Porträt der Woche

»Der Name ist Programm«

»Ich genieße das Gefühl, jetzt tun und lassen zu können, was ich will«: Irith Fröhlich (59) Foto: Alexandra Umbach

Man hat mir gesagt, ich sei zu einem günstigen Zeitpunkt geboren. Ich könne den Antrag noch stellen. Sonst wäre ich heute nicht in Altersteilzeit. Vor vier Jahren habe ich noch einen städtischen Kindergarten geleitet. Aber die Belastung wurde immer größer. Ich war oft krank, hatte Migräne und Probleme mit den Knien, der Schulter, dem Magen. Abzüge bei der Rente sind mir die Lebensqualität wert.

Ich genieße das Gefühl, jetzt tun und lassen zu können, was ich will. Konzerte, Kino, mit Freunden essen gehen – so was kann ich jetzt tagsüber machen. Kürzlich bin ich an einem Wochentag mit einer Freundin mit dem Kulturticket nach Frankfurt ins Museum gefahren. Das war toll!

Ich gehe gerne ins Museum oder ins Theater. Und wenn es ein neues Restaurant gibt, möchte ich es ausprobieren. Vor allem bei exotischen Sachen bin ich immer neugierig. Ich koche auch sehr gern selbst. Meine Eltern hatten viele Freunde, da kamen oft Gäste zu uns nach Hause. Diese Tradition führe ich weiter.

Das Gefühl, ich müsste jeden Tag voll packen, sonst würde ich etwas verpassen, hat sich etwas gelegt. Mittlerweile bin ich etwas ruhiger geworden, kann auch mal die Seele baumeln lassen.

Einmal in der Woche gehe ich in ein Fitnessstudio. Morgens gibt es einen Kurs »Seniorenfit«. Ich muss mitunter schmunzeln, denn als Seniorin fühle ich mich noch nicht. Das Gros meines Freundeskreises ist wesentlich jünger als ich. Manchmal denke ich: Hoffentlich werde ich nicht irgendwann so eine alte Zicke, grießgrämig und schimpfend auf die Jugend.

Meine Mutter sagt immer, meine Tochter hat jetzt ganz viel Zeit, aber ist immer beschäftigt. Sie ist kürzlich 88 Jahre alt geworden. Mein Sohn ist 31, er hat heute Geburtstag, ihn gehe ich später noch besuchen. Meine Tochter ist 28. Sie arbeitet als Hotelfachfrau, mein Sohn ist Pfleger im Nelly-Sachs-Haus, dem Elternheim hier in Düsseldorf.

Eltern Meine Mutter kam 1939, kurz vor ihrem 17. Geburtstag, mit der Jugend-Alija nach Palästina. Mein Vater war damals verheiratet, hatte eine Tochter und ist illegal aus Deutschland raus. Er musste seine Tochter hier lassen. Sie ist umgekommen.

Durch einen Fernsehbericht hatte ich erfahren, dass der Internationale Suchdienst in Bad Arolsen jetzt auch für die Öffentlichkeit zugänglich sei. Im Internet habe ich eine Suchanfrage mit dem Namen meiner Großmutter mütterlicherseits eingegeben. Zuerst passierte gar nichts. Zwei Monate später hatte ich einen dicken Umschlag im Briefkasten mit Papieren, die dokumentierten, wohin sie verschleppt wurde und wo sie umgekommen war. Mit genauem Datum. Es wurde ja immer alles sehr ordentlich festgehalten.

Als ich merkte, das funktionierte, machte ich weiter. Ich bekam heraus, dass die Schwester meiner Mutter ins Ghetto Lodz deportiert worden war. Im August 1944 wurde es aufgelöst, da lebte sie noch. Von da aus kam sie nach Auschwitz und ist dann sofort umgekommen.

Dieses Jahr war ich mit der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Krakau. Wir haben auch Auschwitz und Birkenau besucht. Ich war vorgewarnt, dass da Touristenströme durchgeschleust werden. Fand das alles sehr ernüchternd. Wenn man das Gelände sieht, eine herrliche grüne Landschaft, kann man sich überhaupt nicht vorstellen, was hier passiert ist.

Zwei Jahre zuvor war ich in Buchenwald. Bis dahin hatte ich nie das Bedürfnis, ein ehemaliges Konzentrationslager zu besuchen. Aber jetzt würde ich gerne noch nach Stutthoff fahren, dort ist meine Großmutter umgekommen. Und ich möchte, gemeinsam mit meinen Kindern, mal nach Oberschlesien, wo mein Vater aufgewachsen ist.

Israel Ich bin in Düsseldorf aufgewachsen, aber geboren wurde ich in Israel. Dort hatten meine Eltern sich kennengelernt. Meinem Vater fiel das Hebräisch schwer, sie hatten nur deutsche Freunde. Einer von ihnen besuchte Deutschland, kam zurück und sagte, man könne wieder dort leben. 1956 gaben meine Eltern alles auf, aber wir hatten noch eine Rückfahrkarte, man wusste ja nicht. Wir kamen zuerst nach Essen, dann nach Düsseldorf. Da lebte ein Verwandter, der uns half.

Meine Mutter sagt immer, wir hatten solches Glück, als wir nach Deutschland kamen. Wir lernten immer nette Menschen kennen. Anfangs wohnten wir in einem Hotel, aber auf Dauer war das zu teuer. So zogen wir zu einer sechsköpfigen Familie, die in drei Zimmern lebte. Die Eltern räumten das Schlafzimmer für uns, zogen zu den Kindern ins Kinderzimmer. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen.

Ich war damals fünf. Deutsch konnte ich, denn wir hatten es zu Hause gesprochen. In Düsseldorf versuchte meine Mutter, mit mir Hebräisch zu reden, aber ich verweigerte das. Leider hat sie nicht darauf bestanden, sonst könnte ich es heute noch.

Nächstes Jahr werde ich 60. Das will ich nicht groß feiern, sondern ich schenke mir und meinen Kindern eine Reise nach Israel. Auf jeden Fall geht es nach Tel Aviv und zu einem Cousin meines Vaters, der in einem Kibbuz lebt.

An Düsseldorf liebe ich den Rhein. Ich glaube, ich muss immer da leben, wo Wasser ist. Die Rheinwiesen sind so schön. Im Sommer, wenn die Sonne untergeht, habe ich das Gefühl, am Mittelmeer zu sein. Und: Es ist eine überschaubare Stadt, nicht zu groß. Ich lebe sehr gern hier.

Beruf Ich habe in nichtjüdischen Kindergärten gearbeitet, in denen der christliche Jahresablauf eine Rolle spielt. Manchmal hatte ich keine Lust, diese Weihnachtslieder zu singen. Das ging mir so auf den Geist. Aber mein erster Mann ist kein Jude, und meine Kinder haben beides: Sie feiern Chanukka und Weihnachten.

Als Kind bin ich regelmäßig in die Synagoge gegangen. Ich war im Jugendzentrum der Gemeinde aktiv. Als ich aber 1970 mit meiner Ausbildung anfing, war plötzlich ein Cut. Ich interessierte mich sehr für Politik. Wenn es eine Demo gab, war ich dabei. Das fand ich damals wichtiger als die Religion. Später habe ich dann wieder als Madricha gearbeitet. 1988, bei einem Treffen in Frankfurt, sagte ein Teilnehmer zu mir, wenn ein Elternteil stirbt, erinnert man sich plötzlich wieder an seine Religion. Ich dachte zuerst: So ein Quatsch. Aber als mein Vater starb, war es wirklich so. Und bei meinen Kindern lag mir immer daran, dass sie viel vom Judentum mitkriegen.

Vor zwei Jahren entstand die Idee, einen Club »Singles 50+« in der Gemeinde zu gründen für gemeinsame Unternehmungen. Bei unserem ersten Treffen gab es eine große Resonanz. Aber wir hatten den Eindruck, alle dachten, das sei ein Eheanbahnungsinstitut. Anfangs waren wir sauer, später haben wir uns darüber kaputtgelacht. Mit der Zeit kamen immer weniger, zum Schluss blieben nur noch die Initiatoren übrig. Das war frustrierend, und jetzt treffen wir uns wieder privat.

Ich bin im Elternheim-Ausschuss des Gemeinderates. Deshalb gehe ich regelmäßig ins Nelly-Sachs-Haus, organisiere manchmal den Bingo-Nachmittag oder mache Geburtstagsbesuche. Meine Mutter bringe ich montags immer ins Heim zu einem Gesprächskreis. Wir bleiben dann zum Mittagessen dort, treffen Leute, reden, und ich gucke, wo ich helfen kann.

Meinen Namen finde ich schön. Er färbt ein bisschen ab, eigentlich bin ich immer relativ gut gelaunt und lustig. Viele sagen, der Name ist Programm. Was die Zukunft bringt? Das weiß ich nicht und will es auch gar nicht wissen. Ich lasse alles auf mich zukommen. Ich lebe im Hier und Jetzt.

Aufgezeichnet von Annette Kanis

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