe. Es ist also ein sehr persönlicher Ausschnitt.

Was hat Sie als jüdischer Künstler besonders beeindruckt?
Die wirkliche Verantwortung, die Auseinandersetzung mit und der Respekt vor der Geschichte in dieser Stadt. Dazu das aktive Teilhaben an dieser Geschichte über die Vielzahl von beeindruckenden, offenen Monumenten. Das gilt für West- wie für Ostberlin. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes aufregend und unterscheidet sich grundsätzlich von der eher passiven, »zuschauenden« Monumentalarchitektur in den USA.

Ist Berlin eigentlich eine »jüdische Stadt«?
Was es vielleicht noch jüdisch macht, ist die Abwesenheit der Juden. Als Geist der Geschichte sind Juden in Berlin sehr präsent. Die, die heute hier leben, spielen im kulturellen Leben eher eine Außenseiterrolle, so weit ich das in sechs Monaten miterleben durfte. Wie anders es einstmals war, hat mir der Jüdische Friedhof in Weißensee vermittelt. Er zeigt, wie integriert und erfolgreich die Juden in Berlin vor gar nicht so langer Zeit waren und welch aktive kulturelle Rolle die jüdische Gemeinde in Berlin spielte. Der Jüdische Friedhof in Weißensee ist das erste Bild in meinem Buch.

Mit dem Fotografen sprach Torsten Haselbauer.

Im April 2011 ist der Bildband erschienen: Mitch Epstein: »Berlin«. Steidl Verlag Göttingen 2011, 33 S., 45 €

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