Tagung

Das Trauma der Schoa

Hana Laufer hat Bilder vor Augen. Bilder aus ihrer Kindheit, reale – wie jenes, auf dem sie als etwa einjähriges Mädchen mit ihren Eltern zu sehen ist – und fiktive Bilder, die lediglich in ihrem Kopf entstanden sind, zusammengesetzt aus den Erzählungen ihrer Mutter. Die heute 78‐Jährige hat jedoch auch ganz konkrete Erinnerungen, so etwa daran, wie ihr Vater ein paar Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg »zusammenbrach« und nicht mehr arbeiten konnte.

Hana Laufer ist Jüdin und wurde 1939 in Prag geboren. Über viele Umwege war sie nach Deutschland gekommen. Für Menschen wie sie gibt es in der Wissenschaft inzwischen einen Ausdruck: Child Survivors. So werden die Menschen genannt, die Verfolgung, Lagerhaft, Versteck und oder den Verlust von Angehörigen in ihrer Kindheit oder Jugend erlitten und die Schoa überlebt haben.

Am Montagmorgen sitzt die Hana Laufer an der Seite von Noemi Staszewski und Mendel Aravonici, auch er ein Child Survivor. Im Saal des jüdischen Gemeindezentrums sprechen die beiden Überlebenden von der Bühne aus zu einem großen Auditorium. Im Saal sitzen rund 200 Frauen und Männer, sie sind Teilnehmer einer internationalen von der Zentralwohlfahrtstelle der Juden (ZWST) organisierten Konferenz zum Thema »Shoah – Flucht – Migration«. Für Hana Laufer und Mendel Aravonici sind diese Zuhörer lauter unbekannte Menschen, vor denen sie über ihr Leben als Überlebende der Schoa sprechen. Moderatorin Noemi Staszewski lässt die beiden Zeitzeugen erzählen und fragt zwischendurch immer wieder einmal behutsam nach. Keine einfache Situation – weder für die Moderatorin noch für die Interviewten. Und ebenso wenig für die Zuhörer.

Zeugnis Dieses öffentliche Zeugnisablegen kann aber ein durchaus heilsamer Prozess im Verarbeiten des Traumas sein, werden die Teilnehmer später erfahren. Das nämlich verdeutlicht die Psychoanalytikerin Marianne Leuzinger‐Bohleber in ihrem anschließenden Vortrag – auch, indem sie sich auf den Lebenslauf und die biografischen Aufzeichnungen des Psychoanalytikers Henri Parens bezieht.

Aus psychoanalytischer Sicht könne es für Traumatisierte existenziell sein, das Erlebte und Erlittene in Bilder und Metaphern zu fassen und diese sich selbst und vertrauten Menschen mitzuteilen, erklärt die Wissenschaftlerin. Gerade ältere Menschen seien angesichts des nahenden Endes ihres Lebens »immer damit beschäftigt, sich nochmals ihre ganz eigene Lebens‐ und Traumageschichte anzueignen«. Die Erinnerung an die Schoa lebe im Alter nochmals in besonderer Weise auf. Die Herausforderung für Pflegende und Betreuende bestehe darin, diese Menschen »empathisch zurück in die ›Hölle von Auschwitz‹ zu begleiten«.

Es bringe auch die professionellen Helfer »an die Grenze des Ertragbaren«, sagt Marianne Leuzinger‐Bohleber, die bis zum vergangenen Jahr Leiterin des Sigmund‐Freud‐Instituts war. Es sei zu hoffen, dass in der professionellen Arbeit und Betreuung von Überlebenden und ihren Familien ein gemeinsamer Raum geschaffen werde, »um die schmerzlichen Aspekte der Erfahrungen während des Holocaust zu verstehen und durchzuarbeiten«.

Professionalität Wie wichtig es ist, professionelles Betreuungspersonal für den Umgang mit Traumatisierten zu schulen, macht die Referentin an einem Beispiel deutlich: Die Abhängigkeit von den professionell Betreuenden könne bei älteren Überlebenden, die schwer körperlich erkrankten, unbewusst zu einer Verwechslung führen – und zwar »mit den ursprünglichen, entmenschlichenden, traumatisierenden Erfahrungen während der Schoa«. Diese Verwechslung wiederum könne im Extremfall zu einer Re‐Traumatisierung führen.

In ihrem Vortrag legte die aus der Schweiz stammende Wissenschaftlerin den Fokus auf einen weiteren Aspekt und wies darauf hin, dass die psychoanalytische Traumaforschung und das psychoanalytische Wissen um die Folgen von Extremsituationen für die erste, zweite und dritte Generation gerade Kollegen zu verdanken sei, die selbst den Holocaust überlebt haben. Die Erkenntnisse aus der Forschung zum Trauma von Überlebenden seien überdies auch hilfreich für die Therapie von Kriegsflüchtlingen, betonte die Psychoanalytikerin.

Vererbung Die Konferenz wolle unter anderem die Aufmerksamkeit auf Ergebnisse der Traumaforschung legen, erklärte Doron Kiesel, emeritierter Professor für Interkulturelle Pädagogik der Universität Erfurt und wissenschaftlicher Direktor der Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden. Die Frage der Vererbung von Traumata und der Umgang mit traumatisierten Menschen im Alter sei ein Thema, das noch lange wichtig bleiben werde und auch jenseits des Kontextes Schoa relevant sei. Das Interesse an der Traumaforschung lebe auf, stellte Kiesel fest und brachte es in Zusammenhang mit aktuellen Entwicklungen und Kriegen.

Der Sozialwissenschaftler hatte die Konferenz zusammen mit Noemi Staszewski konzipiert und organisiert. Staszewski ist Projektleiterin für psychosoziale Programme innerhalb der ZWST und leitet den Treffpunkt für Holocaust‐Überlebende in Frankfurt.

Das Interesse an der viertägigen Konferenz, die weit mehr als Zeitzeugengespräche – unter ihnen auch Rabbiner William Wolff –, Vorträge und Workshops zu bieten hatte, war groß. Themen der Vorträge waren unter anderem die Vielfalt des jüdischen Selbstverständnisses in Deutschland nach 1945 und die Erfahrungen von deutschen Juden, die die NS‐Verfolgung im Land der Täter oder im Exil überlebt haben. In den Workshops beschäftigten sich die Teilnehmer unter anderem mit ihrer Rolle als professionelle Helfer.

Teilnehmer Die Teilnehmer kamen aus rund 15 Nationen, darunter Tschechien, Russland, der Ukraine, Frankreich und Italien. Die Experten setzten sich aus Fachkräften wie Sozialarbeitern, Pflegekräften der stationären und ambulanten Versorgung, aber auch aus Schoa‐Überlebenden und ihren Angehörigen zusammen.

Mit dieser Veranstaltung wollte die ZWST im Jahr ihres 100‐jährigen Bestehens an eine Reihe von Kongressen anknüpfen, die sich seit 2008 mit dem Thema Traumatisierung durch die Schoa und Möglichkeiten und Formen der Therapie und psychosozialen Arbeit mit Überlebenden auseinandersetzen. Gefördert wurde die viertägige Konferenz, die bis Mittwoch fortgesetzt wurde, von der Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« und der »Aktion Mensch«.

Bei der jetzigen sechsten internationalen Konferenz zum Thema sollte es um eine »Feinjustierung« gehen, hatte Doron Kiesel bei seiner Begrüßung am Sonntag betont. »Trauma ist nicht gleich Trauma. Auch die Folgen einer Traumatisierung sind nicht bei jedem gleich. Daher müssen wir genau hinsehen und zwischen den verschiedenen Schicksalen differenzieren lernen, damit wir jedem Einzelnen gerecht werden können«, sagte er.

Gleichzeitig dämpfte Kiesel jeden allzu großen Optimismus: »Die erlittenen Verletzungen können wir nicht heilen, sondern nur lindern, und wir können versuchen, die Lebensfreude zu erhalten, um ein Abgleiten in die Depression zu verhindern.«

Praxis Ziel der Konferenz sei es, die Inhalte, die auf der Konferenz erarbeitet wurden, »ins Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Forschung und praxisorientierter Reflexion« zu stellen. »Uns ist wichtig, dass Sie Ihre Erfahrungen und Kompetenzen in die hier stattfindende Auseinandersetzung einbringen«, appellierte Kiesel vor Beginn des Kongresses.

Der Vorstandsvorsitzende der ZWST, Abraham Lehrer, verwies darauf, dass in den jüdischen Senioren‐ und Pflegeheimen viele Bewohner mit der Rückkehr ihrer Traumata und einem Aufbrechen ihrer jahrzehntelang eingeübten Bewältigungsstrategien zu kämpfen hätten. Die Betreuung dieser Menschen verlange den Mitarbeitern in den Einrichtungen Enormes ab. Sie auf diese Aufgabe vorzubereiten, sei ein weiteres Ziel der Konferenz.

»Uns bleibt nicht viel Zeit, die Lücken in unserem Verständnis von Traumatisierungsprozessen zu verstehen«, warnte Lehrer. Gleichzeitig zeigte er sich erstaunt darüber, dass »selbst 70 Jahre nach der Schoa immer noch neue Erkenntnisse zu diesem Thema gewonnen« würden.

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