Essay

Das höchste Ziel

Die Frankfurter Autorin Barbara Bišický-Ehrlich Foto: Katia Klapproth

Essay

Das höchste Ziel

Was heißt es eigentlich, ein Mensch zu sein? Was, einer zu bleiben? Überlegungen zu einem Begriff, der das jüdische Denken in besonderer Weise prägt

von Barbara Bišický-Ehrlich  04.05.2025 10:58 Uhr

Ich wäre gern eine Sonnenblume. Eine Sonnenblume, die friedlich Seite an Seite mit ihren Artgenossen lebt, sich immer dem Licht zuwendet, ihre Schönheit und ihre Frucht der Allgemeinheit schenkt, um am Ende ihres Lebens dankbar und zufrieden ihren schweren Kopf zu senken … Eine Vorstellung, bei der ich tief durchatme.

Ich gehöre aber einer anderen Gattung an. Dieser grauenvollen Spezies Mensch, die ihre Artgenossen verachtet, missbraucht und bekriegt.
Dabei soll das Menschsein doch etwas so Erstrebenswertes, das höchste Maß göttlicher Schöpfung sein. So heißt es: »Sei ein Mensch!« Ein wunderbarer Satz, der moralische und ethische Reinheit von uns fordert. Der impliziert, dass ein Mensch zu sein, etwas Gutes, etwas Erhabenes sei. Fast wie ein Märchenwesen, das am Ende, weil es so gut und anständig gehandelt hat, natürlich gegen das Böse gewinnt und bis ans Ende aller Tage glücklich sein wird.

Die moralisch höchste Stufe unseres Seins

Ein Mensch zu sein, so scheint es, ist die moralisch höchste Stufe unseres Seins. Daran glauben wir insbesondere dann, wenn den Satz »Sei ein Mensch« diejenigen aussprechen, die das schlimmste aller menschlichen Abgründe gesehen, am eigenen Leib erfahren, es überlebt haben und dennoch auf der Seite des Guten geblieben sind.

Schoa-Überlebende, die keinen Groll gegen ihre Peiniger hegen – Menschen, die nicht neiden, nicht hassen, nicht verachten, nicht nachtragen, nicht vorwerfen, sondern verzeihen und trotz allem weiterleben können. Das sind offenbar die wahren Menschen.

Übermenschliche Menschen. Aber was bin dann ich? Ich, die ich nicht so frei von »Schlechtem« bin? Mich bei moralisch niederen Gedanken, Wünschen oder gar unehrenhaften Taten ertappe? Bin ich vielleicht erst auf dem Weg zum sogenannten Menschsein? Befinde ich mich, mit vielen anderen, auf einer Art Vorstufe? Gilt bei uns vielleicht die kabbalistische Idee, dass unsere Seelen so oft wiedergeboren werden, bis wir die höchste Stufe der Menschlichkeit erklommen und eigene Fehler wiedergutgemacht haben?

Wir lachten und weinten gleichzeitig. Wie so oft in jüdischen Leben.

Nach dem viel zu frühen Tod meines Vaters versuchte ich, meine Mutter, meinen Bruder und mich mit dem Gedanken zu trösten, dass er schon alle Stufen des Guten erklommen, seine Aufgaben erfüllt habe und deshalb so jung habe gehen müssen. Meine Mutter antwortete darauf in Tränen zynisch: »Na, dann habe ich noch viele Jahre und einige Leben vor mir.« Wir lachten und weinten gleichzeitig. Wie so oft in jüdischen Leben.

»Sei ein Mensch« – Ist das wirklich das höchste Ziel? Oder rennen wir einem Ideal hinterher, das uns Hoffnung schenken und ablenken soll von dem Abschaum derer, die auch zur menschlichen Spezies gehören? Denjenigen, denen ich die sechs Buchstaben nicht zuordnen, von denen ich mich distanzieren und ihnen zurufen möchte: »Ich bin keine von euch! Ihr seid Monster! Dreck! Ungeheuer! Bestien!« Wenn ich von Menschen höre, die ausgrenzen, verachten, schlagen, quälen, misshandeln, vergewaltigen, morden, entmenschlichen, ihren wehrlosen Mitmenschen Unaussprechliches antun, dann möchte ich nicht dazugehören.

Ein verglühender Funke Hoffnung auf Veränderung

Wieso ist es erstrebenswert, ein Mensch zu sein, wenn kein anderes Lebewesen so niederträchtig, so abgrundtief schlecht ist, wie das, zu dem ich gehöre? »Sei ein Mensch!« ist ein hilfloser Ruf, ein verglühender Funke Hoffnung auf Veränderung, ein unhörbarer Apell weniger an so unendlich viele.

Ich wäre gern eine Sonnenblume, die sich nicht rechtfertigen, verteidigen oder verstecken muss. Die ihr Leben lang ihren Blick zur Sonne richtet und niemals Furcht vor ihren Nachbarn hat. Wäre das nicht so viel schöner?
Doch dann könnte ich nur vom Feld oder einer Vase aus diejenigen beobachten, die hoffen und ans Menschsein appellieren. Könnte nur zusehen, wie sie sich umarmen, trösten, gegenseitig helfen, Verantwortung für Schwächere übernehmen, sie verteidigen, mit ihnen teilen, fühlen, miteinander lachen, sich lieben oder gemeinsam Sonnenblumen gießen.

»Sei ein Mensch!« heißt offenbar, nie die Hoffnung zu verlieren, stets an das Gute zu glauben und niemals sein Herz zu verschließen. Ganz so, wie die Bedeutung des Wortes »Mentsch« im Jiddischen, die mir meine Oma bis zu ihrem Tod vorgelebt hat: Güte, Respekt, Empathie, Hilfsbereitschaft und Aufrichtigkeit. Ich schätze, auch ich habe noch einige Leben vor mir … und die möchte ich nutzen.

Die Autorin lebt in Frankfurt am Main. Zuletzt erschien von ihr »Der Rabbiner ohne Schuh. Kuriositäten aus meinem fast koscheren Leben«.

Sport

Maccabiah Chai!

170 Athletinnen und Athleten sind in Israel beim größten jüdischen Sportevent – Wir stellen Ihnen sechs vor

von Katrin Richter, Helmut Kuhn  01.07.2026

Sachsen-Anhalt

»Eine offene Tür ist unsere Antwort«

Landesverbands-Geschäftsführerin Rimma Fil über wachsenden Antisemitismus, Sorgen vor der Landtagswahl und den festen Willen der jüdischen Gemeinden, sichtbar zu bleiben

von Christine Schmitt  01.07.2026

Verlegung

Magdeburg erhält 900. Stolperstein

Seit 2007 wird in Magdeburg mit Stolpersteinen an Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Die nunmehr 47. Verlegung wurde auf zwei Tage verteilt

 01.07.2026

Kommentar

»Eigentlich habe ich noch nie mit einem Juden gesprochen«

Als Antisemitismusbeauftragter jüdisch zu sein ist kein Manko. Im Gegenteil: Es braucht an deutschen Universitäten mehr jüdische Beauftragte

von Guy Katz  30.06.2026

Meinung

Maccabiah ist gelebte Selbstbehauptung

Gerade jetzt ist es für jüdische Sportlerinnen und Sportler wichtig, in Israel Kraft zu tanken. Es geht nicht nur um Sport, sondern auch um Selbstbehauptung und ein tieferes Verständnis für das Land

von Alon Meyer  30.06.2026

Aufruf

Jüdische Hochschullehrer fordern besseren Schutz gegen Antisemitismus

Hochschulen können ihre jüdischen Studierenden und Lehrenden nicht ausreichend gegen Antisemitismus schützen. Das NJH will das ändern und fordert unter anderem die Möglichkeit zur Exmatrikulation von Störern

 30.06.2026

Forschung

Historiker Gerber: Erinnerung an Holocaust verschwindet

Der Leipziger Historiker Jan Gerber wendet sich gegen ein kontinuierliches Verschwinden der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Schoa. Der Tod der letzten Zeitzeugen ist für ihn dabei nicht entscheidend

von Volker Hasenauer  29.06.2026

Festival

Trotz Rekordhitze: Tausende Gäste bei Jüdischer Woche in Leipzig

Trotz der sommerlichen Hitze und damit verbundener Programmänderungen seien die Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet auf großen Zuspruch gestoßen

 29.06.2026

Erinnerung

Kunst mit Haltung

Das musikalisch-szenische Projekt »Und dennoch morgen« der Europäischen Janusz Korczak Akademie feierte im Gasteig Premiere

von Ellen Presser  28.06.2026