Ausstellung

Das Leben der Warschawskis

Fritz Warschawski war der erste Jude, der im Frühjahr 1933 vor der Willkür der Nazis aus Görlitz nach Palästina floh. Der Zahnarzt hatte sich sehr wohlgefühlt in der Stadt. Doch als sich die feindselige Stimmung gegen Juden öffentlich entlud und er dies am eigenen Leib zu spüren bekam, entschloss er sich, Deutschland mit seiner Familie so schnell wie möglich zu verlassen. Dreimal war er auf offener Straße zusammengeschlagen worden. Die Nazis nahmen ihn sogar für einige Tage in Schutzhaft. »Dass man ihn barfuß durch die Stadt nach Hause gehen ließ, hat ihn sehr gedemütigt«, berichtet sein Enkel Michael Guggenheimer.

Fritz und Käthe Warschawski waren wohlhabende Leute, die in einer hochherrschaftlichen Wohnung im Görlitzer Zentrum lebten. Sie hatten ein Auto mit Chauffeur, ein Kindermädchen und eine Haushaltshilfe. »Meine Großeltern hatten ein Theaterabonnement und gingen häufig zu Konzerten in die Stadthalle«, erzählt Guggenheimer. »Großvater gehörte dem Vorstand der jüdischen Gemeinde an und engagierte sich als Sozialdemokrat.«

Zehn Schicksale Eindrücklich schildert Guggenheimer das Schicksal seiner Familie mütterlicherseits in der Ausstellung »Lebenswege ins Ungewisse«, die derzeit im Schlesischen Museum zu Görlitz zu sehen ist. In der multimedialen Schau erzählen zehn Menschen auf Deutsch oder Polnisch, weshalb sie nach Görlitz kamen oder aus der Stadt weggingen. Meist war es erzwungen, manchmal freiwillig, durch Flucht, Vertreibung, Kriegswirren, Diktatur oder gesellschaftliche Umbrüche.

Die Geschichte von Michael Guggenheimers Familie steht in der Ausstellung stellvertretend für die Verfolgung und Ermordung der Juden. Seine Großeltern verließen Görlitz in aller Heimlichkeit. Sie packten ein paar Habseligkeiten in Rucksäcke, als würden sie zum Wandern ins nahe gelegene Zittauer Gebirge aufbrechen. Tatsächlich passierte die vierköpfige Familie die Grenze zur Tschechoslowakei. Tochter und Sohn blieben zunächst bei Freunden in Prag. Die Eltern reisten über Triest und Haifa bis nach Tel Aviv, wo Fritz Warschawski eine neue Zahnarztpraxis aufbaute. Die Kinder kamen ein paar Monate später nach.

Käthe Warschawski – in Görlitz »eine Dame von Welt« – fand sich im fremden Land nicht zurecht. »Plötzlich landete sie in einer Stadt, die erst ein paar Jahre zuvor auf Sand gebaut worden war, ohne feste Straßen, ohne Kulturleben«, sagt Guggenheimer. Sie verfiel in Depressionen und beging zwei Jahre später Selbstmord. Ihr Mann kehrte nicht noch einmal nach Deutschland zurück. »Mein Großvater wollte nie mehr deutschen Boden betreten«, weiß der Enkel.

Guggenheimer, 1946 in Tel Aviv geboren, wusste viele Jahre lang nichts über Görlitz. Die 30er- und 40er-Jahre waren in der Familie ein Tabuthema. Deutsch sei verpönt gewesen, als Sprache der Mörder, der Vertreiber, der Nazis. 1993, 60 Jahre nach der Flucht als 13-jähriges Mädchen, war seine Mutter erstmals wieder zu Besuch in Görlitz. Doch nur vier Stunden hielt sie es damals in der Stadt aus.

Schichtweise Ihr Sohn, der die Reise angeregt und sie begleitet hatte, kam wieder. Er recherchierte in Görlitzer Archiven und las dabei viel über seinen Großvater. »Es war mir neu, dass er eine solche Bedeutung in der Stadt hatte«, gesteht Guggenheimer. »Ich war erschüttert über mein Nichtwissen.« Der heute in der Schweiz lebende freie Autor schrieb sogar ein Buch über die Stadt. Unter dem Titel Görlitz. Schicht um Schicht. Spuren einer Vergangenheit ist es vor einigen Jahren erschienen, und seine Mutter saß zur Premiere in der ersten Reihe.

»Ich glaube, über mein Buch, meine Annäherung an Görlitz, hat meine Mutter auch ihr Görlitz wiedergefunden«, sagt Guggenheimer. Bei ihrem zweiten Besuch gingen sie gemeinsam in die Synagoge. »Es war ein großes Erlebnis für sie, mir zu zeigen, wo sie oben in der Frauenempore mit ihrer Mutter gestanden oder gesessen hatte«, berichtet der Sohn. Der imposante Bau hat die Pogromnacht nahezu unbeschadet überstanden, ist seit 1963 in städtischem Eigentum und heute vor allem Ort für Kulturveranstaltungen.

Stolpersteine Ein Verein bemüht sich darum, den jüdischen Sakralbau wieder im ursprünglichen Sinne mit Leben zu erfüllen. Guggenheimer ist selbst Mitglied im Förderkreis Görlitzer Synagoge und der Stadt sehr verbunden, als habe er sie für seine Familie zurückerobert. Am Postplatz, wo die Warschawskis einst wohnten, würde er gern Stolpersteine in Gedenken an sie setzen lassen. »Ich bewunderte Großvaters politische Wachheit, die ihm, seiner Frau und den beiden Kindern das Leben gerettet hat«, bemerkt der Publizist anerkennend.

Zwei noch nicht verlegte Stolpersteine weisen derweil den Weg zur Ausstellung »Lebenswege ins Ungewisse«. Gleich am Eingang des Schlesischen Museums liegen sie in einer Vitrine. Nach Ende der Sonderschau sollen sie für Carl und Hans Jacobsohn an der Bismarckstraße 16 in Görlitz verlegt werden. Beide wurden 1944 in Auschwitz ermordet. Gestiftet hat die Steine Walter Jacobsohn, der 1923 in Görlitz zur Welt kam und heute im israelischen Nahariya lebt. Er will damit die Erinnerung an seinen Vater und seinen älteren Bruder wachhalten.

Michael Guggenheimers Geschichte über seine Familie ist auch im Begleitband zur Ausstellung Lebenswege ins Ungewisse abgedruckt, die bis 25. März 2012 im Görlitzer Schönhof zu sehen ist.

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