Bildung

Der lange Weg zur Schule

Nichtjüdische Kinder können zwar aufgenommen werden, doch die Wohnortnähe reicht als Argument für sie nicht aus. Foto: fotolia

Das Jahr 2010 hatte noch nicht einmal begonnen, da stand anhand der Anmeldungen bereits fest, dass das Schuljahr in den meisten Bundesländern sinkende Schülerzahlen verzeichnen würde. Ein Problem, mit dem sich auch jüdische Schulen befassen müssen. Natascha Knoll, Leiterin der Düsseldorfer Yitzhak-Rabin-Schule, kann für 2011 noch keine verlässlichen Zahlen angeben: »Man muss immer abwarten, ob Kinder zurückgestellt werden. Denn in Nordrhein-Westfalen, wie in den meisten Bundesländern auch, ist die sogenannte Schuleingangsuntersuchung vorgeschrieben«, erklärt sie.

Die Vorbereitungen rund um die Einschulung beginnen schon nach den Herbstferien. »Die Eltern können angeben, auf welche Schule ihr Kind gehen soll und einen Zweitwunsch, meist eine standortnahe Schule, nennen.« Wie in den meisten anderen jüdischen Schulen, werden auch in Düsseldorf nichtjüdische Erstklässler aufgenommen. »Die Kinder aus der Gemeinde werden natürlich bevorzugt, anschließend kommen diejenigen, bei denen allein der Vater jüdisch ist, und dann nichtjüdische Kinder«, beschreibt Knoll die Platzverteilung.

kriterien Auch an der Lichtigfeld-Schule in Frankfurt am Main gelten feste Kriterien für die Aufnahme: Jedes Gemeindekind muss angenommen werden. Zuerst, so erklärt Schulleiterin Alexa Brum, kommen »alle Kinder aus unseren pädagogischen Einrichtungen – auch Nichtgemeindemitglieder – dann alle Kinder von Mitgliedern unserer und umliegender Gemeinden, danach deren Geschwister. Etwa 40 Prozent unserer Kinder sind aus russischsprachigen Zuwandererfamilien.

Da die meisten einen deutschen Pass haben, ließe sich die Zahl nur durch Abfragen in den Klassen ermitteln, was wir aber nicht wollen.« Rund zehn von 100 Kindern kommen aus israelischen Familien. »Die Schule wäre nicht mal halb so groß, wenn es die Zuwanderung nicht gegeben hätte.« Es sähe nicht so aus, als ob die Geburtenzahlen sinken, sagt die Leiterin der Lichtigfeld-Schule. In den Kindergärten wüchsen starke Jahrgänge nach.

In der Lauder Morijah-Schule in Köln ist die Situation anders: »Unsere aktuelle erste Klasse ist die kleinste seit Schulgründung 2002«, sagt Christina Reinicke. Elf Kinder wurden nach den Sommerferien eingeschult – zur Premiere im Schuljahr 2002/03 waren es 19. Optimal seien 18 bis 22. Allerdings ist der Trend für das Schuljahr 2011/12 bereits wieder positiv. Nichtjüdische Kinder können ebenfalls aufgenommen werden, wie Reinicke erklärt: »Unsere Schülerschaft darf zu einem Viertel aus Kindern zusammengesetzt sein, die halachisch nichtjüdisch sind.«

Affinität Kinder mit jüdischem Vater werden gegenüber nichtjüdischen Altersgenossen, die allerdings den jüdischen Kindergarten besucht haben, bevorzugt. »Sind beide Elternteile nichtjüdisch, akzeptieren wir die Anträge, fragen jedoch nach dem Bezug zum Judentum und nach dem Motiv der Einschulung. Außerdem machen wir auf den Umfang des Hebräisch- und Religionsunterrichtes aufmerksam. Der starke Wunsch der Eltern, dass ihr Kind die jüdische Tradition und Religion kennenlernen solle – etwa weil die Großeltern väterlicherseits jüdisch sind –, ist, sofern es die Quote zulässt, durchaus ein Kriterium.«

Der Wunsch nichtjüdischer Eltern, ihr Kind auf eine private Grundschule in Wohnortnähe zu schicken, stelle dagegen »kein hinreichendes Motiv dar.« Der überwiegende Teil, mehr als 80 Prozent, der Schüler der Lauder-Morijah-Schule, stammt aus Familien der ehemaligen UdSSR. »Die Zahl schwankt seit der Schulgründung nur geringfügig. Hätte es die Zuwanderung nicht gegeben, wäre die Lauder-Morijah-Grundschule wahrscheinlich nicht gegründet worden.«

Mehrfachanmeldungen Im ganz normalen Schnitt lägen die Anmeldungen bei der Jüdischen Traditionsschule in Berlin, wie Leiterin Heike Michalke sagt. »Wir können jedes Jahr einen Lehrer mehr für die neue erste Klasse einstellen.« Neun neue Grundschüler werden nach dem derzeitigen Stand im Herbst 2011 auf die von Chabad Lubawitsch betriebene Schule gehen, »erfahrungsgemäß kommen allerdings immer noch welche hinzu«. Hin und wieder versuchten zwar Eltern, ihre Kinder gleich bei allen drei jüdischen Schulen der Hauptstadt anzumelden, aber »wir kooperieren sehr gut miteinander«.

Gute Erfahrungen habe man mit der in Berlin verbindlichen Jahrgangsmischung gemacht, fügt Michalke hinzu. Jeweils 20 Kinder aus dem ersten und zweiten Schuljahr bilden eine sogenannte Stammgruppe, gelernt wird zu zehnt. »Für die soziale Integration ist das optimal, weil die Möglichkeiten, Freundschaften zu schließen, natürlich größer werden. Auch pädagogisch ist das sehr sinnvoll, denn die Startvoraussetzungen der einzelnen Kinder sind natürlich unterschiedlich.«

Auch wenn für die vor rund zwei Jahren eingeweihte private Jüdische Grundschule Stuttgart andere Anmeldungsfristen gelten, ist man jetzt schon sicher, dass man im kommenden Jahr ähnlich viele ABC-Schützen begrüßen kann wie im vergangenen. Das besondere pädagogische Konzept – man führt eine Ganztagsschule mit Wochenplänen und individueller Förderung – ist nicht nur für jüdische schwäbische Eltern attraktiv. »Wir haben mit weniger als zehn Kindern angefangen, jetzt sind es schon 31«, freut sich Schulverwaltungsleiterin Darina Pogil. Und bislang musste man noch niemanden abweisen.

Manchmal zeige sich allerdings in den Aufnahmetests, dass Schule und Kind nicht zusammenpassten: »Wir haben leider keine Möglichkeit, Kinder mit Lernbehinderungen zu betreuen.«

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