Porträt der Woche

»Das wird mein Leben«

»Ich hätte nie gedacht, dass ich meine allererste Erfahrung als Schauspielerin auf Deutsch machen würde«: Mayan Goldenfeld (35) aus Bielefeld Foto: Joseph Reuben Heicks

Porträt der Woche

»Das wird mein Leben«

Mayan Goldenfeld verliebte sich in die Opernwelt und wurde Sängerin

von Gerhard Haase-Hindenberg  23.02.2026 17:55 Uhr

Im August 2022 kam ich nach Bielefeld, wo ich nun die vierte Spielzeit Ensemblemitglied am hiesigen Theater bin. Meine erste Produktion war die Oper Zazà des Komponisten Ruggero Leoncavallo, der auch das Libretto schrieb. Diese Opernproduktion habe ich am Bielefelder Studio gemacht, einem Modellprojekt des Theaters. Dort reift eine neue Theatergeneration heran, die spartenübergreifend agiert. Schauspieler, Tänzer und Sänger lernen voneinander, und ich als Opernsängerin lernte eben auch in den beiden anderen Sparten: Sprechtheater und Tanz.

In Zazà war ich als Opernsängerin mit der Rolle der Natalia besetzt. Obgleich das eine eher kleine Rolle war, ist es eine wunderbare Erfahrung gewesen, weil Natalia dennoch auf der Bühne sehr präsent ist. Ich habe dabei gelernt, mit Nuancen und großen Emotionen zu spielen, und das zu wunderschöner Musik. Bei dieser Oper handelte es sich um die berührende und sehr realistische Geschichte der Varietésängerin Zazà, die mit anderen Künstlern am Rand der Gesellschaft lebt.

Ein wenig unorthodox, weil es gegen die üblichen Normen des Musiktheaters verstößt

Zazà verliebt sich in einen Mann aus dem gesellschaftlichen Establishment. Sie findet heraus, dass er verheiratet ist und eine Familie hat. Am Ende entscheidet sie, ihn wegzuschicken. Das ist ein wenig unorthodox, weil es gegen die üblichen Normen des Musiktheaters verstößt, wo ja die Sopranistin am Ende meist stirbt.

Da das Bielefelder Studio eben ein spartenübergreifendes Studio ist, wurde ich in der Dramatisierung des Romans Herkunft des bosnischen Autors Saša Stanišics als Schauspielerin eingesetzt.

Das ist die autobiografische Geschichte seiner Kindheit, der Flucht und des Ankommens in Deutschland, die er anhand seiner dementen Großmutter und der damit verbundenen Erinnerungen aufarbeitet. Für mich war diese Arbeit eine ganz besondere Herausforderung, die aber, wie ich finde, am Ende gut gelungen ist.

Inzwischen bin ich Mitglied des Bielefelder Opernensembles, das aber auch im Schauspiel eingesetzt wird. Ich hätte nie gedacht, dass ich meine allererste Erfahrung als Schauspielerin auf Deutsch machen würde, was bereits die fünfte Sprache ist, die ich im Laufe des Lebens erlernt habe.

Hebräisch und Italienisch

Bevor ich Hebräisch gelernt habe, sprach ich bereits Italienisch. Das kam, weil die Familie meiner Mutter italienische Wurzeln hatte und sowohl meine Großmutter als auch meine Mutter mit mir Italienisch sprachen, als ich klein war. Meine Mutter aber ist schon in Giv’atajim geboren, einer kleinen Stadt östlich von Tel Aviv, wo mein Vater und auch ich zur Welt kamen. Mein Vater ist Augenarzt, und meine Mutter hat bis vor vier Jahren das Ingenieurbüro meines Großvaters geleitet. Sie arbeitet aber auch als kulinarische Fachjournalistin.

Beim Kochen wurden in der Küche immer italienische Arien gesungen.

Als Kind habe ich immer die Zeit zwischen Rosch Haschana und Sukkot mit meiner Familie im Haus eines Onkels in Umbrien verbracht. Dieser Onkel hat mein Leben sehr stark beeinflusst. In dessen Haus wurde nämlich immer Opernmusik gespielt, die Arien der großen italienischen Komponisten waren sehr präsent. Der Onkel und meine Großmutter kannten die Texte auswendig. Es mag wie ein Klischee klingen, aber beim Kochen wurden in der Küche immer Opernarien gesungen.

So wuchs ich also nicht nur mit der hebräisch-israelischen Kultur auf, sondern ebenso mit der italienischen, weil bei meiner Großmutter auch in Israel immer das italienische Fernsehen lief. Schon als kleines Mädchen hatte ich den Traum, später, wenn ich einmal erwachsen sein würde, zur internationalen Bühnenwelt zu gehören, wo Musik die Sprache ist – und zwar sowohl der Oper als auch der Popkultur. So liebte ich nicht nur Pavarotti, sondern auch die Lieder von Lucio Dalla.

Durch meine Großmutter also habe ich Italienisch gelernt, Hebräisch aber ist meine Muttersprache. In Israel habe ich ein französisches Gymnasium besucht, wo ich in Französisch unterrichtet wurde, was mir durch meine Italienisch-Kenntnisse leichtfiel. Und Englisch spreche ich fast perfekt, denn als kleines Kind lebte ich mit meiner Familie zwei Jahre in Chicago.

Disney-Kassetten auf Englisch

Mein Vater machte dort seine Facharztausbildung. Ich erinnere mich zwar kaum an den Aufenthalt dort, weil ich noch zu klein war, aber es war die Zeit, in der ein Kind anfängt zu sprechen, und ich habe dort eine Kita besucht. Außerdem hatte mir meine Mutter Disney-Kassetten auf Englisch gekauft, und im Fernsehen sah ich Kinderserien wie etwa Barney. In diesem Alter saugt man ja jede verfügbare Information wie ein Schwamm auf, so eben auch die Sprache. Bis heute spreche ich Englisch mit einem amerikanischen Akzent.

In Tel Aviv war ich schon mit 13 Jahren im Kinderchor der Oper. Damals hat der berühmte Regisseur Franco Zeffirelli die Oper Pagliacci – übrigens auch von Leoncavallo – inszeniert. Ich habe mich damals in den Opernbetrieb verliebt: in das Geschehen hinter der Bühne, in den Chor, die Kostüme, das Licht, einfach alles. Ich erinnere mich, dass ich eines Tages nach Hause kam und zu meiner Mutter gesagt habe: »Das wird mein Leben!«

Fortan hat sie mich nach Kräften dabei unterstützt, diesen Traum zu realisieren. Einige Jahre später habe ich an der Buchmann-Mehta-Musikhochschule, die zur Universität Tel Aviv gehört, Gesang studiert. Danach ging ich für ein zweijähriges Masterstudium nach New York ans Brooklyn College Conservatory. Das war nur möglich, weil meine Eltern mich finanziell unterstützt haben, denn ein Studium dort ist teuer. Dafür werde ich ihnen immer dankbar sein.

Meine Familie ist zwar überhaupt nicht religiös, trotzdem hatten wir immer ein traditionelles Verhältnis zum Judentum.

Meine Familie ist zwar überhaupt nicht religiös, trotzdem hatten wir immer ein traditionelles Verhältnis zum Judentum. Entsprechend begingen wir die Feiertage. Nun hatte ich in meinem Masterstudium die ersten Proben, und in diese Zeit fiel Chanukka. Noch hatte ich keine Freunde vor Ort, und Chanukka in diesem fremden Land allein zu feiern, hätte für mich keinen Sinn gemacht. Überraschend sprach mich eine Kommilitonin an und fragte mich: »Ist heute nicht Chanukka?« Sie war keine Jüdin, aber in Brooklyn kennt man unsere Feiertage. Diese Kommilitonin hat schließlich mich und andere aus der Klasse eingeladen, gemeinsam im Supermarkt einzukaufen und bei ihr eine improvisierte Chanukka-Feier zu machen. Tja, das ist New York.

Bessere Orte auf der Welt, um eine Bühnenkarriere zu machen

Obgleich mir das Leben in New York sehr gefiel, war klar, dass es bessere Orte auf der Welt gibt, um eine Bühnenkarriere zu machen. Ganz vorn stehen die deutschsprachigen Länder, weil es hier flächendeckend gute und sehr gute Theater mit festen Ensembles gibt.

An der Hochschule in Tel Aviv hatte ich meinen Lebenspartner kennengelernt, der dort auch studierte und heute Konzertdirigent ist. Als ich dann nach New York gegangen war, hatten wir eine Fernbeziehung. Danach haben wir beschlossen, gemeinsam nach Deutschland zu ziehen. Neun Monate lebten wir zusammen in Berlin, dann sind wir nach Dresden umgezogen, wo er sein Masterstudium machen konnte.

Für mich hat sich eine Arbeitsbeziehung mit einem Barockorchester ergeben, das »La Petite Bande« heißt, mit dem ich auf Tournee ging und bei Festspielen auftrat. Danach hatte ich ein Engagement in Frankreich bekommen, wo ich für sechs Monate mit einer Oper von Philip Glass auf Tour gehen sollte – und dann kam Corona. Ich war ziemlich verzweifelt.

»Gesang in historischer Aufführungspraxis« an der UdK Berlin

In dieser Situation hat mich mein Lebenspartner ermutigt, noch einmal ein Spezialstudium zu machen. Also bewarb ich mich an der Universität der Künste in Berlin im Studienfach »Gesang in historischer Aufführungspraxis« – und ich bekam einen Platz. Dort habe ich Tung-Han Hu, einen Cembalisten, kennengelernt. Gemeinsam haben wir einen Chor gegründet und beim Händel-Wettbewerb den 3. Preis gewonnen. Dann habe ich begonnen, mit »I Gemelli«, einem Barockmusik-Ensemble, in Frankreich und der Schweiz zu arbeiten.

Irgendwann entdeckte ich im Internet, dass man sich am Bielefelder Studio bewerben konnte. Obgleich ich befürchtet habe, mit 31 Jahren zu alt für ein solches Projekt zu sein, habe ich meine Bewerbung hingeschickt. Man hat mich zum Vorsingen eingeladen, und am Ende führte das zu meinem ersten Theater-Engagement in Deutschland – als Sängerin und Schauspielerin.

Aufgezeichnet von Gerhard Haase-Hindenberg

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