Buch

Der Mann, der sich treu bleibt

Joel Berger ist ein wortgewaltiger und temperamentvoller Mann. Er nimmt kein Blatt vor den Mund und bleibt sich immer treu. Seine Klugheit, sein Witz und die Freude am Leben, auch in den schlimmsten Situationen, ziehen sich wie ein roter Faden durch seine Vita. Der Mann mit dem Hut – Geschichte meines Lebens ist der Titel seiner Lebenserinnerungen, die die Rundfunkredakteurin Heidi-Barbara Kloos jetzt aufgezeichnet hat.

»Widerspenstig und heiter! Und da der Stil, wie Stendhal sagte, selbst der Mensch ist, können wir in dieser leichten, genussvollen Erinnerungsprosa die besondere menschliche Kraft des Autors erkennen – nämlich seine selbst dem jüdischen Schicksal trotzende Heiterkeit«, schreibt der ungarische Schriftsteller und Freund Bergers György Dalos im Vorwort.

Orthodox Berger, 1937 in Budapest geboren, war nach seiner Flucht aus Ungarn im Jahr 1968 Rabbiner in Regensburg, Düsseldorf, Bremen. Göteborg und von 1985 bis zu seiner Pensionierung 2002 Landesrabbiner von Baden-Württemberg. Liebevoll erzählt das einzige Kind von Aurelia und Eugen Berger Geschichten über seine Familie im jüdisch-orthodox geprägten Haus, wo Lernen und Lesen, auch auf Deutsch, eine Selbstverständlichkeit sind.

Seine Mutter, »war sehr fleißig, und was sie in die Hand nahm, gelang ihr«. Ende der 20er-Jahre wurde sie in der Budapester Niederlassung von Mercedes-Benz als Büroleiterin des deutschen Direktors angestellt. »Stuttgart-Untertürkheim gehört zu den ersten deutschen Worten, die ich lernte.« Und bei seinem Vater, der sich Anfang der 30er-Jahre mit einem Salon für Damenzubehör selbstständig machte, lernte er schon als Kind »den Unterschied aus Hutstumpen, edlem Hasenhaar und den aus gewöhnlichem Filz«.

So sehr diese Details einen beim Lesen schmunzeln und die kurze, unbeschwerte Kindheit Revue passieren lassen, so sehr betrübt einen die politische Situation unter den faschistischen ungarischen Pfeilkreuzlern und die Ausrottung der ungarischen Juden. »Man muss sich bewusst machen, wie rasend schnell und in welch kurzer Zeit die Ereignisse der ›Endlösung‹ vonstatten gingen«, betont Berger.

Extreme Wehmütig beschreibt er das blühende jüdische Leben in Budapest vor dem Untergang. »In keiner Großstadt in Deutschland, nicht in Berlin, nicht in Hamburg, geschweige denn in Frankfurt, gab es ein so reiches jüdisches Leben wie damals in Budapest. Hier trafen Ost und West zusammen, und alle extremen Strömungen waren hier zu Hause, die Ultraorthodoxen genauso wie die Ultraliberalen.«

Eindrucksvoll berichtet er, wie das Wohnhaus in dem er mit seinen Eltern im St.-Stephans-Park Nr. 4 lebte, zu einem sogenannten Judenhaus wurde, wo die Menschen »eingepfercht« wurden. Auch in der Wohnung seiner Eltern mussten »von heute auf morgen mindestens 30 Personen aufgenommen werden«. Der größte Teil der Familie wurde umgebracht. Joel und seine Mutter überlebten in Budapest, sein Vater im Konzentrationslager.

Bergers Studienzeit ist geprägt von einem judenfeindlichen kommunistischen Regime in Ungarn. Es verwundert nicht, dass er lapidar feststellt, »die Befreiung 1945 währte nur fünf Minuten«, die Repressalien des kommunistischen Regimes hat er am eigenen Leibe erfahren.

Fairness Dennoch hat er sich nicht verbiegen lassen: Gradlinigkeit, Elan, Hingabe, Liebe zum Leben und Menschen, zu seiner Familie, seinen Freunden. Aber auch gegenüber denen, die er kritisch bewertet, bleibt Rabbiner Berger fair. Offen steht er als orthodoxer Rabbiner dazu, mit dem liberalen Judentum nicht viel anfangen zu können. Dennoch findet er große Anerkennung für den wohl bekanntesten liberalen Nachkriegsrabbiner und Leo Baeck-Schüler, Nathan Peter Levinson: »Obwohl uns Welten trennten, habe ich in ihm immer einen anständigen hilfsbereiten Kollegen gefunden, der in der Tat Großes geleistet hat.«

Bergers Lebensbericht, seine Geschichte und Geschichten rühren an, sie machen nachdenklich – aber man kann viel lachen, auch über ihn. Er ist in Deutschland wirklich angekommen, der Lehrer, Gelehrte, Fußballfan, der Widerspenstige und manchmal Bärbeißige, hier fühlt er sich zu Hause.

Dem Buch ist eine CD beigelegt: Erzähltes Leben. Joel Berger im Gespräch mit Jörg Vins vom Südwestrundfunk. Köstlich, feurig und seine Frau Noemi plaudert auch noch aus dem kulinarischen Nähkästchen.

Joel Berger: »Der Mann mit dem Hut. Geschichten meines Lebens«. Aufgezeichnet von Heidi-Barbara Kloos. Klöpfer&Meyer, Tübingen 2013, 384 S., 25 €

Engagement

Erstklassig, Digga!

Der Fußballverein Hannover 96 ist nun beim Projekt »Shalom, Digga« in Niedersachsen mit dabei

von Katrin Richter  24.09.2026

Kommentar

Sprecht mit uns. Nehmt uns ernst

Herr Ramelow, die jüdische Gemeinschaft, die vor Judenhass warnt, ist nicht das Problem. Antisemitismus ist das Problem - insbesondere in Ihrer Partei

von Avitall Gerstetter  24.09.2026

Deutschland

»Existenzgefahr für Berlins Juden«

Die Linke macht immer wieder mit Judenhass und Forderungen nach der Auslöschung Israels von sich reden. Der Wahlsieg der Partei veranlasst nun den israelischen Botschafter zu einer ungewöhnlich deutlichen Stellungnahme

 23.09.2026

Hellerau

Tscheburaschka und WBS70

Die Ausstellung »Jüdische Ossis IV – Räume der Freiheit und des Rückzugs« stellt Fragen nach privater und öffentlicher Identität

von Katrin Richter  22.09.2026

Hillel

»Man fühlt sich bei uns willkommen«

Die neue Geschäftsführerin Liora Jaffe über das Zuhören, Visionen und Aha-Momente

von Christine Schmitt  22.09.2026

Wuppertal

Brandanschlag auf Synagoge: Frauen weggeschickt

Mitten am Tag soll ein 37-jähriger Afghane einen Brandsatz an der Bergischen Synagoge gezündet und sich danach antisemitisch geäußert haben. Vorher soll er zwei Passantinnen weggeschickt haben

 22.09.2026

Meinung

Berlin bekommt, was es verdient!

Ein Kommentar von Chefredakteur Philipp Peyman Engel zum Erdrutschsieg der Linkspartei in der Hauptstadt

von Philipp Peyman Engel  20.09.2026

Feiertage

Chatima towa, oder was?

Was von Rosch Haschana über Jom Kippur bis Sukkot die korrekte Grußformel ist

von Rabbiner Yaacov Zinvirt  25.09.2026 Aktualisiert

Porträt der Woche

Damit die Namen bleiben

Jorge Steffen ist Germanist und engagiert sich für den Erhalt von Grabsteinen

von Gerhard Haase-Hindenberg  20.09.2026