Köln

»Das Judentum positiv darstellen«

Will »kulturelle und politische Debatten anstoßen«: Abraham Lehrer Foto: Gregor Zielke

Köln

»Das Judentum positiv darstellen«

Abraham Lehrer über die Vorbereitungen auf die Feier »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland«

von Detlef David Kauschke  18.04.2019 09:31 Uhr

Herr Lehrer, in zwei Jahren heißt es: »321: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland«. Zur Planung der Feierlichkeiten wurde vor einem Jahr, am 18. April, in der Synagogen-Gemeinde Köln ein Verein gegründet. Wie weit sind die Vorbereitungen inzwischen gediehen?
Es läuft sehr gut. Wir haben intensive Gespräche geführt und dabei erste Zusagen und Signale erhalten. Da geht es uns vor allem um die notwendigen finanziellen Mittel. Bei Bund, Land und Stadt fällt unser Anliegen auf fruchtbaren Boden. Die Unterstützung wächst, die Wahrnehmung wird größer. Nur ein Beispiel: Erst kürzlich hörte ich zu meiner Überraschung, wie Bayerns Antisemitismusbeauftragter Ludwig Spaenle bei einer Veranstaltung in Brüssel auf das Jubiläumsjahr hinwies. Das zeigt: Viele haben das Datum auf dem Schirm und sind auch gern bereit mitzuwirken.

Der eigentliche Impuls kam nicht aus der jüdischen Gemeinschaft?
Nein, er kam von Jürgen Rüttgers, dem ehemaligen Ministerpräsidenten Nordrhein-Westfalens. Bei der Vorbereitung einer Rede vor dem Landesverband Nordrhein stieß er auf das Datum des Jahres 321. Wir Kölner erwähnen diese Jahreszahl immer ganz stolz. Aber Jürgen Rüttgers war derjenige, der nachgerechnet hat und dann darauf hinwies, dass im Jahr 2021 das 1700-jährige Jubiläum ansteht. Er kam auf mich zu, und wir haben gemeinsam überlegt, was man machen kann.

Es soll nun ein Jubiläumsjahr mit zahlreichen Veranstaltungen geben. Den Auftakt soll ein Festakt in Köln bilden. Was ist konkret geplant?
Wir haben Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier angefragt, ob er die Schirmherrschaft dafür übernimmt. Es soll ein würdiges Ereignis in Köln geben, aber auch zahlreiche bundesweite Kulturevents, entsprechend der überregionalen Bedeutung des Jubiläums.

Außerdem will der Verein dazu beitragen, kulturelle, politische und interreligiöse Debatten innerhalb der Gesellschaft anzustoßen. Welche sind damit gemeint?
Ich denke, dass wir aus diesem Anlass aufzeigen sollten, was der jüdische Beitrag in diesem Land war, und was konkret damit gemeint ist, wenn man über christlich-jüdische Wurzeln spricht. Das wollen wir in den Vordergrund stellen. Selbstverständlich wollen wir auch weitere kulturelle und politische Debatten anstoßen. Und wir können das Thema Antisemitismus nicht außen vor lassen. Die eigentliche Intention aber ist, das Judentum in überwiegend positivem Zusammenhang darzustellen. Das würde ich gerne im Rahmen dieses Jahres erreichen.

Der WDR hatte vor einem Jahr gemeldet: »Verein 321 in Köln gegen Antisemitismus gegründet«. Wurde da etwas missverstanden?
Ja, das war wohl ein Missverständnis. Wir stellen das Phänomen des Judenhasses nicht in den Vordergrund. Das ist nicht unsere Intention. Aber natürlich würde es uns freuen, wenn wir im Rahmen dieses Jahres Menschen bekehren können, die solche Ressentiments in sich tragen, die antisemitische Einstellungen haben. Und so hat auch unser Gründungsmitglied Jürgen Rüttgers betont, dass es dringend notwendig ist, darauf hinzuweisen, was Deutschland seinen jüdischen Bürgern verdankt. Wer viel von der jüdisch-deutschen Geschichte weiß, kann seiner Meinung nach eigentlich kein Antisemit sein.

Sie sprachen schon davon, dass der Verein erinnern und zeigen will, welches die gemeinsamen Wurzeln von Judentum und Christentum sind. Was denken Sie persönlich?
Ich bin Sohn von Schoa-Überlebenden, bin also mit alledem, was dazugehört, groß geworden. Ich vergesse die dunklen Seiten der jüdischen Geschichte in Deutschland nicht. Und ich habe das große Glück gehabt, dass sich mein Religionsunterricht nicht nur auf die Fünf Bücher Mose beschränkt hat, sondern ich auch jüdische Geschichte gelernt habe. Insofern weiß ich, dass die Geschichte der Juden in diesem Land über die Jahrhunderte nicht immer nur eine glückliche war. Ich kenne ebenfalls die schmerzhaften Brüche in der Kölner Stadtgeschichte. Auch wenn man das nicht vergessen kann und darf, glaube ich, dass es vor allem für Nichtjuden wichtig ist, einmal zu erfahren, was es mit diesem christlich-jüdischen Fundament auf sich hat. Und manche sagen, ich müsse nicht immer an die schlechten Zeiten erinnern, sondern könne in diesem Fall wirklich einmal die positiven Seiten herausstellen. Wie positiv die jüdische Gemeinschaft damals gewirkt hat, was sie alles zur Gesellschaft beigetragen hat, das haben viele nicht gelernt. Das wollen wir in diesem Jahr zeigen. Und wir wollen auch erreichen, dass mehr Menschen von der Religion und Kultur des Judentums erfahren.

Der Verein will alle gesellschaftlichen Gruppen und Institutionen in Deutschland bitten, sich an einem solchen Gedenkjahr zu beteiligen und sich in vielen Veranstaltungen mit jüdischem Leben in Deutschland zu befassen. Stößt das auf offene Ohren?
Bislang haben Vertreter des Zentralkomitees der Katholiken, der Evangelischen Kirche Deutschlands und muslimischer Gemeinden in Köln ihre Bereitschaft erklärt mitzumachen. Wir haben unsere Fühler auch schon in Richtung Arbeitgeberverband und Gewerkschaftsbund ausgestreckt. Ebenso sind die Wohlfahrtsverbände informiert. Mit weiteren Gruppen sind wir im Gespräch.

Wie viele Mitglieder haben Sie?
Wir haben das Mindestquorum der sieben Gründungsmitglieder bereits erheblich erweitert. Nach ersten Geldzuwendungen konnten wir auch einen Mitarbeiter gewinnen, der das Projekt noch bekannter machen wird.

Aber mit diesem kleinen Team machen Sie nicht alles selbst?
Wir haben von vornherein gesagt, dass wir nicht bei allem Regie führen wollen und können. Der Verein versteht sich als Portal für Interessierte sowie als Plattform für alle, die aktiv einen Beitrag zum Festjahr 2021 leisten möchten. Wir wollen darüber informiert sein, wo das Logo auftauchen wird, welche Events und Veranstalter wir mit ins Jahresprogramm aufnehmen.

Die »NZZ« hat gemeldet, das Jubiläumsjahr solle mit einer bleibenden Hinterlassenschaft gekrönt werden: der Eröffnung des Museums zur jüdischen Geschichte Kölns. Ist das realistisch?
Unsere Oberbürgermeisterin Henriette Reker hat angekündigt, dass die jüdische Geschichte Kölns wieder dorthin kommt, wo sie hingehört, nämlich in die Mitte unserer Stadt. Der letzte offiziell verkündete Termin dafür war Ende 2020. Ich bin mir sicher, dass es möglich sein wird, das aufs Jubiläumsjahr zu verlegen.

Kommt dann auch das Edikt des römischen Kaisers Konstantin des Großen aus dem Jahr 321 wieder nach Köln?
Das Original befindet sich im Vatikan. Wir haben in Köln nur eine Kopie. Aber zum Jubiläum erwarten wir das 1700 Jahre alte Dokument schon für einige Zeit bei uns. Dann können wir auch allen Zweiflern, die meinen, Köln sei gar nicht die älteste jüdische Gemeinde Europas nördlich der Alpen, schwarz auf weiß das Gegenteil beweisen. Wir in Köln vergleichen uns nicht mit Rom oder Mailand. Es kann durchaus sein, dass auch in Mainz oder Düsseldorf schon früher Juden gelebt haben. Aber wir sind eben die Einzigen, die diese 1700-jährige jüdische Geschichte urkundlich belegen können. Und das feiern wir im Jahr 2021!

Mit Abraham Lehrer, Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln, Vorstandsvorsitzender der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden und Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland sprach Detlef David Kauschke.

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