Porträt der Woche

Der Cineast

War als Teenager von Fassbinder-Filmen begeistert: Albert Wiederspiel (51) Foto: Wolfgang Schildt

Porträt der Woche

Der Cineast

Albert Wiederspiel liebt das Kino und leitet seit zehn Jahren das Hamburger Filmfest

von Moritz Piehler  24.09.2012 16:31 Uhr

Ich habe eigentlich ein typisch jüdisches Schicksal. Meine Eltern stammen beide aus Polen und haben den Krieg in Russland überlebt. Deshalb bin ich auch sehr russophil aufgewachsen; Russland stand bei uns immer für das Gute. Selbst wenn meine Eltern dort in Verbannung lebten, waren dort ja alle verbannt – da spielte es keine Rolle, ob Jude oder nicht.

Als ich neun war, wurden wir aus Polen ausgewiesen. Wir landeten über den Umweg Italien schließlich in Kopenhagen. Dänemark hatte damals gerade eine Einwanderungsquote für osteuropäische Juden eingeführt. So kamen wir im August 1969 in Kopenhagen an, zu einer Zeit, als Dänemark noch in keiner Weise Einwanderungsland war. Wir wurden daher sehr freundlich aufgenommen. Es gab eine kleine jüdische Gemeinde und eine jüdische Schule, in deren dritte Klasse ich eingeschult wurde. Ich konnte kein Wort Dänisch, aber als Kind lernt man sehr schnell, das war eine Sache von Wochen.

Ich bin säkular aufgewachsen, aber meine Familie ist sehr traditionsbewusst und auf kulturelle Weise sehr jüdisch, ohne den religiösen Anhang. Das ist ja mittlerweile bei vielen Diasporajuden so, auch wenn es immer noch starke konservative Strömungen gibt. Meine Mutter hat sich ihr Leben lang gegen das Klischeebild des bärtigen orthodoxen Juden gewährt. Auch mir ist dieses altertümliche Verständnis von Judentum fremd.

Zuflucht Ich ging schon als Junge gern ins Kino; das war für mich ein toller Ort, eine Art Zufluchtsstätte. Als Teenager war ich begeistert von Fassbinder-Filmen, da gab es damals auch in Dänemark einen regelrechten Boom. Ich finde, Fassbinders Filme altern unglaublich gut. Gerade erst habe ich wieder Die bitteren Tränen der Petra von Kant gesehen, der ist immer noch genauso toll. Dazu begegnete mir die Nouvelle Vague, Truffaut und Godard – das gehörte damals ja zur cineastischen Bildung, aber ich entdeckte es als junger Mann ganz neu für mich selbst.

Ich merkte schnell, dass ich aus Dänemark weg wollte. Es war mir einfach zu klein, zu eng, auch von der Weltoffenheit her. Die Dänen bezeichnen ihr Land ja selbst oft ironisch als einen Ententeich. Noch heute werde ich als eher kleiner und dunkelhaariger Mann, wenn ich Dänemark besuche, oft auf Englisch angesprochen – einfach weil die Dänen sich nicht vorstellen können, dass jemand, der nicht groß und blond ist, auch Dänisch spricht.

Paris Ich wartete also nur noch ab, bis ich mein Abitur hatte – und drei Tage später war ich weg. Ich wollte nach Paris und hatte eine ganz romantische Vorstellung im Kopf, wie man sie als Junge eben hat. Das war auch geprägt von dem Parisbild, das man in Polen hatte: eine Weltstadt, in der Chopin an Tuberkulose dahinsiecht. Außerdem hatte ich viele Verwandte in Frankreich und hatte in der Schule Französisch gelernt.

Ein Jahr lang lernte ich in Paris weiter die Sprache, dann ging ich an die Uni und studierte Kunstgeschichte und Filmwissenschaften. Ich wusste gar nicht, was ich damit anfangen sollte, aber es interessierte mich immens.

Sechs Jahre lebte ich dort, von 1979 bis 1985, dann verschickte ich viele, viele Bewerbungen – und landete bei Twentieth Century Fox in der Presse- und Werbeabteilung und reiste quer durch Europa. Nachdem ich zehn Jahre für Fox in Frankfurt gearbeitet hatte, folgten Wechsel zu anderen Verleihfirmen und Umzüge nach Hamburg und Berlin. Aber irgendwann wird man zu alt für diesen Job; nach 16 Jahren hatte ich genug vom Verleihgeschäft. Ich wollte mich mit Filmen befassen, die mir wirklich am Herzen liegen.

Zum Glück schlug mich 2003 die damalige Kultursenatorin als Leiter des Hamburger Filmfests vor. Mittlerweile mache ich den Job seit zehn Jahren, und es ist immer noch ein Privileg, sich mit den schönen Sachen des Lebens zu beschäftigen. Natürlich schaue ich mir bei der Programmauswahl auch sehr viele schwache Filme an – das gehört dazu. Aber gute Filme zu sehen und zu vermitteln und darüber interessante Menschen zu treffen und sich mit ihnen auszutauschen, ist ein Geschenk.

mekka Heimat ist für mich dort, wo man lebt und arbeitet, und heute natürlich auch da, wo mein Mann ist. Und so ist Hamburg meine Heimat geworden. Aber ich denke oft, dass ich überall auf der Welt, wo ich schon hingereist bin, leben könnte. Ich lebe offen schwul mit meinem Mann zusammen, und in Israel, wohin wir schon oft gereist sind, ist das größtenteils völlig unproblematisch. Tel Aviv ist ja eine tolle, offene Stadt, inzwischen fast ein bisschen wie ein schwules Mekka. Paradoxerweise ist Israel vielleicht trotzdem das Land, in dem ich am wenigsten leben könnte. Denn es ist der einzige Ort, an dem von mir erwartet würde, dass ich ihn als Zuhause empfinde. Vielleicht mag ich in Wahrheit das Gefühl des Fremdseins auch gerne. Mein Lieblingszitat dazu ist von Georg Simmel: »Der Fremde ist der, der gestern kam und heute blieb.«

Mein Verhältnis zu Israel ist wie das vieler Diasporajuden: Ich möchte da zwar nicht leben, aber es ist mir extrem wichtig, dass es das Land gibt. Man kann Land und Regierung kritisieren, so viel man möchte, aber niemals seine Existenz infrage stellen.

Ich empfinde es als größere Herausforderung, in Deutschland Jude zu sein. Wenn man mich nach meiner Herkunft fragt, antworte ich immer: Ich bin ein Jude aus Polen, der in Deutschland lebt. Komisch: Polen, Deutsche, Schwule und Juden sind Völkchen, denen es so furchtbar wichtig ist, wie der Rest der Welt sie wahrnimmt.

Auch Israel entwickelt sich sehr in Hinsicht Film. Das kleine Land produziert fast 30 Spielfilme im Jahr und unzählige Dokumentarfilme. Allerdings drehen sie sich oft sehr um die Regisseure selbst. Manchmal denke ich, in Tel Aviv ist es billiger, einen Film zu drehen, als zu einem Psychoanalytiker zu gehen.

Palästinenser Aber es gibt gerade bei israelischen Spielfilmen eine große Themenvielfalt, in der viele aktuelle Probleme angegangen werden. Wir haben dieses Jahr einen Film im Programm über streng religiöse Juden, God’s Neighbours, und gleich zwei Filme über die dramatische Situation palästinensischer Schwuler in Tel Aviv: die Doku The Invisible Men und der Spielfilm Out in the Dark.

Für mich sind solche Filme mit mutigen Themen und kritischen Haltungen Beispiele dafür, wie interessant Israel als Filmland geworden ist – und sie beweisen, dass es eine wahre Demokratie ist. Ich wünschte mir, dass andere Länder der Region ähnlich Selbstkritisches produzieren würden.

Spannende Themen und Filme aus der ganzen Welt einem größeren Publikum nahezubringen, gehört zu den schönen Seiten meines Jobs. Ein befreundeter Festivalleiter sagte einmal zu mir: »Wir haben einen der fünf schönsten Berufe der Welt.« Nach zehn Jahren denke ich: Vielleicht hatte er recht.

Aufgezeichnet von Moritz Piehler

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