JFBB

Das Ende einer Ära

Festival-Gründerin Nicola Galliner Foto: Uwe Steinert

Nur selten sind Filmfestivals so sehr mit einer Person verbunden wie das Jüdische Filmfestival Berlin & Brandenburg (JFBB) mit Nicola Galliner. Sie stand für dieses Festival, das sie vor 26 Jahren gründete, ihre leidenschaftliche, unbestechliche und unerschrockene Persönlichkeit prägte seine Atmosphäre und seine Ausstrahlung.

2021 wird es dieses erste und größte jüdische Filmfestival Deutschlands so nicht mehr geben. Die langjährige Festivalleiterin stellt es ab diesem Jahr unter das organisatorische Dach des Cottbuser Festivals des Osteuropäischen Films, zu dem sie schon lange gute Beziehungen hat.

Da ich fast von Beginn an für das JFBB als Moderator arbeiten durfte, verdanke ich Nicola Galliner unendlich viel. Erst mit ihr und ihrer breiten, völlig undogmatischen Filmauswahl, durch die vielen wunderbaren Begegnungen mit den Filmemacherinnen und Filmemachern und den Protagonisten der Filme in Berlin habe ich überhaupt verstanden, was Jüdischsein heute bedeutet, welche Vielfalt jüdischen Lebens es gibt, welche Kompliziertheit und Buntheit. Und ich lernte durch sie das erstaunliche israelische Kino der Gegenwart kennen und schätzen, das besonders wichtige Beiträge zu diesem internationalen Festival lieferte.

PERSPEKTIVEN Darum ging es dem Festival unter ihrer Leitung immer: Vorurteile abzubauen, Brücken zu schlagen, andere Standpunkte zuzulassen und auszuhalten. Unbeirrt bezog sie auch arabische Perspektiven ein, zeigte Palästinenser als Nachbarn, glaubte immer an die Überzeugungskraft von Filmen für die Verständigung.

Es war wirklich eine Schule der Demokratie, jenseits eingefahrener Betroffenheitsrituale, frisch, lebendig und manchmal herrlich provokativ.

Mit ihrem stets unabhängigen Festival verteidigte sie die Werte des offenen Dialogs. Es war wirklich eine Schule der Demokratie, jenseits eingefahrener Betroffenheitsrituale, frisch, lebendig und manchmal herrlich provokativ. Ohne ihre Beharrlichkeit gäbe es diese jüdischen Filmtage längst nicht mehr. Dabei war der in London geborenen Tochter emigrierter Berliner Juden die Herkunft der Regisseurinnen und Regisseure, der Schauspielerinnen und Schauspieler herzlich egal, solange nur die Thematik in ihr Festival passte.

Nicola Galliner hat das Filmfestival nach dem Vorbild des Jüdischen Filmfestivals San Francisco 1995 als Forum für den jüdischen und israelischen Film in Deutschland gegründet. Damals umfasste das Programm acht Filme, heute sind es bis zu 50, die in Kinos und anderen Spielorten in Berlin und Brandenburg gezeigt werden. 2018 wurde sie dafür mit dem Verdienstorden des Landes Brandenburg ausgezeichnet.

HYBRID Wie habe ich diese Gespräche über ihr Programm geliebt, ihre warmherzigen Lobpreisungen jedes einzelnen Kurzfilms, ihre Freude an der Entdeckung. Auch wenn sie der wachsende Antisemitismus und sich offen austobende Rechtsradikalismus fassungslos machten, verlor sie ihren Optimismus und ihren Glauben an die heilende Wirkung von Kultur und Wissen nicht, gewann sie auch ihrer hybriden letzten Festival-Ausgabe im September 2020 noch etwas Positives ab. Nun konnte man ihre Filme online in ganz Deutschland sehen, auch in kleinen Städten ohne Arthouse-Kinos.

Im Dezember würdigte Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) das Festival aus Anlass von Nicola Galliners 70. Geburtstag als »Erfolgsgeschichte«. Ein Jüdisches Filmfestival nach ihrer Ära scheint nur schwer vorstellbar. Das Cottbuser Festival des Osteuropäischen Films hat nun ein großes Erbe und ein wertvolles Geschenk erhalten – in dessen Pflege Nicola Galliner sich hoffentlich weiter einmischt.
Knut Elstermann

Der Autor ist Filmkritiker, Autor des Buches »Gerdas Schweigen. Die Geschichte einer Überlebenden« und war regelmäßig Moderator beim Jüdischen Filmfestival Berlin & Brandenburg (JFBB).

Brandenburg

An einem Mittwoch in Cottbus

Was geschieht an einem ganz normalen Tag in einer jüdischen Gemeinde? Wir waren vor Ort und begegneten Menschen zwischen Chorproben und Amtsterminen

von Leon Stork  16.08.2026

München

Für die junge Generation

Künftig wird Rabbiner Elie Dues als Jugendrabbiner die religiöse Arbeit der Israelitischen Kultusgemeinde unterstützen

von Luis Gruhler  16.08.2026

Porträt der Woche

»Mein Glück war Alfred«

John Günther ist Künstler, religiös und lebte 62 Jahre mit seinem Mann zusammen

von Heike Linde-Lembke  16.08.2026

Leipzig

Ausstellung mit Fotografien von NS-Deportationen

Mehrere Hunderttausend Menschen wurden in der NS-Zeit aus dem Deutschen Reich deportiert. Ein Forschungsprojekt sichert seit Jahren fotografische Dokumente. Einige zeigt jetzt das Leipziger Ariowitsch-Haus

 13.08.2026

Sachsen-Anhalt

Polizeirabbiner vor der Wahl: Erstarken der AfD bereitet Sorgen         

Mehr Begegnung zwischen Juden und Nicht-Juden - das wünschen sich Deutschlands Polizeirabbiner. Sie bilden Polizeianwärter hierzulande fort und vermitteln jüdische Kultur. Seit fünf Jahren gibt es sie

von Nina Schmedding  13.08.2026

Ferien

Spiel, Spaß, Werte

Gerade beginnt der dritte Turnus der ZWST-Machanot. Bildungsreferentin Liya Cinciper über Heimweh, Handyzeiten und Kühlung bei Hitze

von Helmut Kuhn  13.08.2026

Hitze

Kühl beten, kühl bleiben

Gemeinden und jüdische Einrichtungen bekommen die hohen Temperaturen sehr zu spüren. Einige behelfen sich mit kalten Tüchern, manche mit Ventilatoren, andere haben Klimaanlagen

von Katrin Richter  13.08.2026

Programm

Summer Open Airs in Frankfurt und Hannover, und ein Rendezvous für Hercule Poirot - mit einer Leiche

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 13. August bis zum 20. August

 12.08.2026

Wiesbaden

Hessen verlängert Staatsvertrag mit jüdischen Gemeinden

Die Zahlungen an jüdische Gemeinden steigen schrittweise

 12.08.2026