Essen

Challa, Suppe – und was noch?

Foto: KI via ClaWi

Die jüdische Küche ist vielfältig und eng mit Erinnerungen verbunden. Familien­rezepte erzählen von Herkunft und Kindheit, von Großeltern und von Orten, die zum Teil weit entfernt liegen. Andere Gerichte werden erst im Laufe des Lebens zu einer eigenen Tradition und damit zu einem Stück Familiengeschichte.

Rote-Bete-Salat
»Ich bin während der Woche beruflich viel unterwegs, deswegen freue ich mich immer, wenn ich freitags ganz entspannt mit meiner Frau zu Hause am Tisch sitze und wir uns etwas Schönes zum Schabbat gekocht haben. Wir gehen nicht in die Synagoge und sind auch nicht in einer Gemeinde, aber machen diesen Abend für uns beide oder auch einmal mit Freunden gemütlich. Wir haben Challot, ab und an eine Suppe – im Herbst vor allem –, und dann gibt es noch einen tollen Rote-Bete-Salat, ein Rezept aus der russisch-jüdischen Familie meiner Frau. Mit gehackten Walnüssen, Zitronensaft, ein bisschen Koriander. Der passt zu vielen Dingen, die es bei uns an Schabbat gibt: zu Fisch, zu Hühnchen – oder einfach nur, um ein Stück Challa darin einzutunken. Spätestens dann beginnt für mich der Schabbat.

Wenn es allerdings einmal richtig schnell gehen muss, dann haben wir auch schon mal etwas bestellt, aber das passiert nur selten. Was wir allerdings immer da haben, sind Challa und Linsensuppe, denn einmal im Monat backen wir und frieren die Challot ein beziehungsweise kochen Linsensuppe – ein Rezept mit Essig von meiner Großmutter, die aus Rumänien kam.«
Ben, Potsdam

Rugelach
»Bei uns zu Hause stehen die Challot natürlich im Mittelpunkt, aber der heimliche Star sind Oma Idits Rugelach. Meine Großmutter ist schon zehn Jahre tot, aber durch ihr Rezept erinnern wir uns immer an sie.

Ehrlicherweise bekommt keiner von uns Geschwistern den Teig so hin wie Oma, obwohl wir uns strikt ans Rezept halten. Vielleicht ist es die Leidenschaft, die sie fürs Kochen und Backen mitbrachte? Ich weiß es nicht. Sie war ursprünglich aus Ungarn und schwärmte bis ins hohe Alter von der ungarisch-jüdischen Küche. Auch wenn wir nicht immer alles mochten. Rindergulasch zum Beispiel, das fand ich als Kind nicht wirklich gut.

Meine beiden Brüder und ich versuchen, bei den Füllungen der Rugelach etwas zu variieren. Ich mag sie auch mit ein wenig Orangenmarmelade, mein älterer Bruder schwört auf das Original mit Kakao. Mein jüngerer Bruder hat neulich, als alle aus der Familie zu einem der seltenen Schabbat-Essen zusammenkamen, einmal herzhafte Rugelach probiert. Es gab eine kleine Diskussion, aber zum Glück hatten wir noch einen großen Teller voller traditioneller Rugelach nach Omas Rezept. Als ich am Ende des Essens einen aß, war er beinahe wieder da, der Geschmack von Oma Idits Rugelach.«
Lea, bei Bremen

Marokkanischer Fisch
»Für mich gehört zum Schabbat-Essen scharfer Fisch. Das Gericht hat seinen Ursprung in Nordafrika, in Marokko oder in Tunesien. Meine Mutter hat das allerdings nie gekocht.

Bei der Armee gab es das oft in den Kasernen. Und seitdem – seit über 20 Jahren – ist dieses Gericht für mich eine kleine Tradition. Es ist ein super Essen zum Auftakt des Schabbats, vor allem, wenn wir frische Challa haben. Einen besonderen Fisch dafür nehme ich nicht, es eignet sich fast jede Art – Hauptsache, es gibt eine rote scharfe Soße dazu.«
Omri, Berlin

Ghormeh Sabzi
»Schabbat beginnt für mich lange bevor die Kerzen brennen. Mit einem Duft, der sich langsam durch die Wohnung zieht, mit dem Klappern von Töpfen, mit Erinnerungen an andere Küchen, andere Städte und Menschen, die vielleicht längst nicht mehr mit am Tisch sitzen. Gerade in säkularen jüdischen Familien ist Erew Schabbat oft dieser eine Abend, an dem die Familie wieder Familie wird. Da sind die Challot, weich und duftend, der fast unanständig süße Kiddusch-Wein und viele kleine Salate. Und natürlich Fisch. Das hebräische Wort dafür, ›Dag‹, hat sogar eine schöne Verbindung zum Schabbat: Dalet, der erste Buchstabe, hat den Zahlenwert vier; und Gimel, der zweite, steht für die Zahl drei. Ergibt zusammen sieben, wie der siebte Tag.

Weil ich seit meiner Kindheit eine beinahe ehrfürchtige Angst vor Gräten habe, gibt es bei mir Lachsfilet, koscher, unkompliziert und jedes Mal ein wenig anders: mit Safran, Zitrone, Kräutern oder persischen Gewürzen. Dann kommt der Geschmack meiner persisch-jüdischen Erinnerungen: Gondi. Zarte Klößchen aus Hühnerfleisch und Kichererbsenmehl, die in goldener Brühe schwimmen.

Und schließlich Ghormeh Sabzi: dunkelgrün, langsam gekocht, mit Kräutern, Bohnen, Fleisch und getrockneten Limetten. Ein Gericht, das nicht nur gekocht, sondern geduldig erwartet wird. Dazu persischer Reis. Ein großer Topf reicht für Lachs und Ghormeh Sabzi zugleich. Vielleicht ist das für mich das Schönste am Schabbat: Viele Geschmäcker, viele Geschichten, viele Generationen – und für ein paar Stunden gehören sie alle wieder an einen Tisch.«
Armin, Hamburg

Salate
»Bei uns gehören vor allem die vielen Salate zum Schabbat-Essen. Sie stehen von Anfang an auf dem Tisch und bleiben eigentlich während der ganzen Mahlzeit dort. Zur Challa gibt es bei uns meistens Matbucha, Hummus, Tahina, eingelegtes Gemüse, Oliven und einen klein geschnittenen israelischen Salat. Im Sommer essen wir als Vorspeise sehr gern eine kalte Joghurtsuppe, im Winter dagegen oft eine Süßkartoffelsuppe mit Croutons. Beim Hauptgericht und beim Nachtisch wechseln wir eigentlich immer ab – da gibt es bei uns keine feste Schabbat-Tradition. Aber ein Schabbat-Tisch ohne die vielen kleinen Salate wäre für uns irgendwie kein richtiger Schabbat-Tisch.«
Eliya, Frankfurt/Main

Molokhia
»Wenn ich mit meiner ganzen Großfami­lie zusammen bin, bereite ich unsere Lieblingssuppe aus Ägypten zu. Sie heißt ›Molokhia‹ und wird aus Molokhia-Blättern gemacht. Diese Suppe ist intensiv grün – und ein bisschen schleimig. Sie wird mit Hühnchen zubereitet und kann mit Challa oder Reis gegessen werden. Ein weiterer Favorit ist ›Fassulya‹ – weiße Bohnen in Tomatensoße, mit oder ohne Rindfleischstücke. Auch dazu gibt es Reis.«
Yasmine, Berlin

Edamame und Tahini
»Schabbat ist für mich eine Zeit zum Entspannen und Genießen, und genau das darf sich auch in meinen Mahlzeiten widerspiegeln. Da ich die Feier des Schabbats nach zwei Generationen wieder neu aufgenommen habe, freue ich mich besonders darüber, eigene kleine Traditionen zu entwickeln. Inspiriert von meiner Zeit in Asien, die mich sehr geprägt hat, darf dabei mein ›Red Cabbage Salad‹ als Mahlzeit inzwischen nicht mehr fehlen. Der Salat ist nicht nur unglaublich lecker, sondern dank vorgeschnittenem Gemüse aus dem Supermarkt auch schnell und unkompliziert zubereitet (was als alleinlebende Person, die viel arbeitet, nicht unerheblich ist): Rotkohl, Karotten, Gurke, Edamame und Paprika, dazu ein cremiges Tahini-Dressing und ein paar Erdnüsse als Topping. Geschmacklich und auch von den Nährstoffen her ist er für mich der perfekte Schabbat-Salat, der viele schöne Erinnerungen hervorruft. Mittlerweile mache ich ihn auch, wenn ich bei meiner Familie bin oder Freunde vorbeikommen und freue mich, diese kleine Tradition anzufangen.«
Lisa, Berlin

Aufgezeichnet und zusammengestellt von Katrin Richter

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