Yad Vashem

Der arabische Judenretter

Es ist der elegante Anzug seines Onkels Mohamed Helmy, den Nasser Kotby an diesem Abend trägt. Früher hätten ihm dessen Sachen nicht gepasst, sagt er scherzhaft. Jetzt schon.

Der 86-Jährige ist den weiten Weg von Kairo nach Berlin gereist, um eine Ehrung entgegenzunehmen – postum für seinen 1982 in Berlin verstorbenen Onkel, dessen zeitlos eleganten Anzug er trägt.

Es sei »eine Ehre« für ihn, den Titel »Gerechter unter den Völkern« für Helmy entgegenzunehmen, den die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem dem ägyptischen Arzt bereits 2013 postum verliehen hat – dafür, dass er das jüdische Mädchen Anna Boros sowie ihre Eltern und Großmutter bis Kriegsende vor den Nazis versteckte, sie versorgte und am Leben erhielt.

Mischna »Wer ein Menschenleben rettet, rettet die ganze Welt« – diese Worte aus dem Mischna-Traktat Sanhedrin ließ Yad Vashem eingravieren in die Medaille, die Kotby zusammen mit dem Ehrenzertifikat am vergangenen Donnerstag im Seepavillon des Auswärtigen Amtes aus den Händen des israelischen Botschafters Jeremy Issacharoff entgegennahm. Mohamed Helmy habe nicht nur ein Menschenleben gerettet, sondern gleich vier, sagte Issacharoff – und damit weitere Generationen von Annas Familie. Helmy ist bislang der einzige Araber, dem diese Ehrung zuteilwird.

»Mein Onkel war ein echter Gentleman«, versucht Neffe Kotby sich der Person Helmy zu nähern. Jemand, der sich selbst nie als Held bezeichnet hätte, der einfach das Naheliegende getan habe – Menschen in Not zu helfen.

Multiethnisch, multireligiös, multikulturell sei das Umfeld gewesen, in dem sein Onkel im damaligen Ägypten aufgewachsen war und an das auch er sich noch gut erinnere. Kotby betont das Nachbarschaftliche, das Mitmenschliche, sagt: »Wir müssen die Unterschiede, das Trennende überwinden.« Es ist ein emotionaler Moment für den 86-Jährigen. Denn Helmys Geschichte sei »ein Vorbild für Zivilcourage, Menschlichkeit und Liebe in unmenschlicher Zeit«.

Neffe Seit Helmys erstem Besuch nach dem Krieg bei seinen Verwandten in Ägypten 1950, als Kotby den geheimnisvollen Onkel kennenlernte, habe er ihn etliche Male in Berlin besucht. Er habe zu ihm aufgeschaut, sagt der Neffe. Jede seiner Geschichten habe er Wort für Wort in seinem Gedächtnis abgespeichert. Er plädierte dafür, in Berlin ein Museum zum Andenken an Helmy zu eröffnen – für jüngere Generationen.

Er hätte die Ehrung auch in Israel entgegengenommen, versichert der 86-Jährige nach der Verleihung. Schließlich sei er bereits 1993 für eine Konferenz dorthin gereist.

Yad Vashem hatte sich seit 2013 vergeblich bemüht, Familienangehörigen Helmys die Auszeichnung zu überreichen. Alle hatten bislang die Preisannahme verweigert.

Kotby habe von der Ehrung erst vor anderthalb Jahren erfahren, sagte er. Von dem Yad-Vashem-Titel für seinen Onkel habe er jahrelang nichts gewusst – bis Talya Finkel ihn kontaktierte. Der israelischen Filmemacherin ist es zu verdanken, dass Kotby die Ehrung nun entgegennahm. Sie war während der Recherchen für ihren Film Mohamed and Anna – In Plain Sight auf den Nachfahren Helmys gestoßen und machte ihn schließlich mit Carla Greenspan, der Tochter von Anna Boros, bekannt und stellte auch den Kontakt zu Yad Vashem her.

Pionier Der israelische Botschafter Jeremy Issacharoff betonte in seinem Grußwort, die Geschichte von Mohamed Helmy sei »nicht nur eine Geschichte der Erinnerung, sondern auch eine der Inspiration«. Helmy sei ein »Pionier des Friedens« gewesen – auch was die Nachbarschaft zwischen Israel und Ägypten angehe. Sein Verhalten zeige, dass Menschlichkeit immer Vorrang vor politischen Interessen habe.

Den Ehrentitel »Gerechter unter den Völkern« führte Israel nach der Staatsgründung 1948 für nichtjüdische Einzelpersonen ein, die unter nationalsozialistischer Herrschaft während des Zweiten Weltkriegs ihr Leben riskierten, um Juden vor der Ermordung zu retten. Bisher wurden mehr als 26.500 Männer und Frauen damit ausgezeichnet, darunter 70 Muslime. ksh

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