zeitzeuge

Der Tag des Aufstands

Thomas Blatt beim Vortrag in der Israelitischen Kultusgemeinde Foto: Marina Maisel

Am Dienstag vergangener Woche hat Thomas Blatt in München im Prozess gegen den mutmaßlichen Kriegsverbrecher und KZ-Wachmann John Demjanjuk seine Erlebnisse im Vernichtungslager Sobibor geschildert. Bereits am Abend zuvor sprach Thomas Blatt auf Einladung des Kulturzentrums der IKG im Gemeindezentrum am Jakobsplatz. Eindringlich und sachlich legte Blatt dabei Zeugnis ab von den Grausamkeiten in dem Todeslager. Dort war ihm bei dem Aufstand am 14. Oktober 1943 die Flucht und damit das Überleben gelungen. Dass er Sobibor – einem der drei Vernichtungslager der »Aktion Reinhardt« neben Treblinka und Belcek – entronnen war, hatte ihn in dem Vorsatz bestärkt, Zeugnis abzulegen.

Flucht Mit den Aufzeichnungen hatte der damals 15-Jährige schon lange vorher begonnen. Denn schon zuvor musste er um sein Leben fürchten. Vom Vater unterstützte Fluchtversuche aus dem Ghetto seiner Heimatstadt Izbica, auch mit Papieren eines christlichen Jungen, scheiterten immer wieder. In seinem Buch Nur die Schatten bleiben schildert er die Schrecken und das Leid in Sobibor und den Aufstand im Vernichtungslager. Dorthin war er im April 1943 mit seinen Eltern und seinem Bruder gebracht worden. Diese wurden sofort getötet. Er durfte zunächst als Schuhputzjunge weiterleben. IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch dankte in ihrer Begrüßung dem Zeitzeugen für seine spontane Bereitschaft zu dem Vortrag. Mit Blick auf den Prozess vor dem Landgericht München II betonte sie: »Prozesse über die NS-Zeit bringen historische Fragen, unterschiedliche Wahrnehmungen von Fakten und Erinnerungen zur Sprache. Und sie ermöglichen eine erhöhte öffentliche Aufmerksamkeit für die Schicksale der Opfer. Dies stärker ins Bewusstsein der Menschen zu rücken, ist wichtig, damit das Unrecht, das jüdischen Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus widerfahren ist, nicht in Vergessenheit gerät.« Diesem Anliegen hat sich Thomas Blatt sein ganzes Leben verpflichtet gefühlt. »Ich habe Gott gebeten, lass mich überleben, denn ich will nicht vergessen zu sagen, was inSobibor geschehen ist. Ich bin ein Zeuge des Holocaust und ich wollte, dass unsere Leiden den Menschen eine Warnung sein sollten«, schilderte er einen Teil seiner Gefühle am Tag des Aufstandes.

Seine Erinnerungen waren auch Grundlage für den Spielfilm Escape from Sobibor, der 1987 in Großbritannien entstand. Eine Sequenz daraus wurde an dem von der Leiterin des IKG-Kulturzentrums Ellen Presser vorbereiteten und moderierten Abend gezeigt. Ein Spielfilm zwar, wie sie betonte, aber gerade durch Thomas Blatt ein realitätsnahes Zeugnis. Dessen Worte und die Eindruckskraft der Bilder ließen in der anschließenden Diskussion Details noch einmal ganz klar formuliert werden. Scheinbare Belanglosigkeiten wurden ausgesprochen und damit die ganze Grausamkeit des Systems Sobibor schlaglichtartig aufgehellt. Etwa mit der Feststellung, dass die Gefangenen im Film Zivilkleidung trugen – russische Kriegsgefangene sogar ihre Uniformen. Die Antwort lag im System des Vernichtungslagers. Wer hier ankam, würde nicht überleben. So war es auch nicht nötig, die hierher Verschleppten in besondere Kleidung zu stecken. Dies sollte für das weitere Überleben der bei dem Aufstand Entkommenen ein wichtiger Pluspunkt werden. 550 Gefangene waren an jenem 14. Oktober 1943 in Sobibor. Lediglich 150 Menschen konnten schließlich erfolgreich aus dem Lager fliehen. 53 von ihnen waren noch am Leben, als die Rote Armee sie befreite. Alexander Pechersky, der den Aufstand wesentlich organisiert hatte, kam dann allerdings als russischer Offizier, der sich von Deutschen hatte in Gefangenschaft nehmen lassen, in ein sowjetisches Straflager.

Treffen Thomas Blatt kam auch auf eine Begegnung zu sprechen, die ein halbes Jahrhundert nach dem Aufstand lag. Er zeigte eine Abbildung aus dem Magazin Stern vom Frühjahr 1983. Damals war er zu einem Kriegsverbrecher-Prozess nach Hagen gekommen.

Er war Zeuge in einem Wiederaufnahmeverfahren gegen den ehemaligen SS-Oberscharführer und Kommandanten in Sobibor, Karl August Frenzel. Zu seiner Überraschung hatte er Blatt um ein Gespräch gebeten. Das Wichtigste für den Überlebenden des Grauens war dabei das Schuldeingeständnis Frenzels. Das Protokoll dieses Gespräches findet sich als Anhang in Blatts Buch.

Solidarität

Das Leben wieder in den Griff bekommen

Angehörige der bei einem Raketenangriff in Majdal Shams getöteten Kinder besuchten die Kultusgemeinde München und Oberbayern

von Luis Gruhler  06.10.2026

Diskussion

»Wir wurden gehört«

Schüler und Studenten des Projekts »Meet a Jew« treffen CDU/CSU-Fraktionschef Thorsten Frei. Im Mittelpunkt stehen der 7. Oktober, persönliche Sorgen und Erfahrungen

von Christine Schmitt  06.10.2026

Porträt der Woche

»Ich bin einfach ich«

Persia Kantorovych hat eine jüdische Mutter und einen muslimischen Vater

von Annette Kanis  06.10.2026

Lesen

Die geblieben sind

Hanna Veiler beschreibt in »Jung, jüdisch, wütend« die Erfahrungen junger Jüdinnen und Juden mit Einsamkeit, Enttäuschung und Solidarität nach dem 7. Oktober. Ein Auszug

von Hanna Veiler  06.10.2026

7. Oktober

Rotes Rathaus zeigt Ausstellung zum Hamas-Überfall auf Israel

Der Überfall der Terrororganisation Hamas hat überall in Israel Spuren hinterlassen. Eine neue Berliner Ausstellung beleuchtet die Erfahrungen von Sportlern und Fans rund um den 7. Oktober 2023

 05.10.2026

Shelly Meyer

Kommentar

Wer tatsächlich vom »Judenfetisch« profitiert

150 Juden in Berlin haben mit einem Offenen Brief die Linkspartei unterstützt - das sind etwa 0,4 Prozent der Berliner jüdischen Stimmen. Doch sie könnten für die breite Öffentlichkeit kaum wertvoller sein

von Shelly Meyer  04.10.2026

Wuppertal

Am helllichten Tag

Nach dem Brandanschlag auf die Synagoge geht das Gemeindeleben in der nordrhein-westfälischen Stadt weiter. Aber was bedeutet diese Normalität?

von Helmut Kuhn  01.10.2026

Rostock

Zunehmend sprachlos

Die Gemeinde hatte Schlimmeres befürchtet, doch Sorgen bleiben auch nach den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern

 01.10.2026

Wiedervereinigung

Zeit der Blüte

Am 3. Oktober 1990 trat die DDR der Bundesrepublik Deutschland bei. Für jüdische Gemeinden in Ost und West war dies ein neuer Anfang, für manche auch die Rettung. Drei Gemeindemitglieder erzählen, wie sie diese Zeit erlebten

von Christine Schmitt  01.10.2026