Kitas

Bürokratie gegen Kinder

Kunst im Kindergarten: Bevor die Kleinen malen dürfen, vergehen oft Jahre. Foto: Fotolia

Es hatte alles so gut angefangen. Die jüdische Drei-Städte-Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen war froh, als sie 2009 nach zehnjähriger Vorbereitung endlich ihren Kindergarten eröffnen konnte. »Das ist eine der wichtigsten Einrichtungen für die jüdische Erziehung von Kindern überhaupt«, freute sich der damalige Gemeindevorsitzende Jacques Marx über die Vollendung seines Lebenswerks. Und es bedeutete sichtbaren jüdischen Nachwuchs in Deutschland.

Die Euphorie setzte sich fort. Die Eltern standen bald Schlange, um ihr Kind hier betreuen zu lassen. 35 Plätze waren nicht mehr genug. Die Gemeinde wollte aufstocken. Die Pläne waren schon fertig. 15 neue Plätze für Kinder unter drei Jahren sollten geschaffen werden, was auch einen Zuschuss von rund 300.000 Euro bedeutet hätte.

Geld, das man in Duisburg dringend benötigt, hatte die Gemeinde doch 2010 das Kindergartengebäude gekauft, um nicht weiter Miete zahlen zu müssen. Doch dadurch fiel der Mietzuschuss weg.

Defizit Der Kindergarten sorgt ohnehin schon für ein fünfstelliges Defizit in der Gemeindekasse. Ein großer Teil davon sind die Lohnkosten des Sicherheitsmitarbeiters. »Ob wir nun zwei oder vier Gruppen hätten, wir würden so oder so einen Si-
cherheitsmitarbeiter benötigen«, sagt Patrick Marx vom Gemeindevorstand. »Deshalb dachten wir, dass sich ein Ausbau lohnen würde.«

Doch dann tat sich ein weiteres Problem in Form des »KiBiz« auf. Das Kinderbildungsgesetz regelt seit 2008, in welchen Gruppenformen Kinder in nordrhein-westfälischen Tageseinrichtungen betreut werden. Sind Kinder jünger als drei Jahre, benötigen sie einen anderen Betreuungsaufwand als ihre älteren Spielkameraden über drei Jahre. Entsprechend werden auch Finanzierung, Personalaufwand und Betreuungsstunden berechnet und Zuschüsse gewährt.

Die Duisburger Gemeinde rückte schließlich gänzlich von ihrem Vorhaben ab, neue U3-Plätze einzurichten. »Die Zuschüsse hätten lediglich 120.000 Euro betragen. Der Ausbau hätte uns aber rund eine halbe Million gekostet«, sagt Patrick Marx. Ein größeres Defizit habe man aber nicht mehr verantworten wollen.

Aufstockung Als der Kindergarten in Duisburg eröffnet wurde, konnte in Dortmund gerade die Erweiterung der Einrichtung gefeiert werden. 2003 wurde das Haus eröffnet, 45 Kinder wurden damals betreut. Sechs Jahre später, nach dem Umbau, konnten zehn weitere U3-Plätze angeboten werden.

Monika Röse, die Leiterin des Kindergartens, rattert die Zahlen herunter, die für die Umsetzung des Kinderbildungsgesetzes so wichtig sind. Andere Anforderungen an das Personal, andere Zuschüsse, alles ist festgelegt. Röse hat nur wenig Spielraum, wenn sie vor den vielen Anmeldungen für das nächste Kindergartenjahr sitzt. »Wenn ich in meiner Kalkulation 30 Kinder in einer 45-Stunden-Buchung habe, kann ich auch 32 Kinder aufnehmen, das ist noch in Ordnung«, erzählt sie. Mehr geht aber nicht. Eigentlich.

2011 erhielt die Jüdische Gemeinde Dortmund eine Sondergenehmigung, durfte von 53 auf 58 Kinder aufstocken. »Und diese 58 habe ich noch mal um zwei Plätze überziehen können«, erzählt Rose. Damit war die Grenze der Kulanz aber erreicht, alles darüber hinaus hätte eine Änderung im Personalschlüssel bedeutet. »Wir sind darauf bedacht, die Familien zu unterstützen und ihnen Plätze bei uns anzubieten, wenn sie benötigt werden. Aber wir müssen dabei auch aufpassen, wie weit wir gehen können.«

Verlagerung »Es gibt aber nicht nur das KiBiz«, bemerkt Jörg Lorenz, stellvertretender Verwaltungsdirektor der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf und zuständig für den Kindergarten. »Seit der Einführung im Jahr 2008 hat das Landesjugendamt als Aufsichtsbehörde mit diesem Gesetz sehr viel zu tun.«

Die Zahl der Anfragen sei groß, und inzwischen könne man mit einer Wartezeit von knapp zwei Jahren rechnen, bis die Betriebserlaubnis für eine neue Einrichtung erteilt würde. »Das wird dann sehr problematisch, wenn man dreimal so viele Kinder auf der Warteliste hat, wie überhaupt Plätze zur Verfügung stehen«, erklärt Lorenz.

Deshalb schlugen die Düsseldorfer einen anderen Weg ein, nämlich den über die Großtagespflege. Dieses Modell sieht als Aufsichtsbehörde das kommunale Jugendamt vor und entlastet das Landesjugendamt. Und: Es kann wesentlich schneller eingerichtet werden.

Andrang »Das ist speziell für die U3-Betreuung gedacht und sieht neun Plätze vor, das kann auch nicht überzogen werden«, erklärt Lorenz. Etwa sechs Monate sollen bis zur Genehmigung vergehen – für Kindergärten mit großem Andrang die Möglichkeit, um schnell mehr Plätze zur Verfügung zu stellen. Das soll bis April in Düsseldorf geschehen, der Mehrzweckraum des Schulzentrums wird dafür umgebaut.

Baulich und konzeptionell soll das neue Vorhaben nicht vom Niveau der Kindertagesstätte abweichen. »Es ist keine Einrichtung zweiter Klasse«, betont Jörg Lorenz. Bereits jetzt führt die Gemeinde eine Liste mit rund 50 Bewerbungen auf Plätze für Kinder unter drei Jahren. »Nur von Mitgliedern, dazu kommen noch alle anderen Bewerbungen.« Der Nachwuchs ist da.

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