Zacharias Frankel College

»Den Status quo verändern«

Noemi Henkel-Gümbel. Foto: Stephan Pramme

Wie pluralistisch und inklusiv ist das Judentum in Berlin? Diese Frage stand kürzlich im Zentrum einer von der jüdisch-feministischen Initiative Bet Debora organisierten Diskussionsveranstaltung. Als Gast hatte die Initiative die Rabbinatsstudentin Naomi Henkel-Gümbel in ihre Räumlichkeiten in Prenzlauer Berg eingeladen.

»Keshet« Die 27-Jährige studiert am Zacharias Frankel College in Berlin und Potsdam und engagiert sich bei der Organisation »Keshet«, die Perspektiven der LGBTQI*-Community (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Queer, Intersexuelle) innerhalb der jüdischen Gemeinde stärken will.

»Als Mensch, der sowohl eine jüdische als auch eine queere Identität hat, wird man von mehreren Seiten angefeindet«, sagte Henkel-Gümbel. Wie in der Gesamtgesellschaft sei Homophobie auch in der jüdischen Gemeinde ein Problem. »Es gibt in den jüdischen Gemeinden Menschen, die mit einer queeren Identität nichts anfangen können«, erläuterte die angehende Rabbinerin, die in München aufwuchs. Ressentiments gegenüber LGBTQI*-Personen ließen sich unter den Mitgliedern aller Synagogengemeinden und jüdischen Gruppen finden, »ganz gleich, zu welchem religiösen Ritus sie sich bekennen«.

SPEKTRUM Auf der anderen Seite habe man es als Jude mit queerer Identität auch innerhalb der queeren Community nicht leicht, da dort nicht selten antisemitische und antiisraelische Vorurteile bestehen würden. »Deshalb ist eine Organisation wie Keshet so wichtig, da sie jüdischen queeren Menschen einen ›Safe Space‹ gibt und parallel den Austausch mit der Gemeinde und der Gesellschaft sucht«, sagte Henkel-Gümbel. »Nur wenn wir die Diskussion aktiv vorantreiben, können wir etwas verändern.«

»Ich sehe die Zukunft des Judentums, insbesondere in einer offenen Metropole wie Berlin, in einem eklektischen Verständnis von Religion und Tradition.«

Dass sie etwas verändern möchte, ist für die junge Frau Teil der Motivation für eine religiöse Führungsposition. »Ich will Rabbinerin werden, um den Status quo zu verändern, in dem Männer und Frauen zu häufig nicht gleichberechtigt sind und LGBTI*-Menschen um ihren Platz in der Gemeinde kämpfen müssen.«

Schon seit ihrem 14. Lebensjahr träumt Henkel-Gümbel davon, Rabbinerin zu werden. Nach der Schule machte sie zunächst Alija und studierte Psychologie am Interdisciplinary Center in Herzlija. In Tel Aviv war Henkel-Gümbel in unterschiedlichen jüdischen Communitys aus dem breiten religiösen Spektrum aktiv. »Meine Zeit in Tel Aviv hat mich dazu gebracht, meinen Jugendtraum einer Rabbinatsausbildung in die Tat umzusetzen«, sagte sie.

Am Zacharias Frankel College, das sich als Teil der Masorti-Bewegung versteht, fühlt sich Henkel-Gümbel wohl. »Mit meinen Kommilitonen kann ich Themen wie Gender, Queerness und Egalität im Judentum offen diskutieren«, sagte sie. Von den insgesamt fünf Studenten des Colleges sind derzeit zwei Frauen.

MASORTI Für Henkel-Gümbel bedeutet Masorti, oder »Modern Conservatism«, wie sie lieber sagt, vor allem eines: die »Verbindung von jüdischer Tradition, also Halacha und Kaschrut, mit der vollen Gleichberechtigung der Geschlechter im 21. Jahrhundert«. Grundsätzlich spiele es für sie keine Rolle, ob sich eine Gemeinde als liberal, konservativ oder orthodox versteht.

»Ich sehe die Zukunft des Judentums, insbesondere in einer offenen Metropole wie Berlin, in einem eklektischen Verständnis von Religion und Tradition.« Eklektisch könne man in diesem Sinne so definieren: »Ich suche mir von allen Gemeinden das Beste aus, gestalte mein Judentum so, wie ich es für mich persönlich richtig finde.«

Wenn sie einmal ausgebildete Rabbinerin ist, wolle sie die Menschen anhalten, ihren eigenen Weg zu gehen. »Ich will niemand sein, der vorne steht und leitet, sondern jemand, der aus der Mitte heraus Impulse gibt.«

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« erhält Tacheles-Preis

Der Tacheles-Preis wird alle zwei Jahre an Personen oder Organisationen verliehen, die sich für die Sicherung einer jüdischen Zukunft in Deutschland einsetzen. Die Laudatio hält der neue WELT-Chefredakteur Helge Fuhst

 18.05.2026

Chemnitz

Ausstellung zum Neuanfang der jüdischen Gemeinde Chemnitz

»Jetzt erst recht!«: Eine Ausstellung im Staatlichen Museum für Archäologie erinnert an den mutigen Neuanfang der jüdischen Gemeinde Chemnitz 1945

 18.05.2026

Magdeburg

Synagogen-Gemeinde weiht neue Torarolle ein

Große Freude in der Magdeburger Synagoge: Nach mehr als 30 Jahren des Spendensammelns erhält die jüdische Gemeinde eine neue Torarolle, die in Israel von einem spezialisierten Schreiber angefertigt wurde

 18.05.2026

Berlin

Er hat Traditionen neu gedeutet

Pavel Feinstein ist tot. Der Maler und Zeichner starb nach kurzer, schwerer Krankheit

 18.05.2026

Prozess

Urteil im Prozess gegen Dresdner Rabbiner erwartet

Dem Angeklagten werden Geldwäsche und Betrug vorgeworfen

 18.05.2026

Gedenken

Prägend für den Kunsthandel

Die Stadt München brachte in der Liebigstraße ein Erinnerungszeichen für den jüdischen Auktionator Hugo Helbing und seine Familie an

von Luis Gruhler  18.05.2026

München

»Jener Tag des Sieges hat uns die Freiheit geschenkt«

Zum Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus gedachte die IKG der jüdischen Soldaten in den alliierten Armeen

von Vivian Rosen  18.05.2026

Berlin

Ein Israeli erklärt Berlin

Tourguide: Der ehemalige Opernsänger Eyal Edelmann führt Landsleute durch die deutsche Hauptstadt

von Alicia Rust  17.05.2026

Brandenburg

Brandanschlag: Jüdische Gemeinden stellen sich hinter Büttner

Im Fall des Brandanschlags auf das Anwesen des brandenburgischen Antisemitismusbeauftragten gibt es viele offene Fragen. Die örtliche jüdische Gemeinde solidarisiert sich mit Andreas Büttner

 15.05.2026