Nüchtern ist der Titel, schlicht der Aufbau. In ihrem neuen Buch Israelis in Berlin nach dem 7. Oktober lässt die Autorin Andrea von Treuenfeld nach einer kurzen Einleitung 18 in der deutschen Hauptstadt lebende Israelis zu Wort kommen. Alle Kapitel folgen dabei einer einheitlichen Struktur: erst ein Foto der Person, dann die Nennung des Namens und Berufs sowie ein mit »Mein wichtigster Ort in Berlin« überschriebener Absatz und schließlich mehrere Seiten über sich selbst.
Von den schätzungsweise 20.000 Israelis in Berlin hat die Autorin Menschen ausgewählt, die zwischen 1970 und 1990 geboren wurden. Sie sind »rund um den Berlin-Hype« vor mehr als zehn Jahren in die »Hauptstadt der Nazis« gezogen. So können sie mit einem gewissen Abstand auf ihren deutschen Lebensabschnitt zurückblicken.
Das Projekt nahm eine völlig andere Richtung als ursprünglich geplant
Ursprünglich wollte von Treuenfeld der Frage auf den Grund gehen, warum sie sich als Israelis ausgerechnet für Berlin entschieden haben und inwieweit ihre Sozialisation dabei eine Rolle spielen könnte. Dann kam der 7. Oktober 2023, und das Projekt nahm eine völlig andere Richtung. Der Schwerpunkt liegt dennoch auf der Zeit davor. Man merkt, dass die Interviews nur wenige Monate nach den Massakern in Israel geführt wurden. Doch die in jüngster Zeit gemachten Erfahrungen fließen deutlich mit ein. Dabei wirkt es wohltuend, dass persönliche Meinungen zum weiteren Kriegsverlauf im Hintergrund bleiben.
Manche Aussagen lassen erahnen, wie die Ereignisse bis heute den Alltag auch der meisten Jüdinnen und Juden in Berlin überlagern: »Du sprichst nicht Hebräisch, du gehst nicht mit dem Davidstern, du nimmst kein Taxi, du gehst nicht nach Neukölln. Es war wie ein Schnitt. Und dann langsam kommst du zurück ins Leben«, berichtet Yotam Ishay, der Filmproduktionen betreut. Viele Israelis, die von der Autorin angeschrieben wurden, antworteten nicht oder lehnten ab – aus Sorge um ihre Sicherheit.
Die 18 Porträtierten eint der Mut
Die 18 Porträtierten eint der Mut, trotz des erstarkten Antisemitismus öffentlich präsent zu sein. Sie zeigen, dass jüdische Identitäten sich nicht verdrängen lassen, auch wenn es für manche hier ungemütlicher wird. Ihre Gesichter und Stimmen sind Beweise dafür, dass Israelis mehr als nur eine bloße Projektionsfläche sind.
So erzählt die Designerin Schachar Waks, dass sie es aufgrund von Assoziationen mit den Ereignissen vom 7. Oktober nicht mehr ertragen könne, wenn sich ihre kleine Tochter beim Spielen gemeinsam mit ihr in einem Schrank verstecken möchte und dann flüstert, dass ein böser Mann kommen würde. Über seinen Wandel vom Islamisten zum Aufklärer über die Gefahren einer Radikalisierung berichtet der palästinensisch-israelische Psychologe und Publizist Ahmad Mansour, und der Gastronom Oz Ben David schildert seinen kurzen Ausraster nach dem 7. Oktober. Sein Geschäftspartner, der griechisch-orthodoxe Palästinenser Jalil Dabit, sei dagegen relativ ruhig geblieben. Schließlich wurde ihr Restaurant »Kanaan« in vielen Medien zum friedlichen Vorbild erklärt.
»Berlin ist eine mögliche Zukunft«
Für einige sei die Option einer Rückkehr nach Israel näher gerückt, aber nur theoretisch. Denn viele haben das Land verlassen, weil sie die Lage vor Ort als unerträglich empfanden. »Ich sehe meine Zukunft ohnehin nicht in Israel«, schreibt Yotam Ishay. »Nicht in der jetzigen politischen Situation. Es ist so teuer, so verrückt. Und Leute sterben die ganze Zeit. Es ist kein Ort zum Leben.« Er liebe es, hinzufahren, seine Familie zu besuchen, dort zu arbeiten. »Aber Israel ist nicht die Zukunft. Berlin ist eine mögliche Zukunft.«
Aber Berlin als »Heimat«? Für den Schriftsteller Ron Segal geht das nicht. Heimat gebe es nur einmal, aber durchaus ein zweites Zuhause, eine zweite Sprache. Segals Bücher Jeder Tag wie heute und Katzenmusik wurden ins Deutsche übersetzt, mittlerweile schreibt er für deutsche Medien. Sein Leben in Berlin versteht er als »eine Art Rückkehr der Familie«. Seine Großmutter musste als Mädchen aus Berlin fliehen und starb kürzlich im Alter von 101 Jahren in Israel. Zwischen ihr und Segals jüngstem Kind liegen 100 Jahre – »aber beide sind Berliner«, sagt er und lächelt. Geneviève Hesse
Andrea von Treuenfeld: »Israelis in Berlin nach dem 7. Oktober«. Neofelis, Berlin 2025, 201 S., 20 €