Porträt der Woche

»Da wollte ich immer hin«

Gillad Osterer ist Medienwirt und gewann 2017 den Deutschen Fernsehpreis

von Katrin Diehl  16.10.2017 21:14 Uhr

»Meine Frau lernte ich bei einer Party kennen, zu der ich eigentlich gar nicht eingeladen war«: Gillad Osterer (43) lebt in München. Foto: Christian Rudnik

Gillad Osterer ist Medienwirt und gewann 2017 den Deutschen Fernsehpreis

von Katrin Diehl  16.10.2017 21:14 Uhr

Man kann es nicht anders sagen: 2017 hat für uns mit dem Deutschen Fernsehpreis und dem Grimme‐Preis so richtig gut angefangen. Das wirklich Bemerkenswerte an der Sache ist, dass an beiden prämierten Formaten – Applaus und Raus von Pro7 und Das Lachen der Anderen vom WDR – Oliver Polak, mit dem wir zum ersten Mal zusammengearbeitet haben, maßgeblich beteiligt ist.

Das hat natürlich Folgen. Denn der Mann polarisiert, und gerade Applaus und Raus bleibt – Preis hin oder her – im Feuer der Kritik. Oliver Polak sitzt da in einem Berliner Club und empfängt Überraschungsgäste. Langweilen oder nerven die ihn, haut er auf einen Buzzer, was bedeutet, dass der Gast auf der Stelle zu gehen hat – vielleicht nicht gerade die freundlichste Art, dafür aber sehr unterhaltsam.

Zwei Juroren aus der Grimme‐Preis‐Jury ist Applaus und Raus dermaßen gegen den Strich gegangen, dass sie die Entscheidung, die Sendung zu prämieren, nicht mittragen wollten. Den Preis haben wir trotzdem bekommen. Und das macht natürlich Laune.

Gegründet haben wir, mein Kompagnon Uwe von Grafenstein und ich, unsere TV‐Produktionsfirma SEO Entertainment im Jahr 2008, und zwar in München, genauer gesagt in Unterföhring, der »heimlichen Medienhauptstadt Deutschlands«, die Dependance in Berlin‐Kreuzberg nicht zu vergessen.

jiddisch Viele fragen, was diese drei Buchstaben eigentlich zu bedeuten haben, und da muss ich dann immer ein bisschen ausholen. Ursprünglich waren das ganz simpel die Anfangsbuchstaben der Nachnamen der drei Gründungsmitglieder.

Von denen ist der eine nicht mehr dabei, der andere hat den Namen seiner Frau angenommen. Nur das O für Osterer hat Beständigkeit gezeigt. Trotzdem haben wir es bei SEO belassen, zumal ich zufällig aus einer Fernsehsendung über Redensarten und Sprichworte erfahren habe, dass »unter aller Sau« überhaupt nichts mit der Sau zu tun hat, sondern dass es aus dem Jiddischen kommt von dem Wort »seo«, was in etwa »Maßstab« bedeutet. Na bitte, passt doch, habe ich gedacht: SEO, eine Firma, die Maßstäbe setzt.

kindheit Da, wo ich heute bin, wollte ich eigentlich schon immer hin. Ich wollte Fernsehen machen, seit ich denken kann. Geboren wurde ich 1974 in der Medienstadt Köln. Schon als Kind interessierten mich die verschiedenen Sender. Ich kannte die Programme, und besonders angetan hatten es mir die Unterhaltungsshows.

Fürs Schulpraktikum bin ich zur Deutschen Welle gegangen. Aber dann, nach dem Abitur, stand ich erst einmal ohne Idee da. Die Studiengänge Fernsehen oder Medien gab es ja noch nicht. Also ab nach Berlin, ein bisschen BWL studieren. Erfüllt hat mich das allerdings nicht, und wer weiß, wie es mit mir weitergegangen wäre, hätte ich nicht eines Tages eine Freundin aus Machane‐Tagen getroffen, die mir gesagt hat, dass es in Hamburg eine Medienakademie gibt. Ich war gerettet! Außerdem lockte mich ein Medien‐Workshop in Köln. Kann nicht schaden, sagte ich mir, und war mit 60 anderen Nachwuchsbegeisterten mit von der Partie.

Und das war wirklich toll, weil da am Ende sämtliche Chefs der damaligen großen Sendeanstalten erschienen sind und wir denen unsere erarbeiteten Fernsehkonzepte vorstellen durften. Ich beeindruckte wohl vor allem durch mein Showtalent, weshalb mich gleich drei von denen haben wollten. Ich entschied mich für MTV. Der Sender war damals ganz neu und hatte seinen Sitz in Hamburg, wo ich ja ohnehin fürs Studium hinwollte. Kaum angekommen, hieß es: »Am Samstag bist du in Bremen, im Weserstadion, weil da Michael Jackson ist.« Wow, habe ich gedacht, hier bin ich richtig. Ich hatte endgültig Feuer gefangen.

söhne »Der hängt mit den Superstars ab«, hat mein einer Sohn – der, der schon zur Schule geht – seiner Lehrerin mit strahlendem Gesicht geantwortet, als die vor Kurzem von ihm wissen wollte, was sein Papa denn so mache. Bei Gelegenheit sollte ich ihm vielleicht einmal erklären, dass das so nicht ganz stimmt. Dass zu meinem Arbeitsleben auch Stunden am Schreibtisch gehören, die nicht sonderlich spannend sind. Ich sitze dann eben im Büro und jongliere mit Zahlen. Kalkulieren gehört einfach mit dazu, wenn die Geschäfte laufen sollen.

Was bei meinen Jungs hängen bleibt, sind natürlich eher die Glamourgeschichten. Und es macht mir ja auch großen Spaß, sie ab und zu mitzunehmen, wenn ich mit Leuten drehe, die sie toll finden, Sportlern, Musikern, Schauspielern.

Die zwei sind acht und fünf Jahre alt. Der eine geht in die jüdische Schule, der andere in den jüdischen Kindergarten. Ich bringe sie jeden Tag zum Münchner Jakobsplatz – mit dem Ergebnis, dass die beiden ihre Eltern, was die Jüdischkeit anbelangt, auf Trab halten. Sie fordern das, was sie in der Schule und im Kindergarten lernen, auch ein, und das ist in Ordnung so. Wir feiern zusammen Schabbat, an den Feiertagen gehen wir zusammen in die Synagoge – ziemlich ähnlich, wie das auch schon in meiner Kindheit gehandhabt worden ist.

verbindung Allerdings waren beim Synagogenbesuch immer nur mein jüngerer Bruder und mein Vater mit dabei, weil meine Mutter meinte, sie sei schon in Israel nicht in die Synagoge gegangen, wieso sollte sie das dann jetzt in Deutschland anfangen? Sowohl mein Vater als auch meine Mutter kamen aus Israel nach Deutschland – mein Vater in den 60er‐Jahren, um Informatik zu studieren, meine Mutter ein paar Jahre später. Dahinter steckten zwei Elternpaare: Sie hatten meine Mutter geschickt, um sich diesen netten jungen Informatikstudenten in Köln doch einmal näher anzusehen. Das Arrangement hat funktioniert.

Was in unserer Familie schon immer eine große Rolle gespielt hat, war der Sport. Und das nicht nur, weil mein Vater Gideon über viele Jahre Präsident von Makkabi Deutschland gewesen ist. In den 80er‐Jahren gehörte es zum Beispiel zu unserer festen jüdischen Tradition, uns am Freitagabend auf Video das letzte Europaspiel des Basketballvereins Makkabi Tel Aviv anzusehen. Die hatten ihre Spiele immer donnerstags, und Freunde, die bei einer Charterfluglinie arbeiteten, haben uns regelmäßig am Freitagmorgen die Kassette mit dem Spiel zukommen lassen. Das war wie eine Verbindung nach Israel, dem Land, in dem unsere komplette Verwandtschaft lebte und in dem wir regelmäßig unsere ganzen Sommerferien verbrachten.

Bis heute reise ich oft mit meiner Frau und den beiden Jungs nach Israel. Und jedes Mal, wenn ich aus dem Flieger steige, spüre ich ein Grinsen auf meinem Gesicht. Deutschland ist meine Heimat. Israel gehört mein Herz. Was vielleicht auch einfach daran liegt, dass dort das Wetter besser ist. Außerdem habe ich in Israel meine jetzige Frau kennengelernt, eine Jüdin aus Frankfurt. Und zwar bei einer Bachelor‐Party, zu der ich eigentlich gar nicht eingeladen war.

ideen Nach ein paar Jahren als freiberuflicher Medienwirt in Köln brachte mich ein Jobangebot der Kirch‐Gruppe nach München, wo wir bis heute geblieben sind. Später wechselte ich noch zur G.A.T., der Münchner Firma der beiden Show‐Produzenten Gil Bachrach und Tubi Neustadt, und irgendwann fand ich es dann an der Zeit, mich selbstständig zu machen.

Meine große Leidenschaft für Sport ist mir geblieben, und sie scheint sich auch auf meine Kinder übertragen zu haben. Bei Makkabi draußen wird gekickt, und ich betreue die Mannschaft meines Ältesten und glaube, dass er das gut findet.

Irgendwann wird er sicher auch verstehen, was es eigentlich ist, was meinen Beruf cool sein lässt. Dass man nämlich überall nach Ideen suchen, überall Ideen kriegen kann, dass sie einen einfach so überfallen können und man dann ganz aufgeregt ist. Und dass man in diesem Beruf die Kreativität und das Kaufmännische so genial zusammenbringen kann. Preise gibt es natürlich auch ab und zu. Dagegen ist ja auch nichts einzuwenden.

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